ASIEN-TRENDS-Kolumne: Asien im Banne der Rohölpreise
Veröffentlicht am: 08.08.2008 um 14:27 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS
Die Asien-Börsen sind nach wie vor sehr volatil und reagieren auf positive wie negative Einflüsse weiterhin sehr sensibel. Abrupte Erholungsphasen wechseln sich in schneller Folge mit deutlichen Korrekturen ab; Bullen und Bären kämpfen verbissen um die Vorherrschaft.
Negativ haben sich diese Woche in erster Linie die Vorgaben aus den USA ausgewirkt, die in der Regel schlecht waren. Angesichts weiterer Milliardenabschreibungen bei zahlreichen US-Finanzinstituten (z.B. AIG) war dies auch kein Wunder. Ein sichtlich positiver Einflussfaktor war hingegen der Preisverfall bei den Rohölnotierungen, der sich in den letzten Tagen fortgesetzt hat.
Die Entwicklung der Ölpreise in den letzten Wochen ist ohnehin bemerkenswert. Vor rund vier Wochen hatte der maßgebliche Future in New York ein neues Rekordhoch von 147 Dollar pro Barrel erreicht. Seither sind die Notierungen scharf eingebrochen. Gestern ging es bis auf 117 Dollar pro Barrel nach unten, bevor dann eine leichte – überwiegend technisch bedingte – Erholung eintrat. Damit hat sich der September-Kontrakt in weniger als einem Monat um 30 Dollar verbilligt. Weder Produktionsausfälle bei einer großen US-Raffinerie noch der Sturm „Edouard“ im Golf von Mexiko noch das anhaltende Säbelrasseln iranischer Generäle konnten daran etwas ändern.
Für Asiens Volkswirtschaften hat diese Entwicklung eine elementare Bedeutung. Zum einen sind hohe Ölpreise natürlich auch in Asien ein konjunkturelles Wachstumshemmnis. Viel entscheidender ist aber die Auswirkung der Ölpreise auf die Inflationsentwicklung. Asiens Ökonomien (außer Japan) habe zur Zeit nicht unbedingt Wachstumsprobleme - und unterscheiden sich damit eben auch deutlich von den westlichen Volkswirtschaften. Es sind vielmehr die hohen Inflationsraten, die diesen Ländern partiell zu schaffen machen. Da die Wirtschaft in China, Indien und in den Tigerstaaten boomt, fallen stark steigende Rohstoffpreise dort auf einen besonders fruchtbaren Boden, und heizen die Inflation zusätzlich an.
Man kann Asiens Volkswirtschaften nicht den Vorwurf machen, dass sie auf die hohen Preissteigerungsraten nicht angemessen reagiert hätten. Indonesien hat den Leitzins diese Woche auf 9 Prozent angehoben; in Indien befindet er sich zur Zeit ebenfalls bei 9 Prozent. China wiederum hebt in raschem Tempo die Mindestreservesätze der kreditvergebenden Banken an. Stabilität wird allenthalben großgeschrieben. Die asiatischen Notenbanken sind dafür durchaus auch bereit, Abstriche beim Wachstum in Kauf zu nehmen.
Dazu muss es allerdings gar nicht zwingend kommen. Nicht nur Rohöl sondern auch viele Metalle und Agrarrohstoffe haben sich zuletzt wieder stark verbilligt. Dies sollte in den kommenden Monaten deutlich Druck von den asiatischen Verbraucherpreisen nehmen und würde damit den Zentralbanken die Möglichkeit geben, die Zügel wieder zu lockern. Gleichzeitig hätten die asiatischen Konsumenten mehr Geld in den Taschen, während sich auch die Situation bei den Gewinnmargen der Unternehmen entspannen würde. Asien ist von der Rohstoffpreis-Inflation mit am stärksten betroffen. Deshalb sollten die asiatischen Börsen von einer Trendumkehr auch am stärksten profitieren.
Noch ist allerdings schwer abzuschätzen, wohin beim Öl die Reise tatsächlich gehen wird. In den vergangenen Jahren war es nicht zuletzt der Asien-Boom, der die Ölpreise so stark nach oben getrieben hat. Dieser Boom hat sich vielleicht etwas abgeschwächt, hält aber weiterhin an. Zweifelsohne wird Öl vorerst nicht wieder so billig werden wie etwa vor fünf Jahren. Ob aber das zuletzt erreichte Rekordniveau in den nächsten Monaten noch einmal erreicht wird, darf ebenfalls bezweifelt werden. Zwar halten wir kurzfristig - nach dem massiven Abverkauf - eine Gegenbewegung nach oben für wahrscheinlich. Danach wird es aber spannend. Die Implikationen der Energiepreisentwicklung im nächsten halben Jahr sind - auch und gerade für Asien und die dortigen Börsen - enorm.
ASIEN-TRENDS hat bereits in Frühjahr darauf hingewiesen, dass die asiatischen Rohstofftitel überkauft seien, und im Depot zugunsten zyklischer Titel umgeschichtet werden müsse. Anfang Februar haben wir bei der Aktie des thailändischen Kohleminen-Betreibers Banpu (WKN: 882131) Teilgewinnmitnahmen zu 10 Euro vorgenommen, was einem Gewinn von 60 Prozent entsprach. Inzwischen notieren die Papiere wieder bei 7,40 Euro. Mitte März haben wir die Aktie von PetroChina (WKN: A0M4YQ) in ein Discount-Zertifikat auf PetroChina (WKN: AA0C3P) eingetauscht. Das Discount-Zertifikat befindet sich inzwischen 6,8 Prozent im Plus. In der Tat waren Asiens Rohstoffwerte bereits im Frühjahr heißgelaufen und gehören dementsprechend spätestens seit Mai wieder zu den deutlich Underperformern. Dieser Trend hat sich in den letzten Wochen nochmals verfestigt.
Grundsätzlich sind zahlreiche erstklassige Aktien in Asien jetzt immer billiger zu haben. Als besonders chancenreich haben wir zuletzt die zyklischen Sektoren wie etwa Technologie und Finanzen identifiziert. Inzwischen sind aber auch die asiatischen Rohstoffwerte wieder auf ein attraktives Niveau zurückgekommen. Allerdings wollen wir hier nicht gleich in die bestehende Abwärtsdynamik hineinkaufen, sondern erst die weitere Entwicklung an den Future-Märkten abwarten.
Gerhard Heinrich ist Asien-Redakteur bei EMFIS. Er verfasst gemeinsam mit Rainer Hahn den Trading-Dienst ASIEN-TRENDS. Dieser Börsenbrief erscheint immer bei Handlungsbedarf, aber mindestens einmal wöchentlich. Darin erhalten die Leser neben einer umfassenden Marktanalyse vor allem konkrete Aktien- und Derivate-Empfehlungen für die asiatischen Märkte.
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