Arbeitsplatz-Hitze: 35 Grad ist die Grenze für Untauglichkeit
Veröffentlicht am: 16.08.2026 um 02:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In der anhaltenden Hitzeperiode haben Experten und Arbeitsschutzfachleute die geltenden Grenzwerte für die Temperatur am Arbeitsplatz präzisiert. Demnach gelten Innenräume bei einer Lufttemperatur von mehr als 35 Grad Celsius als nicht mehr für die Arbeit geeignet.
Bereits ab einer Schwelle von 26 Grad Raumtemperatur sind Arbeitgeber dazu verpflichtet, Ausgleichsmaßnahmen zu ergreifen, während ab 30 Grad spezifische Gegenmaßnahmen zwingend erforderlich werden.
Massive Hitzebelastung in der stationären Pflege
Die praktischen Auswirkungen dieser Grenzwerte zeigen sich derzeit besonders deutlich im Gesundheitssektor. Eine aktuelle Befragung der Gewerkschaft Verdi unter 321 Pflegekräften verdeutlicht die prekäre Lage in deutschen Pflegeheimen.
Zwischen dem 30. Juli und dem 10. August wurden insgesamt 801 Messungen durchgeführt, die eine extreme thermische Belastung dokumentieren. Während der Median der Temperaturen tagsüber zwischen 28 und 30 Grad lag, meldeten 40,9 Prozent der Befragten Werte von über 30 Grad.
In 12,8 Prozent der Fälle wurden sogar Temperaturen von mehr als 35 Grad gemessen, wobei die Spitzenwerte bis zu 45 Grad erreichten. Selbst nachts sank der Median nicht unter 26 Grad.
Angesichts dieser Daten forderte Verdi ein Sofortprogramm für den Hitzeschutz sowie eine energetische Sanierung der Einrichtungen. Die Gewerkschaft kritisierte zudem, dass die knappe Personalausstattung in Hitzephasen zunehmend kollabiere, und verlangte eine Überarbeitung der Pflegereform.
Hohe Sterblichkeit und mangelnde Infrastruktur
Das Robert Koch-Institut (RKI) legte aktuelle Zahlen zur Hitzesterblichkeit vor. Im Zeitraum zwischen dem 6. April und dem 2. August wurden demnach 12.500 Hitzetote verzeichnet, wovon 11.280 Personen der Altersgruppe über 65 Jahre angehörten.
Uwe Janssens, Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), bezeichnete diese Schätzungen als zu niedrig und ging von mehreren Tausend weiteren Todesfällen aus. Er kritisierte eine Tatenlosigkeit der Politik und forderte einen verbindlichen nationalen Hitzeschutzplan.
Ein wesentliches Defizit besteht in der technischen Ausstattung der Krankenhäuser. Laut älteren Umfragen verfügen lediglich 38 Prozent der Patientenzimmer über Klimaanlagen, da die Bundesländer keine entsprechende Installation vorschreiben. Gerald Gaß, Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), forderte die Politik zum Handeln auf, um den Schutz für Alte und Kranke zu gewährleisten.
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Finanzierungslücken und politische Forderungen
Der Verband der Ersatzkassen (vdek) bezifferte den Investitionsbedarf für Hitzeresilienz in Kliniken und Pflegeheimen auf jährlich 7 bis 8 Milliarden Euro. Aktuell stellen die Länder jedoch nur rund 4 Milliarden Euro bereit. Der vdek forderte den Bund auf, Mittel aus einem Sondervermögen von 500 Milliarden Euro zu nutzen und Hitzeschutz als zentrales Kriterium in die Krankenhausplanung aufzunehmen.
Auf politischer Ebene legte die SPD einen Hitzeschutzplan vor, der Klimaanlagen als Standard in Pflegeeinrichtungen und eine Grundgesetzänderung für den Klimaschutz vorsieht. Der Städte- und Gemeindebund veranschlagte den Investitionsbedarf für Krankenhäuser auf mindestens 20 Milliarden Euro.
Linken-Chef Jan van Aken plädierte zudem für drastische Anpassungen der Arbeitszeit: Ab 26 Grad solle die Arbeitszeit um 25 Prozent reduziert und ab 30 Grad halbiert werden. Zudem forderte er zusätzliche Pausenzeiten sowie die Bereitstellung von kostenlosen Wasserspendern und Sonnencreme.
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Regelungen in Schulen und Rettungsdiensten
Auch im Bildungsbereich variieren die Reaktionen auf die hohen Temperaturen. In Nordrhein-Westfalen gelten Räume ab 27 Grad als Grundlage für Hitzefrei-Regelungen, während Baden-Württemberg dies bei 25 Grad im Schatten gegen 11 Uhr empfiehlt. In Bayern reagierte das Kultusministerium auf Empfehlungen von Ärzten, bei extremer Hitze auf Tests und die Vermittlung von neuem Stoff zu verzichten.
Die steigende Hitzebelastung betrifft auch die Rettungskräfte unmittelbar. Eine Befragung der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) unter Feuerwehrangehörigen ergab, dass 85 Prozent der Teilnehmer mit einer Zunahme klimabedingter Extremwettereinsätze rechnen.
Insbesondere Vegetationsbrände erfordern laut 73 Prozent der Befragten eine bessere technische Ausstattung und mehr Personal. Hitze wird dabei als das größte Gesundheitsrisiko für die Einsatzkräfte eingestuft.
