Arbeitszeit-Reform: Verbände fordern Wochenmodell statt Tagesgrenzen
Veröffentlicht am: 07.08.2026 um 09:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland steht auf dem Prüfstand. Mehrere Verbände und Institute legen am 6. August 2026 Positionspapiere vor, die eine grundlegende Modernisierung von Arbeitszeitrecht und Steuersystem fordern. Im Zentrum: flexiblere Wochenmodelle statt starrer Tagesgrenzen.
Arbeitszeit: Abschied von der täglichen Höchstgrenze
Der AUB e.V. präsentiert mit den „Hamburger Thesen“ einen radikalen Vorschlag: Die tägliche Arbeitszeitbegrenzung soll durch ein Wochenmodell ersetzt werden. Die EU-Obergrenze von 48 Stunden pro Woche bleibt dabei bestehen. Unternehmen und Beschäftigte sollen mehr Spielraum bei der Verteilung der Arbeitsstunden erhalten – ohne Ausweitung des Tarifzwangs. Ruhezeiten von elf Stunden und Pausenregelungen bleiben unangetastet.
Die Zahlen untermauern den Reformbedarf: 2024 lag die tatsächliche Wochenarbeitszeit in Deutschland im Schnitt bei 34,8 Stunden. Männer arbeiteten mit 39,9 Stunden deutlich mehr als Frauen mit 32,3 Stunden.
Auch die Denkfabrik Zukunft der Gastwelt (DZG) drängt auf Veränderung. Ihr Elf-Punkte-Programm fordert für die rund 6,1 Millionen Beschäftigten der Branche flexiblere Arbeitszeitrahmen. Saisonale und betriebliche Schwankungen sollen sich künftig besser abfedern lassen.
Steuerstreit: Einheitssteuer statt Ermäßigungen
Parallel zur Arbeitszeitdebatte entbrennt ein Streit um die Zukunft des Steuersystems. Die DZG verlangt ein dreijähriges Steuermoratorium, eine Investitionsprämie von 25 Prozent und eine dauerhaft ermäßigte Umsatzsteuer auf Speisen und Beherbergung.
Wer sich mit den aktuellen Forderungen zur Flexibilisierung und den rechtlichen Rahmenbedingungen der Arbeitszeit befasst, benötigt eine rechtssichere Basis für den Betrieb. Dieser kostenlose Ratgeber unterstützt Sie dabei, die gesetzlich vorgeschriebene Dokumentation effizient und fehlerfrei umzusetzen. 5 sofort umsetzbare Maßnahmen zur Arbeitszeiterfassung entdecken
Eine konträre Position vertritt ifo-Präsident Clemens Fuest: Er will den ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent komplett abschaffen. Stattdessen soll ein einheitlicher Satz von 19 Prozent auf alle Waren und Dienstleistungen gelten. Nach ifo-Berechnungen kostet der ermäßigt Satz derzeit 43,5 Milliarden Euro pro Jahr. Eine Vereinheitlichung brächte dem Staat Netto-Mehreinnahmen von rund 36 Milliarden Euro – selbst wenn die ärmere Hälfte der Haushalte monatlich 30 Euro Direkttransfers erhielte. Die SPD lehnt die Pläne umgehend ab.
Kritik kommt auch aus der Freizeitwirtschaft. Der Verband Deutscher Freizeitparks (VDFU) bemängelt: Deutschland ist das einzige EU-Land ohne ermäßigten Steuersatz für Freizeitparks. Die Folge: Neuinvestitionen wandern zunehmend nach Tschechien oder Polen ab.
Betriebe gehen voran – Politik zögert
Während Verbände über Gesetze streiten, zeigen einzelne Unternehmen, wie Beschäftigungssicherung konkret funktionieren kann. Der Waagenhersteller Bizerba investiert rund 70 Millionen Euro und garantiert Arbeitsplätze bis 2030. Das Modell: Mitarbeiter verzichten vorübergehend auf Sonderzahlungen und leisten unbezahlte Stunden über Zeitkonten. Zwischen 2027 und 2029 sind so bis zu 100 Stunden pro Jahr möglich.
Die Debatte um Steuerreformen und Umsatzsteuersätze zeigt, wie komplex die finanziellen Pflichten für Unternehmen und Selbstständige sind. Dieser kostenlose PDF-Ratgeber liefert Ihnen sofortige Antworten auf alle wichtigen Fragen rund um die Umsatzsteuer und Voranmeldungen. Kostenlosen Umsatzsteuer-Ratgeber jetzt herunterladen
Die Politik bleibt indes zögerlich. Der Bundesrat lehnte bereits im Mai 2026 eine freiwillige Entlastungsprämie ab – das Handwerk begrüßte die Entscheidung. Mitte Mai bestätigte der Koalitionsausschuss das Aus für das Vorhaben. Die SPD-Politikerin Sarah Philipp setzt stattdessen im Juni 2026 auf stärkere Tarifbindung und flexiblere Arbeitszeitmodelle, besonders für Frauen. Zudem fordert sie Entlastungen bei Kita-Gebühren und Wohnkosten.
Fachkräftemangel: ifo will Kurzarbeitergeld kürzen
Das ifo-Institut empfiehlt außerdem, die Bezugsdauer von Kurzarbeitergeld zu verkürzen. Unternehmen sollen aktiver nach qualifiziertem Personal suchen und Strukturwandel beschleunigen. Kritiker warnen vor steigender Arbeitslosigkeit.
Umstritten bleibt auch die Zukunft der Minijobs. Die DZG schätzt, dass in der Gastwelt zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Beschäftigte davon betroffen sind – und fordert deren Beibehaltung.
