Arbeitszeit-Reform, Merz-Regierung

Arbeitszeit-Reform: Merz-Regierung plant radikale Abkehr vom Acht-Stunden-Tag

12.05.2026 - 01:42:46 | boerse-global.de

Die Bundesregierung plant die Abschaffung der täglichen Höchstarbeitszeit zugunsten flexiblerer Wochenmodelle. Gewerkschaften protestieren gegen mögliche 13-Stunden-Tage.

Arbeitszeit-Reform: Merz-Regierung plant radikale Abkehr vom Acht-Stunden-Tag - Foto: über boerse-global.de
Arbeitszeit-Reform: Merz-Regierung plant radikale Abkehr vom Acht-Stunden-Tag - Foto: über boerse-global.de

Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz bereitet eine grundlegende Neuordnung des deutschen Arbeitszeitrechts vor. Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigte an, im Juni 2026 einen Gesetzesentwurf vorzulegen, der die tägliche Höchstarbeitszeit durch eine flexible Wochengrenze ersetzen soll.

Von der Tages- zur Wochenarbeitszeit

Bislang gilt in Deutschland: Acht Stunden pro Tag sind die Regel, unter bestimmten Bedingungen sind zehn Stunden erlaubt – bei einer wöchentlichen Obergrenze von 48 Stunden. Die geplante Reform soll diese täglichen Beschränkungen aufheben. „Wir brauchen eine moderne Arbeitszeitregelung, die Produktivität und Familienleben besser vereinbar macht", so die Ministerin. Die EU-weit geltende Wochenhöchstgrenze bleibt demnach erhalten.

Doch die Rechnung könnte aufgehen – oder nach hinten losgehen. Das Hugo-Sinzheimer-Institut und die Hans-Böckler-Stiftung haben durchgerechnet, was passiert, wenn die tägliche Deckelung fällt: Bei einer Ruhezeit von elf Stunden und den gesetzlichen Pausen wären Arbeitstage von bis zu 12 Stunden und 15 Minuten möglich. In einer Sechs-Tage-Woche summiert sich das rechnerisch auf 73,5 Stunden.

Um Missbrauch zu verhindern, plant das Ministerium eine verpflichtende elektronische Zeiterfassung. „Ohne lückenlose Dokumentation können wir die neuen Freiheiten nicht kontrollieren", betonte Bas. Die Arbeitgeberverbände, allen voran die bayerische vbw, feiern die Pläne seit Jahren als längst überfällige Modernisierung.

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Gewerkschaften schlagen Alarm

Der Widerstand der Arbeitnehmervertreter ist massiv. Auf dem DGB-Bundeskongress am 10. Mai zog Vorsitzende Yasmin Fahimi eine klare rote Linie: „Die Regierung versucht, den Sozialstaat zu demontieren." Überlange Arbeitstage seien kein Konjunkturprogramm, sondern legalisierten ausbeuterische Geschäftsmodelle.

Die gesundheitlichen Risiken sind gut dokumentiert. Das Bundesinstitut für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) wies bereits im September 2023 nach: Wer mehr als 40 Stunden pro Woche arbeitet, erhöht sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselstörungen und Arbeitsunfälle drastisch. Ab der achten Stunde eines Arbeitstages steige die Unfallgefahr sprunghaft an.

Guido Zeitler, Chef der Gewerkschaft NGG, warnt vor einer „Brandbeschleuniger-Wirkung" für den Fachkräftemangel. „Wer will schon in die Gastronomie oder den Einzelhandel, wenn dort bald 13-Stunden-Tage Normalität werden?" Eine DGB-Umfrage vom Juli 2025 unter 2.000 Teilnehmern untermauert die Skepsis: Drei Viertel der Befragten fürchten negative Folgen für ihr Familienleben. Und aktuelle Daten vom April zeigen: 98 Prozent der Beschäftigten lehnen Arbeitstage von mehr als zehn Stunden ab.

Gerichte ziehen rote Linien

Während die Politik noch diskutiert, setzen die Arbeitsgerichte bereits neue Maßstäbe. Das Landesarbeitsgericht Thüringen entschied am 2. März 2026: Arbeitgeber dürfen den zusammenhängenden Urlaub nicht pauschal auf zwei Wochen begrenzen. Eine solche Regelung verstoße gegen das Bundesurlaubsgesetz. Einem Kläger wurde per Eilverfahren eine dreiwöchige Auszeit zugesprochen.

Das Bundesarbeitsgericht stellte am 11. Mai klar: Gehaltserhöhungen dürfen nicht an die Unterschrift eines neuen Arbeitsvertrags gekoppelt werden. Das verstoße gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Einen Tag zuvor entschied das LAG Nürnberg, dass freigestellte Betriebsräte nicht automatisch Anspruch auf dieselben Gehaltssteigerungen haben wie Kollegen, die durch spezielle Qualifikationen aufgestiegen sind.

Auch technologische Umbrüche beschäftigen die Justiz. Ein chinesisches Gericht in Hangzhou urteilte, dass eine Kündigung allein wegen der Einführung künstlicher Intelligenz rechtswidrig ist – Unternehmen müssen zuerst Umschulungen anbieten.

Rekord-Arbeitsvolumen bei 638 Millionen Überstunden

Der Vorstoß für mehr Flexibilität kommt zu einer Zeit, in der der deutsche Arbeitsmarkt unter enormem Druck steht. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meldet für 2023 ein Rekord-Arbeitsvolumen von knapp 55 Milliarden Stunden. Gleichzeitig leisteten Beschäftigte 2024 rund 638 Millionen unbezahlte Überstunden.

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Befürworter der Reform wie CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann und der Arbeitgeberverband Gesamtmetall sehen die Chance auf eine bessere Work-Life-Balance. „Wer an manchen Tagen länger arbeitet, kann dafür einen ganzen Tag frei nehmen – das hilft Pendlern und Eltern", argumentieren sie. OECD und DIW sehen das größte Wachstumspotenzial ohnehin in einer höheren Erwerbsbeteiligung von Frauen – vorausgesetzt, die Kinderbetreuung wird ausgebaut.

Ausblick: Heißer Sommer der Arbeitszeitdebatte

Die Vorlage des Gesetzesentwurfs im Juni dürfte eine intensive politische Auseinandersetzung auslösen. Verdi-Chef Frank Werneke spricht bereits von einem „Signal der Empathielosigkeit" und prophezeit steigende Krankenstände, falls der 13-Stunden-Tag Realität werde.

Der Streit um die verpflichtende elektronische Zeiterfassung wird zum entscheidenden Knackpunkt: Die Gewerkschaften sehen darin einen notwendigen Schutzmechanismus, die Arbeitgeber befürchten bürokratische Hürden. Fest steht: Die Reform würde die Arbeitsrealität von Millionen Beschäftigten grundlegend verändern – und die Lohnabrechnungssysteme aller Branchen vor eine gewaltige Umstellung stellen.

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