Abfindungsprogramme: Warum Führungskräfte bei Volkswagen unter Druck geraten
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 15:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deBei Volkswagen stehen Führungskräfte im Rahmen des laufenden Sparprogramms vor einer anhaltenden Zerreißprobe. Seit bald drei Jahren müssen Vorgesetzte Beschäftigten den freiwilligen Ausstieg nahelegen und gleichzeitig wichtige Leistungsträger im Unternehmen halten.
Ein Betroffener beschreibt die Situation als undankbare Aufgabe und verweist auf die gravierenden Folgen für das Umfeld: Es brechen Existenzen weg, wenn die Betroffenen ihre Arbeit verlieren. Konkrete Angaben zu Abfindungshöhen oder zu der Gesamtzahl der bisherigen Austritte liegen für diesen Prozess nicht vor.
Automobilbranche weitet Trennungsprogramme aus
Der Druck auf das mittlere Management beschränkt sich nicht auf Volkswagen, denn weite Teile der Industrie greifen zu Programmen auf Basis doppelter Freiwilligkeit.
Bei Mercedes-Benz startet Anfang Dezember erneut ein Abfindungsangebot, das sich auch an Führungskräfte richtet. Die Stimmung in der Belegschaft gilt als angespannt. Ein Beschäftigter aus der Antriebsentwicklung bezeichnete die Äußerung von Konzernchef Ola Källenius zu fünf unbezahlten Mehrstunden als schweren Affront.
Dessen vertragliche 40-Stunden-Ergänzung war Mitte 2025 auf 35 Wochenstunden gekündigt worden, zudem gilt ab dem 1. Januar eine Verpflichtung zu vier Präsenztagen im Büro pro Woche. Während ältere Kollegen bei vorherigen Programmen über 200.000 Euro Abfindung erhielten, fiel das Angebot an den Mitte 30-jährigen Mitarbeiter deutlich niedriger aus.
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BMW wiederum eröffnete Anfang Oktober ein internes Abfindungsportal, auf das ein großer Ansturm folgte; viele Interessierte wissen noch nicht, ob ihr Gesuch bewilligt wird.
Aus Branchenkreisen heißt es, dass die Summen dort je nach Alter zwischen einem halben Monatsgehalt für 25-Jährige und bis zu 900.000 Euro für ältere Jahrgänge liegen, wobei Beschäftigte im Alter von 42 bis 52 Jahren besonders im Fokus stehen.
Ein Unternehmensberater rät jedoch grundsätzlich von offenen Freiwilligenprogrammen ab, da Unternehmen so den unkontrollierten Verlust von Schlüsselkräften riskieren.
Auch Zulieferer und andere Industriezweige reduzieren Personal. ZF Friedrichshafen baut Stellen in der Verwaltung bundesweit und überproportional am Hauptsitz ab. Das entsprechende Programm mit dem Namen ZF Lean Group wurde im März konkretisiert; Zahlen zu den bisherigen Annahmen hält das Unternehmen offen.
Außerhalb des Fahrzeugbaus bietet Bayer bei einer Annahme innerhalb von sechs Monaten bis zu 52,5 Monatsgehälter zuzüglich Zuschlägen. Eine Personalexpertin berichtet von 200 abgebauten Arbeitsplätzen bei einem Chemiekonzern im Jahr 2025 sowie 35 Stellen bei einem Autozulieferer im laufenden Jahr.
Datenlage, Steuern und arbeitsrechtliche Vorgaben
Trotz prominenter Großkonzerne stellen hohe Abfindungen im Arbeitsmarkt die Ausnahme dar. Eine Auswertung von Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft und des Sozio-oekonomischen Panels zeigt, dass nur rund zwölf Prozent der 2024 arbeitgeberseitig gekündigten Beschäftigten überhaupt eine Abfindung erhielten.
Der Mittelwert lag bei 10.000 Euro beziehungsweise 1.700 Euro pro Jahr der Betriebszugehörigkeit. Rund 42 Prozent der Empfänger waren über 50 Jahre alt, während Beschäftigte bis 30 Jahre knapp ein Fünftel ausmachten. Nur rund 37 Prozent hatten zum Trennungszeitpunkt eine konkrete neue Perspektive.
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Ein Arbeitsrechtler berichtet, dass insbesondere Top-Verdiener mit einem Jahreseinkommen von mehr als 200.000 Euro zunehmend bereit sind, Aufhebungsverträge zu unterschreiben.
Das Kündigungsschutzgesetz sieht keine gesetzliche Mindesthöhe und keinen automatischen Abfindungsanspruch bei Aufhebungsverträgen vor; als Orientierung dient laut Paragraf 1a ein halbes Bruttomonatsgehalt pro Beschäftigungsjahr.
Abfindungen sind zwar sozialversicherungsfrei, unterliegen jedoch voll der Einkommensteuer, wobei die Fünftelregelung seit 2025 ausschließlich über die persönliche Steuererklärung geltend gemacht werden kann. Die Bundesregierung plant unterdessen eine Steuerbegünstigung bei einer schnellen Neuanstellung, zu der bislang aber noch kein Gesetzesentwurf vorliegt.
Dass Einsparungen auch harte Werksschließungen bedeuten können, zeigt der Fall Aryzta: Das Unternehmen kündigte am 26. Oktober die geplante Schließung des Hiestand-Werks in Gerolzhofen an, wodurch 250 bis 300 Arbeitsplätze betroffen sind.
Die Fertigung soll in Eisleben gebündelt werden. Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht rät betroffenen Angestellten in solchen Lagen, Ruhe zu bewahren, bestehende Verträge und Abrechnungen sorgfältig zu sichten und keinesfalls voreilig Aufhebungsverträge zu unterzeichnen.
