Arbeitszeitgesetz, Entwurf

Arbeitszeitgesetz: Entwurf will Acht-Stunden-Tag aufweichen

22.06.2026 - 00:30:26 | boerse-global.de

Ein Referentenentwurf erlaubt Tarifparteien künftig flexible Wochenarbeitszeiten. Experten warnen vor steigenden Gesundheitsrisiken.

Arbeitszeitgesetz: Neue Pläne lockern den Acht-Stunden-Tag auf
Arbeitszeitgesetz - Ein erschöpfter Büroangestellter sitzt nachts an einem Schreibtisch mit Papierkram und leuchtendem Bildschirm und hält den Kopf in den Händen. 22.06.2026 - Bild: über boerse-global.de

Ein neuer Referentenentwurf aus dem Bundesarbeitsministerium will die tägliche Höchstarbeitszeit massiv aufweichen. Tarifparteien sollen künftig flexiblere Regelungen aushandeln können – doch Fachbehörden und Gewerkschaften schlagen Alarm.

Wochenarbeitszeit statt Tageslimit

Das von Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) geführte Ministerium legte vergangene Woche einen Referentenentwurf vor. Das Papier behält den Paragrafen 3 des Arbeitszeitgesetzes zwar bei, der die achtstündige Werktagsarbeit festschreibt. Doch die Ausnahmeregelungen werden massiv erweitert.

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Tarifverträge oder Betriebsvereinbarungen könnten künftig eine wöchentliche statt einer täglichen Höchstarbeitszeit festlegen. Voraussetzung: Der Gesundheitsschutz bleibt gewahrt. Im Jahresschnitt darf die Arbeitszeit maximal 48 Stunden pro Woche betragen. Auch die bisher vorgeschriebene Ruhezeit von elf Stunden könnte entfallen.

Flankiert wird die Flexibilisierung durch eine strikte Dokumentationspflicht. Die Arbeitszeit muss elektronisch und noch am selben Tag erfasst werden. Das Vorhaben befindet sich nach Berichten vom 18. Juni 2026 noch in einer frühen Phase vor der Ressortabstimmung.

BAuA warnt vor dramatischen Folgen

Die Pläne treffen auf eine angespannte Lage in deutschen Betrieben. Ein am 21. Juni veröffentlichtes Dossier der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zeigt die bestehenden Belastungen. Vollzeitbeschäftigte arbeiten demnach durchschnittlich 43 Stunden pro Woche – obwohl die vertragliche Arbeitszeit im Mittel nur bei 38,4 Stunden liegt.

Besonders betroffen sind Männer: 58 Prozent von ihnen arbeiten zwischen 40 und 48 Stunden wöchentlich. Bei den Frauen sind es 36 Prozent. Die Experten warnen vor den Folgen langer Arbeitstage. Ab der neunten Arbeitsstunde steige das Unfallrisiko exponentiell an.

Wer regelmäßig 50 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, riskiert Burnout und verstärkten Alkoholkonsum. Bereits 2024 leisteten Beschäftigte in Deutschland 638 Millionen unbezahlte Überstunden. 43 Prozent der Arbeitnehmer überschreiten den Acht-Stunden-Tag bereits jetzt häufig.

Ruhezeiten und Pausen leiden massiv

Neben der Arbeitsdauer steht die Einhaltung von Erholungsphasen in der Kritik. Laut BAuA-Erhebungen haben 16 Prozent der Beschäftigten mindestens einmal pro Monat eine verkürzte Ruhezeit von weniger als elf Stunden. 36 Prozent lassen häufig ihre Pausen ausfallen.

Die Bundesanstalt betont: Verkürzte Ruhezeiten erhöhen das Risiko für psychosomatische Beschwerden und Unfälle. Kurze Pausen von bis zu 15 Minuten seien dagegen essenziell, um etwa Muskel-Skelett-Beschwerden vorzubeugen. Eine systematische Arbeitszeiterfassung sei Grundvoraussetzung für eine wirksame Gefährdungsanalyse – das forderten bereits der Europäische Gerichtshof (2019) und das Bundesarbeitsgericht (2022).

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Sozialpartner schießen sich auf Entwurf ein

Die politische Resonanz ist gespalten. CDU-Generalsekretär Linnemann lehnt den Entwurf ab, insbesondere wegen des sogenannten Tarifvorbehalts. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall kritisiert das Vorhaben als Rückfall. Der DEHOGA Niedersachsen sieht in der verpflichtenden elektronischen Erfassung eine Zunahme von Kosten und Bürokratie.

Arbeitnehmervertreter warnen vor einer Erosion des Gesundheitsschutzes. DGB-Chefin Yasmin Fahimi wies auf die Risiken hin. Der Marburger Bund lehnte die Pläne explizit ab. Für Klinikärzte, die bereits durchschnittlich sechs Überstunden pro Woche leisten, könnten Arbeitstage von bis zu 13 Stunden drohen – das gefährde die Patientensicherheit.

Lkw- und Busfahrer besonders betroffen

Die Problematik der Übermüdung zeigt sich besonders drastisch im Logistikbereich. Anlässlich des „Drivers‘ Fatigue Day“ am 21. Juni veröffentlichte die Gewerkschaft vida Ergebnisse einer Studie der European Transport Workers‘ Federation (ETF). Demnach geben 60 Prozent der Lkw-Fahrer und 66 Prozent der Busfahrer an, chronisch müde am Steuer zu sitzen.

Als Hauptursachen identifiziert die Studie lange Arbeitszeiten und unzureichende Ruhemöglichkeiten. Die Gewerkschaften fordern schärfere Kontrollen gegen Lohndumping und eine bessere soziale Infrastruktur: mehr Parkplätze, Duschen und Toiletten an den Verkehrswegen. Nur so ließen sich die gesetzlich vorgeschriebenen Erholungszeiten menschenwürdig gestalten.

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