Arbeitszeitgesetz, Regierung

Arbeitszeitgesetz: Regierung plant Ende des Acht-Stunden-Tags

25.05.2026 - 18:51:19 | boerse-global.de

Die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes könnte den Acht-Stunden-Tag ablösen. Betriebsräte bereiten sich auf neue Verhandlungen vor.

Arbeitszeitgesetz: Regierung plant Ende des Acht-Stunden-Tags - Foto: über boerse-global.de
Arbeitszeitgesetz: Regierung plant Ende des Acht-Stunden-Tags - Foto: über boerse-global.de

Während Großkonzerne wie Zalando und Nike Standorte schließen und Tausende Jobs streichen, plant die Bundesregierung eine Reform des Arbeitszeitgesetzes, die den Acht-Stunden-Tag infrage stellt. Betriebsräte sind gefordert wie nie zuvor.

Einigung bei Zalando: Sozialplan statt Gerichtsschlacht

Ein wichtiger Erfolg für die Beschäftigten zeichnet sich in Erfurt ab. Der Online-Modehändler Zalando und der Betriebsrat des Logistikzentrums haben sich darauf verständigt, den geplanten Standortschluss außergerichtlich zu verhandeln. Damit konnten sie eine Auseinandersetzung vor dem Landesarbeitsgericht abwenden, die für den 23. und 24. Mai 2026 angesetzt war.

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Das Logistikzentrum in Erfurt beschäftigte einst 2.700 Menschen. Aktuell sind es noch rund 2.000 Mitarbeiter. Die Schließung ist für September 2026 vorgesehen. Nun haben beide Seiten bis zum 20. Juni 2026 Zeit, einen Interessenausgleich und Sozialplan auszuhandeln. Sollten die Gespräche scheitern, ist für den 23. Juni die Einsetzung einer Einigungsstelle geplant. Tony Krause, Vorsitzender des Betriebsrats, spricht von einem „Etappensieg“ für die Belegschaft. Auch Ministerpräsident Voigt begleitet den Prozess politisch.

Nike reduziert Stellenabbau in Belgien

Ähnlich gelagert ist der Fall des Sportartikelherstellers Nike in Laakdal, Belgien. Am 24. Mai 2026 einigten sich Unternehmen und Gewerkschaften auf einen Sozialplan, der die Zahl der erzwungenen Kündigungen deutlich senkt. Statt ursprünglich geplanter 736 Stellenstreichungen sind nun maximal 371 betriebsbedingte Kündigungen vorgesehen.

Diese Beispiele zeigen: Betriebsräte sind in Restrukturierungsphasen das entscheidende Gegengewicht zum Management. Das Betriebsverfassungsgesetz sichert ihnen umfassende Informations- und Beratungsrechte bei Massenentlassungen und Betriebsänderungen.

Studie zeigt: Viele Arbeitnehmer scheitern an der Rechtsdurchsetzung

Doch die rechtlichen Schutzmechanismen greifen nicht immer. Eine aktuelle Studie der Universität Hamburg unter Leitung von Nikolai Huke kommt zu einem alarmierenden Befund: Viele Beschäftigte können ihre Rechte nicht durchsetzen. Die Komplexität der Gesetze und die Angst vor Repressalien durch den Arbeitgeber sind die größten Hürden.

Die Forscher beobachten einen systematischen Anstieg von Maßnahmen zur Bekämpfung von Betriebsräten – sogenanntes Union-Busting. Diese Methoden seien zunehmend auch bei öffentlichen Arbeitgebern zu finden, etwa bei Service-Töchtern von Universitätskliniken. Experten fordern daher strengere Strafen für Behinderungen der Betriebsratsarbeit. Die Studie betont: Die Wahl eines Betriebsrats bleibt der wirksamste Weg für Beschäftigte, sich kollektiv gegen Rechtsverstöße zu wehren.

Ein positives Beispiel kommt aus Österreich. Am 23. Mai 2026 gründete sich der erste Betriebsrat bei der Diakonie mobile Pflege in Oberwart. Unterstützt vom Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB) vertritt das Gremium künftig 75 Beschäftigte in der mobilen Pflege.

