Arbeitsschutz-Reform, Attest

Arbeitsschutz-Reform: Ärztliches Attest ab Tag eins Krankheit

04.07.2026 - 00:48:29 | boerse-global.de

Bundesregierung beschließt Reformpaket mit Attestpflicht ab Tag eins und verschärften Bußgeldern für Arbeitgeber.

Arbeitsrecht 2026: Neue Regeln zu Krankschreibung und Betriebsarzt
Arbeitsschutz-Reform - Nahaufnahme der Hände eines Arztes, der ein Klemmbrett hält, mit einem Stethoskop in der Nähe, in einem modernen Arztbüro. 04.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Es bringt tiefgreifende Änderungen im Arbeitsrecht und beim Gesundheitsschutz. Hintergrund ist ein Rekordkrankenstand: Die DAK bezifferte die durchschnittlichen Fehltage für 2025 auf 19,5 Tage pro Beschäftigtem.

Arbeitsmedizinische Vorsorge wird neu sortiert

Die Arbeitsmedizinische Vorsorgeverordnung (ArbMedVV) bleibt ein zentraler Baustein. Sie sieht eine gezielte ärztliche Beratung zu arbeitsbedingten Gesundheitsrisiken vor – ohne zwingende körperliche Untersuchung.

Die Verordnung unterscheidet drei Vorsorgearten:

  • Pflichtvorsorge: Obligatorisch bei Gefahrstoffen oder feuchter Arbeit ab vier Stunden täglich.
  • Angebotsvorsorge: Muss der Arbeitgeber bei Bildschirmarbeit oder Nachtschichten aktiv anbieten.
  • Wunschvorsorge: Beschäftigte können bei gesundheitlichen Bedenken selbst einen Arzttermin initiieren.

Verstöße kosten Unternehmen bis zu 5.000 Euro pro Fall. Die Kosten trägt der Arbeitgeber. Als Nachweis erhält der Betrieb eine Vorsorgebescheinigung – ohne medizinische Diagnosen.

Betriebsarztpflicht: Schon ab dem ersten Mitarbeiter

Unabhängig von der Unternehmensgröße besteht ab dem ersten Beschäftigten die Pflicht zur Bestellung eines Betriebsarztes. Seine Aufgaben: Beratung bei der Gefährdungsbeurteilung, Durchführung der Vorsorge und Begehung der Arbeitsstätten.

Die Kosten variieren stark: Das Unternehmermodell schlägt mit 150 bis 500 Euro pro Jahr zu Buche, die Regelbetreuung durch externe Dienstleister mit 600 bis 2.500 Euro. Wer die Bestellungspflicht ignoriert, riskiert Bußgelder von bis zu 25.000 Euro.

Die wirtschaftliche Relevanz ist enorm: Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) registrierte jährlich über 700 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage. Die daraus resultierenden Produktionsausfälle beliefen sich auf rund 85 Milliarden Euro.

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Krankschreibung: Schluss mit telefonisch – Attest ab Tag eins

Am 2. Juli beschloss die Koalition weitreichende Verschärfungen beim Nachweis der Arbeitsunfähigkeit. Die telefonische Krankschreibung soll abgeschafft werden. Und die Attestpflicht gilt künftig bereits ab dem ersten Krankheitstag – statt wie bisher ab dem vierten.

Bundeskanzler Merz begründete den Schritt mit dem hohen Krankenstand. Dieser sei ein Wettbewerbsnachteil.

Arbeitsrechtler weisen darauf hin: Die Bescheinigung muss nicht zwingend am ersten Tag vorliegen, sollte aber zeitnah nachgereicht werden. Eine rückwirkende Krankschreibung bleibt für bis zu drei Tage möglich.

Ärzteverbände und Krankenkassen warnen vor einer Überlastung der Praxen. Die Politik setzt dagegen auf Videosprechstunden und plant die Einführung von Teilkrankschreibungen – in Stufen von 25, 50 oder 75 Prozent.

Die Neuregelungen sind Teil eines 34-Punkte-Programms. Es sieht auch Erleichterungen beim Kündigungsschutz für Spitzenverdiener mit einem Monatseinkommen über 15.000 Euro vor.

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Ergonomie und Impfempfehlungen im Fokus

Neben den Formalitäten bleibt die physische Belastung ein Schwerpunkt. Bei Tätigkeiten mit manuellem Ziehen und Schieben von Lasten empfiehlt die BAuA die Leitmerkmalmethode. Ab bestimmten Punktwerten ist von einer wesentlich erhöhten Belastung auszugehen – dann sind Maßnahmen erforderlich.

Besonderen Schutz genießen Jugendliche und Schwangere. Für sie gelten spezifische Grenzwerte nach dem Jugendarbeitsschutz- und dem Mutterschutzgesetz.

Ergänzend hat die Ständige Impfkommission (STIKO) ihre Empfehlungen für 2026 aktualisiert. Sie enthält spezifische Impfhinweise für Berufsgruppen mit Tierkontakt oder für Reisende in Risikogebiete – ein Thema, das in der arbeitsmedizinischen Beratung zunehmend an Bedeutung gewinnt.

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