Arbeitsmarkt stabilisiert sich: Zuwanderer in vielen Berufen unverzichtbar
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 15:02 Uhr | dpa, AD HOC NEWSAuf dem deutschen Arbeitsmarkt zeichnen sich erste Lichtblicke ab, doch in vielen Branchen überwiegen weiterhin die Pläne zum Stellenabbau.
Arbeitsmarkt schrumpft
Bei der Arbeitslosigkeit, die seit mehr als drei Jahren kontinuierlich steigt, deutet sich dank einer günstigeren Konjunktur eine Entspannung an. Bei der Beschäftigung bleibt die Entwicklung dagegen negativ: Viele Babyboomer gehen in Rente, während zu wenig junge Beschäftigte nachrücken.
„Der Arbeitsmarkt schrumpft“, sagte IAB-Forscher Enzo Weber. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung beobachtet eine etwas gefestigte Konjunktur, sieht aber weiterhin hohe Unsicherheit und strukturelle Probleme, vor allem in der Industrie.
Zuwanderer in wichtigen Berufen
Das Bundesamt für Statistik teilte mit, dass 2025 mehr als ein Viertel der abhängig Beschäftigten in Deutschland Wurzeln im Ausland hatte. Der Anteil lag bei 27 Prozent.
In mehreren Berufen stellten Menschen mit Einwanderungsgeschichte bereits die Mehrheit: bei Köchinnen und Köchen waren es 56 Prozent, in der Lebensmittelherstellung 55 Prozent, bei Bodenlegern 54 Prozent, im Gerüstbau 51 Prozent und in der Fleischverarbeitung ebenfalls 51 Prozent.
Engpassberufe besonders betroffen
Auch in weiteren Berufen mit Fachkräftemangel lag der Anteil über dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt. Bei Berufskraftfahrern betrug er 41 Prozent, im Hotelservice 40 Prozent sowie in der Kranken- und Altenpflege 33 Prozent.
Als Person mit Einwanderungsgeschichte gilt nach der Definition des Bundesamtes, wer selbst oder dessen beide Elternteile seit 1950 nach Deutschland eingewandert sind.
Ifo sieht vorsichtige Stabilisierung
Das Ifo-Institut registrierte beim Beschäftigungsbarometer den dritten Anstieg in Folge. Der Wert erreichte 95,1 Punkte und damit den höchsten Stand seit Juli 2024. „Der Arbeitsmarkt stabilisiert sich“, sagte Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe, schränkte aber ein: „Eine echte Erholung ist aber noch nicht in Sicht.“
Im Dienstleistungssektor wollten zuletzt mehr Unternehmen Beschäftigte einstellen als abbauen. Dazu zählten unter anderem Ingenieurbüros, Rechts- und Steuerberatungen sowie Wirtschaftsprüfer. Auch Leiharbeitsfirmen schöpften wieder etwas Hoffnung.
Industrie und Handel bleiben unter Druck
Im verarbeitenden Gewerbe lag der Beschäftigungssaldo mit minus 9,4 weiterhin klar im negativen Bereich. Er verbesserte sich jedoch gegenüber minus 18,2 vor zwei Monaten. Einstellungen seien vor allem in der Nahrungsmittelindustrie sowie bei Herstellern von Datenverarbeitungsgeräten und elektronischen und optischen Erzeugnissen vorgesehen.
Im Handel fiel der Saldo mit minus 12,8 am schlechtesten aus. Auf dem Bau veränderte sich die Lage zuletzt nur wenig und blieb leicht negativ. Die tatsächliche Entwicklung im September will die Bundesagentur für Arbeit an diesem Mittwoch vorstellen.
Demografie wird zum Arbeitsmarktfaktor
Die aktuellen Signale zeigen keinen grundlegenden Umschwung, sondern eine unterschiedliche Entwicklung: Die Konjunktur kann die Nachfrage nach Arbeitskräften stabilisieren, während der demografische Wandel das verfügbare Arbeitskräfteangebot dauerhaft verknappt. Wenn viele Beschäftigte aus den geburtenstarken Jahrgängen in den Ruhestand wechseln, reicht selbst eine bessere Wirtschaftslage allein nicht aus, um die Lücke zu schließen.
Die Zahlen zur Einwanderungsgeschichte machen zugleich deutlich, dass Zuwanderung längst ein zentraler Bestandteil des Arbeitsmarktes ist. Besonders in Gastronomie, Lebensmittelproduktion, Bau, Verkehr sowie Pflege hängt die Funktionsfähigkeit vieler Betriebe bereits stark von Beschäftigten mit internationaler Familiengeschichte ab. Für Unternehmen bedeutet das, dass Rekrutierung, Qualifizierung und langfristige Bindung wichtiger werden.
Erholung bleibt ungleich verteilt
Die stärkeren Signale aus dem Dienstleistungssektor stehen den anhaltenden Belastungen in Industrie und Handel gegenüber. Gerade die industrielle Transformation verändert Tätigkeiten und Qualifikationsanforderungen, etwa durch die Umstellung der Autoindustrie auf Elektromobilität. Beschäftigte und Betriebe müssen sich deshalb nicht nur auf eine konjunkturelle Erholung, sondern auch auf strukturelle Veränderungen einstellen.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher kann sich die Entwicklung regional und nach Branche unterschiedlich bemerkbar machen: In Engpassberufen bleiben offene Stellen und längere Besetzungszeiten wahrscheinlich, während in besonders belasteten Industriezweigen Arbeitsplatzrisiken fortbestehen. Die September-Statistik der Bundesagentur für Arbeit wird zeigen, ob sich die Frühindikatoren bereits in den tatsächlichen Arbeitsmarktdaten niederschlagen.
