Arbeitsmarkt-Debatte: Unternehmen fordern 40-Stunden-Woche ohne Ausgleich
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 10:24 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Angesichts einer stagnierenden Wirtschaftslage und sinkender Produktionszahlen in Deutschland hat Nikolas Stihl, Aufsichtsratsvorsitzender des Familienunternehmens STIHL, weitreichende Reformen am Arbeitsmarkt gefordert.
Im Zentrum seiner Vorschläge steht die Einführung einer 40-Stunden-Woche ohne finanziellen Lohnausgleich. Stihl begründet diesen Vorstoß mit der prekären Lage der Industrie, in der die Produktion innerhalb von acht Jahren um 15 % zurückgegangen sei und monatlich rund 15.000 Arbeitsplätze verloren gingen.
Strukturreformen und Senkung der Lohnnebenkosten
Neben der Arbeitszeitverlängerung umfasst der Forderungskatalog des STIHL-Aufsichtsratschefs weitere Maßnahmen zur Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit. Wie aus Berichten vom 6. September 2026 hervorgeht, plädiert er für eine Begrenzung der Sozialversicherungsbeiträge auf maximal 40 % des Bruttolohns sowie für eine längere Lebensarbeitszeit. Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels fordert er zudem den Zuzug qualifizierter Arbeitskräfte und einen konsequenten Abbau von Bürokratie.
Auch im Bereich des Gesundheitsmanagements sieht Stihl Handlungsbedarf. Er spricht sich für die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung aus und fordert, dass eine ärztliche Bescheinigung bereits ab dem zweiten Krankheitstag vorgelegt werden muss. Untermauert werden diese Forderungen durch die Geschäftszahlen des Unternehmens STIHL, das im Jahr 2025 mit 20.246 Mitarbeitern einen Umsatz von 5,48 Milliarden Euro erwirtschaftete.
Automobilindustrie unter massivem Kostendruck
Die Debatte über längere Arbeitszeiten wird auch in der Automobilbranche verschärft geführt. Branchenberichten zufolge droht der Hersteller Mercedes mit Werksschließungen in Deutschland, sollte die Belegschaft einer unbezahlten Mehrarbeit von fünf Stunden pro Woche nicht zustimmen.
Als Alternative wird eine Produktionsverlagerung nach Osteuropa in Erwägung gezogen. Zudem stehen bei dem Konzern die Streichung von Prämien sowie Urlaubs- und Weihnachtsgeldern zur Diskussion.
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Auch bei Volkswagen verschlechtert sich die Lage. Während der Konzern Werksschließungen prüft, ist die Situation am Standort Zwickau besonders angespannt. Dort ist die Zahl der Beschäftigten bereits von 11.000 auf 8.000 gesunken, ein weiterer Abbau von 1.000 Stellen ist geplant. Für das Jahr 2027 wird die Stilllegung einer Fertigungslinie erwartet.
Die Produktionszahlen verdeutlichen die Unterauslastung: Bei einer Kapazität von 360.000 Fahrzeugen werden für das Jahr 2026 lediglich 202.000 produzierte Einheiten erwartet. Der VW-Betriebsrat in Zwickau lehnt die Forderung nach längeren Arbeitszeiten jedoch ab und verweist darauf, dass die Beschäftigten durch Sonderschichten bereits oft 39 Stunden pro Woche arbeiteten.
Statistiken belegen Trend zur Teilzeitbeschäftigung
Aktuelle Daten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) für das zweite Quartal 2026 zeigen eine gegenteilige Entwicklung am Gesamtmarkt. Die Teilzeitquote in Deutschland erreichte einen Wert von 40,3 %.
Während die Vollzeitbeschäftigung im Vergleich zum Vorjahr um 0,9 % sank und das Volumen der geleisteten Arbeitsstunden um 69 Millionen abnahm, zeigt sich ein struktureller Wandel. Die Industrie baut Vollzeitstellen ab, während das Gesundheitswesen im Teilzeitbereich zulegt.
Laut Mikrozensus 2025 lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei 34,7 Stunden. Interessant ist dabei die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität: Während 1,5 Millionen Erwerbstätige mehr arbeiten möchten, streben 3,8 Millionen eine Reduzierung ihrer Arbeitszeit an. Würden alle Arbeitszeitwünsche realisiert, sänke der Durchschnitt um weitere 0,6 Stunden pro Woche.
In der Industrie belaufen sich die Lohnkosten derzeit auf 49,5 Euro pro Stunde, was 47 % über dem Durchschnitt der Europäischen Union liegt. Eine Einführung der 40-Stunden-Woche ohne Lohnerhöhung käme laut Analysten einem rechnerischen Stundenlohnverlust von 13 % gleich.
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Akzeptanz und Sorgen innerhalb der Belegschaften
Eine Umfrage des Instituts YouGov im Auftrag von Indeed vom 6. September 2026 zeichnet ein gemischtes Bild der Stimmungslage. Zwar sehen 67,4 % der Entscheider das aktuelle Schutzniveau als Standortvorteil, doch sprechen sich 49,2 % für eine Lockerung des Kündigungsschutzes aus.
Auf Seiten der Arbeitnehmer herrscht Verunsicherung: 71,4 % der Beschäftigten sorgen sich um die Fortzahlung des Lohns im Krankheitsfall, und fast die Hälfte der Befragten gibt an, durch die aktuelle Debatte mental belastet zu sein.
