Arbeitsschutz: Ein Drittel der Unternehmen erhöht Sicherheitsinvestitionen
27.05.2026 - 18:31:21 | boerse-global.de
Ein Drittel aller Unternehmen gibt bereits mehr Geld für Sicherheit am Arbeitsplatz aus. Der Trend geht weg von reiner Compliance hin zu ergonomischen Hightech-Lösungen und digitaler Prävention.
Exoskelette und rückenschonende Technik
Besonders in Branchen mit schwerer körperlicher Arbeit zeichnet sich ein Wandel ab. Auf der Messe THE TIRE COLOGNE (9. bis 11. Juni 2026) präsentiert die hTRIUS GmbH ihr BionicBack-Exoskelett – speziell entwickelt für die Reifen- und Radindustrie. Das Gerät soll den Druck auf den unteren Rücken bei Hebe- und Biegebewegungen um bis zu 30 Prozent reduzieren.
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Die Wirtschaftlichkeit solcher Technologien untermauert eine Studie der Universitätsmedizin Magdeburg vom Februar 2026. Die Forscher untersuchten passive Exoskelette in der Pflege und kamen zu einem klaren Ergebnis: Die Geräte entlasten das Personal spürbar. Und: Die Investition amortisiert sich bereits, wenn nur wenige Krankheitstage vermieden werden. Allerdings, so die Autoren, ersetzen Exoskelette keine ergonomischen Arbeitsabläufe oder ausreichende Personaldecken.
Auch bei vermeintlich einfachen Produkten wie Solarmodulen rückt die Ergonomie in den Fokus. Die Aktion Gesunder Rücken (AGR) zertifiziert inzwischen Photovoltaik-Module – nach Kriterien wie geringeres Gewicht, kleinere Abmessungen und rückenschonende Verpackung. Zwei bifaziale Doppelglas-Module von DMEGC Solar gehören zu den ersten zertifizierten Produkten.
Strengere Regeln für Biostoffe und Chemikalien
Neue Verordnungen zwingen Unternehmen zum Umdenken. Die überarbeiteten Technischen Regeln für Biologische Arbeitsstoffe (TRBA 500) aus August 2025 führen eine einheitliche Terminologie ein und machen das STOP-Prinzip (Substitution, Technische, Organisatorische, Personelle Maßnahmen) verbindlich. Persönliche Schutzausrüstung gilt danach als letzte Barriere – technische und organisatorische Maßnahmen müssen immer vorgehen.
Die Novelle schreibt zudem regelmäßige Wirksamkeitskontrollen vor und definiert konkrete Anforderungen an Lüftung, Filtertechnik und Hygiene. Unternehmen müssen vor Arbeitsbeginn umfassende Gefährdungsbeurteilungen durchführen, die auch mögliche Unfälle und Betriebsstörungen berücksichtigen.
Parallel dazu hat das Bundeskabinett Parkinson durch häufigen Pestizideinsatz in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen. Branchenverbände zweifeln zwar an den wissenschaftlichen Schwellenwerten, doch die Regierung reagierte prompt: Die Bundesmittel für die Soziale Landwirtschafts-, Forst- und Gartenbau-Unfallversicherung (SVLFG) steigen um 20 Millionen Euro für den Zeitraum 2025/2026.
Bodycams für Österreichs Justiz – Militär setzt auf moderne Logistik
Auch im öffentlichen Sicherheitsbereich modernisiert sich die Schutzausrüstung. Österreichs Justizminister Sporrer kündigte die Einführung von Bodycams für den Justizvollzugsdienst ab Juni 2026 an. Das Ministerium stellt 900.000 Euro für die erste Phase bereit – 500 Motorola V500-Geräte für 29 Justizanstalten. Der Rollout soll bis Ende 2026 abgeschlossen sein und zunächst die Sicherheit von Interventionsgruppen erhöhen, bevor alle Mitarbeiter ausgerüstet werden.
Die Bundeswehr geht einen anderen Weg: Das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) hat einen Wettbewerb für bis zu 1.000 multifunktionale Feldumschlaggeräte (MUFFEL) ausgeschrieben. Die Teleskopstapler müssen spezifische Last- und Straßenzulassungsanforderungen erfüllen. Der Rahmenvertrag läuft über 15 Jahre bis 2032 – ein klares Signal für langfristige Investitionen in die militärische Logistik.
Die wirtschaftliche Entwicklung des Sicherheitssektors untermauert diesen Trend. Ansell, ein weltweit führender Anbieter von Schutzlösungen, erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von umgerechnet rund 950 Millionen Euro. Trotz konjunktureller Schwankungen stieg der bereinigte Nettogewinn um 18,1 Prozent, die EBIT-Marge kletterte auf 14,3 Prozent. Analysten sehen den Markt für hochwertige PSA als robust – Unternehmen setzen zunehmend auf Qualität statt auf den günstigsten Preis.
Sicherheitskultur im Umbruch: Psychische Belastung wird zum Top-Thema
Das DGUV-Barometer 2026, eine Umfrage vom März 2026, zeichnet ein differenziertes Bild der aktuellen Sicherheitskultur. Neun von zehn Beschäftigten betrachten Prävention inzwischen als entscheidenden Faktor für die Stabilität ihres Unternehmens. Die Führungsebene zieht mit: 94 Prozent der Führungskräfte wollen ihre Mitarbeiter gesund bis zur Rente bringen.
Doch die Umfrage offenbart auch eklatante Lücken. Ein Drittel der Unternehmen fühlt sich auf größere Krisen schlecht vorbereitet. Während klassische Unfallrisiken wie Stolpern, Rutschen und Stürzen mit 53 Prozent weiterhin dominieren, rücken neue Gefahren in den Fokus: Psychische Belastungen (50 Prozent) und Gewalt am Arbeitsplatz (22 Prozent). Besonders alarmierend: 60 Prozent der Befragten sehen psychische Erkrankungen als wachsendes Risiko – gefolgt von der alternden Belegschaft und der Bedrohung durch Cyberangriffe.
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Cybersecurity als Teil des Arbeitsschutzes
Die Cyber Resilience Act (CRA) , seit Ende 2024 in Kraft, zwingt Unternehmen zum Umdenken. Ab dem 11. September 2026 gelten Meldepflichten – und gerade kleine und mittlere Unternehmen (KMU) stehen unter Druck. Die Studie von G Data zeigt ein Problem: 77 Prozent der Geschäftsführer fühlen sich persönlich für die IT-Sicherheit verantwortlich – auf Teamleiterebene sinkt dieses Bewusstsein jedoch drastisch.
Ausblick: Zwischen KI-Boom und fehlenden Regeln
Die Zukunft des Arbeitsschutzes wird von zwei Faktoren bestimmt: physischer Ergonomie und digitaler Resilienz. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz am Arbeitsplatz ist rasant gestiegen – von 59 Prozent im Jahr 2025 auf 75 Prozent Anfang 2026 (laut SPS/WORKTECH Academy). Doch fast ein Drittel der Unternehmen hat noch immer keine KI-Richtlinien, während Mitarbeiter zunehmend eigene digitale Tools nutzen.
Für Sicherheitsbeauftragte und Einkäufer wird die kommende Zeit zum Drahtseilakt: Sie müssen aktualisierte Technische Regeln wie die TRBA 500 umsetzen und gleichzeitig in Zukunftstechnologien wie Exoskelette investieren. Die Botschaft des DGUV-Barometers ist eindeutig: Erfolgreiche Unternehmen werden PSA nicht länger als Kostenfaktor betrachten, sondern als strategische Investition in Krisenfestigkeit und langfristige Mitarbeitergesundheit.
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