Klarheit vom Bundesarbeitsgericht: Vergütung von Betriebsräten

Auch die Gerichte präzisieren das Umfeld für Betriebsräte. Ein wegweisendes Urteil des Bundesarbeitsgerichts (BAG) vom 13. August 2025 (Az. 7 AZR 174/24) schafft Klarheit bei Vergütungsansprüchen von Betriebsratsmitgliedern. Das Gericht identifizierte drei rechtliche Grundlagen: den Mindestlohnanspruch, Ansprüche aus hypothetischem Karriereverlauf und rein vertragliche Ansprüche. Kläger müssen ihre Anträge nun mit Haupt- und Hilfsanträgen strukturieren, damit die Gerichte eine festgelegte Prüfungsreihenfolge einhalten.

Reform des Arbeitszeitgesetzes: Ende des Acht-Stunden-Tags?

Der wohl brisanteste Punkt für Betriebsräte ist die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes. Die Bundesregierung erwägt, die tägliche Höchstarbeitszeit von acht Stunden durch eine wöchentliche Obergrenze zu ersetzen. Kanzler Merz plädiert für mehr Flexibilität, Arbeitsminister Bas will im Juni 2026 einen Gesetzesentwurf vorlegen.

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Die möglichen Folgen sind enorm. Berechnungen des Hugo-Sinzheimer-Instituts zeigen: Bei einer rein wöchentlichen Begrenzung könnten Schichten theoretisch auf bis zu 73,5 Stunden pro Woche ausgedehnt werden. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) warnt vor erheblichen Gesundheitsrisiken, wenn die wöchentliche Arbeitszeit dauerhaft 40 Stunden überschreitet.

Die öffentliche Meinung ist gespalten. Eine forsa-Umfrage ergab, dass 59 Prozent der Befragten eine Umstellung auf Wochenlimits befürworten, um mehr Flexibilität zu erreichen – etwa für die Vier-Tage-Woche. Eine Studie des WSI-Instituts zeigt jedoch: 75 Prozent der Beschäftigten fürchten negative Folgen für ihre Work-Life-Balance und Gesundheit. Yasmin Fahimi, Chefin des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), hat bereits Proteste angekündigt.

Betriebsräte rüsten sich für neue Herausforderungen

Die Entwicklung zwingt Betriebsräte und Personalräte, sich intensiver mit Gesundheitsschutz und psychischer Belastung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen. Viele Gremien suchen spezielle Schulungen, um ihre Mitbestimmungsrechte nach Paragraf 87 Betriebsverfassungsgesetz bei neuen, flexiblen Arbeitsmodellen anzuwenden.

Seminar-Angebote für Betriebsräte

Eine Vielzahl von Beratungs- und Schulungsangeboten steht für das Jahr 2026 bereit. Organisationen wie das Bildungswerk ver.di und das Bildungswerk Rhein/Main haben zahlreiche Seminare aufgelegt:

  • Grundlagen: Einführung in die Betriebsratsarbeit und das Niedersächsische Personalvertretungsgesetz (NPersVG) für Personalräte
  • Restrukturierung: Spezielle Schulungen zu Betriebsänderungen und Sozialplänen, etwa die „BR 4“-Seminare im August 2026
  • Technische Überwachung: Training zum Einsatz von Microsoft 365 und anderen digitalen Tools unter Wahrung des Datenschutzes
  • Rechtsspezialitäten: Seminare zur „Verdachtskündigung“ im Juli 2026 unter Berücksichtigung aktueller Urteile der Landesarbeitsgerichte

Auch spezielle Foren für Jugend- und Auszubildendenvertretungen (JAV) befassen sich mit den besonderen Schutz- und Beteiligungsrechten der jüngsten Belegschaftsmitglieder.

Ausblick: Entscheidende Monate für die Arbeitswelt

Die kommenden Wochen werden richtungsweisend sein. Die Vorlage des neuen Arbeitszeitgesetzes im Juni 2026 wird voraussichtlich eine neue Welle von Verhandlungen auf Betriebsebene auslösen. Betriebsräte versuchen, Gesundheitsschutzstandards zu sichern, bevor der nationale Rahmen geändert wird.

Der Ausgang der Zalando-Verhandlungen bis zum 20. Juni wird zudem als Maßstab dafür dienen, wie moderne E-Commerce-Giganten und ihre Belegschaften Konflikte in Schrumpfungsphasen lösen. Die Wirksamkeit der Betriebsräte wird, wie die Hamburger Studie nahelegt, entscheidend davon abhängen, ob sie das komplexe rechtliche Umfeld navigieren und dem Druck des Managements standhalten können. Kontinuierliche professionelle Unterstützung und Weiterbildung sind dabei zu einer essenziellen Voraussetzung moderner Arbeitsbeziehungen geworden.

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