Arbeitszeit-Reform: Acht-Stunden-Tag wird durch 48-Stunden-Woche ersetzt
10.06.2026 - 22:02:43 | boerse-global.de
Bundesregierung und Sozialpartner haben am Mittwoch im Kanzleramt über eine der größten Arbeitsmarktreformen der letzten Jahrzehnte beraten. Im Kern geht es um die Abkehr vom klassischen Acht-Stunden-Tag.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte zu dem dreistündigen Spitzentreffen geladen. Jeweils vier Vertreter der Arbeitgeberverbände und der großen Gewerkschaften diskutierten mit der Koalitionsspitze über die wirtschaftliche Lage. Konkrete Beschlüsse fielen noch nicht – die Entscheidung soll am 1. Juli im Koalitionsausschuss fallen.
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Abkehr vom Acht-Stunden-Tag geplant
Das zentrale Reformvorhaben: Die tägliche Höchstarbeitszeit von acht beziehungsweise maximal zehn Stunden soll durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden ersetzt werden. Grundlage ist die EU-Arbeitszeitrichtlinie.
Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) kündigte an, noch im Juni einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen. Theoretisch wären dann Arbeitstage von bis zu 13 Stunden möglich – solange die Wochengrenze eingehalten wird.
Die Arbeitgeberverbände BDA, BDI, DIHK und ZDH sehen darin einen notwendigen Schritt für die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Ganz anders die Reaktion der Gewerkschaften.
DGB-Chefin Yasmin Fahimi bezeichnete die Pläne als „verfehlt“. IG-Metall-Chefin Christiane Benner kritisierte die Debatte angesichts der schwachen Auftragslage als „unpassend“ und forderte stattdessen Investitionen in Qualifizierung und die Erwerbsbeteiligung von Frauen.
Ökonomische Notwendigkeit gegen gesundheitliche Risiken
Befürworter der Reform verweisen auf den demografischen Wandel. Ökonom Holger Schäfer vom DIW warnt: Durch das Ausscheiden der Babyboomer drohen Arbeitskräftemangel und Wohlstandsverluste. Eine reine Flexibilisierung sichere zwar noch nicht das Gesamtarbeitsvolumen, erhöhe aber die betriebliche Effizienz.
Arbeitswissenschaftler und Juristen sehen das kritischer. Laut Fachanwalt Pascal Croset sinkt die Produktivität ab der zehnten Arbeitsstunde massiv. Die Hans-Böckler-Stiftung verweist auf Studien, wonach das Unfallrisiko bereits nach der achten Stunde ansteigt.
Eine Befragung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) zeigt zudem: Drei Viertel der Beschäftigten befürchten negative Auswirkungen auf ihre Work-Life-Balance.
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Sorgen um Sozialstandards und Rentensicherheit
Neben der Arbeitszeit standen auch Sozialversicherungsthemen auf der Agenda. Verdi-Chef Frank Werneke warnte vor Einschnitten bei der Rente und forderte, die Kopplung der Renten an die Reallohnentwicklung beizubehalten.
VdK-Präsidentin Verena Bentele lehnte pauschale Kürzungen im Sozialbereich ab. Sie mahnte eine bessere Finanzierung des Sozialstaats an – etwa durch Anpassungen bei der Erbschafts- oder Vermögensteuer.
Wirtschaftsberaterin Veronika Grimm betonte die Notwendigkeit eines konsistenten Reformpakets, um das Wachstum nachhaltig zu stärken. Das Kanzleramt hofft auf gemeinsame Vorschläge der Sozialpartner.
Kanzler Merz stellte klar: Die letztliche Entscheidungsbefugnis liege allein bei der Regierungskoalition. Mittelstandsverbände, die nicht zu dem Treffen eingeladen waren, kritisierten ihren Ausschluss von den Beratungen.
