Wo der Holzrauch am alten Fenster stehen bleibt - ein Brief an dich
Veröffentlicht am: 25.10.2026 um 09:48 Uhr | Redaktionelle Verantwortung: Rafael Müller, Chefredakteur AD HOC NEWS
Liebe du,
ich schreibe dir, während der letzte Schnee unter den Weiden glänzt und aus den Gräben ein leises Schmelzen kommt. Die Dämmerung hängt tief über den Donauauen, nicht blau und nicht grau, eher wie ein Tuch, das jemand langsam über die Wiesen zieht. Neben mir knackt ein Ast, dann rieche ich Holzrauch, warm und herb, obwohl weit und breit kein Feuer zu sehen ist.
Ich folge dem Geruch zwischen nassen Halmen und den dunklen Stämmen der Pappeln. Unter meinem Schuh bricht eine dünne Eisschicht, darunter bewegt sich Wasser mit einem gedämpften Flüstern. In meiner Manteltasche liegt ein Streichholz, das ich seit Jahren mit mir trage, ohne zu wissen, warum. Erst als der Rauch dichter wird, erkenne ich hinter dem Schilf die Silhouette des Hauses.
Der Rauch zwischen den Bäumen
Du hättest den Weg wahrscheinlich übersehen. Er ist kein Weg im eigentlichen Sinn, nur eine Spur zwischen Farnresten, Moos und den bleichen Halmen des vergangenen Jahres. Das Wasser der Auen steht in flachen Mulden, und jedes Rinnsal nimmt ein Stück vom Abendlicht mit. An einem niedrigen Ast hängt ein rotes Tuch. Es ist feucht, schwer und an den Rändern ausgefranst. Ich streiche mit den Fingern darüber, als könnte es mir sagen, wer es dort befestigt hat. Die Frau, von der ich dir erzählen will, mochte solche Zeichen, behauptete sie einmal. Nicht für andere, sagte sie, sondern damit sie selbst beim Zurückkommen wisse, dass der Ort noch da war. Der Holzrauch kommt aus Richtung des Hauses. Er zieht nicht gerade, sondern legt sich in schmalen Bändern über den Boden. Manchmal verschwindet er, dann taucht er zwischen den Bäumen wieder auf. Auf einer umgestürzten Weide entdecke ich ein zweites Streichholz, halb im feuchten Holz versunken, die Spitze schwarz und unberührt.Die Frau im verblassenden Licht
Sie wohnte hier früher, so hat sie es mir erzählt, ohne jemals zu sagen, wie lange. Ich traf sie nicht in einem Zimmer und nicht an einem Tisch, sondern draußen, wo die Wiese an das Wasser stößt. Sie trug einen Mantel mit zu großen Taschen und hielt darin Dinge verborgen, die keinen Zusammenhang zu haben schienen. Ein verbogenes Stück Draht. Eine weiße Feder. Ein Streichholz in einer kleinen Papierhülle. Als ich danach fragte, lächelte sie nur und sagte, jedes Feuer beginne mit einem Augenblick, in dem man sich entscheiden müsse. Danach wechselte sie das Thema und zeigte auf die Wolken über den Auen. Von ihr stammt der Brief, den ich dir eigentlich schicken wollte. Er lag zwischen losen Brettern in einem Schuppen, den der Regen dunkel gefärbt hat. Auf dem Umschlag stand kein Name. Nur ein Kreis, darin ein winziger schwarzer Strich, wie die Spur eines Streichholzes nach dem Ausblasen.Terrasse über dem Wasser
Hinter dem Haus öffnet sich eine Terrasse zum flachen Land. Die Bretter sind vom Wetter silbern geworden, und in den Fugen sitzen kleine Nadeln, Blätter und Körner, die der Wind dort abgelegt hat. Ein einzelner Stuhl steht am Rand, mit der Lehne zum Haus und der Sitzfläche zum Wasser. Auf dem Tisch liegt eine Tasse. Ihr Rand ist mit einem feinen dunklen Saum gezeichnet, als hätte jemand darin gerührt und dann vergessen, den Löffel herauszunehmen. Daneben liegt ein Stück Papier, auf dem nur drei Linien zu sehen sind. Eine steigt, eine fällt, die dritte bricht unvermittelt ab. Durch ein Fenster fällt ein schmaler Streifen Licht auf die Terrasse. Dahinter bewegt sich nichts, doch aus dem Inneren kommt ein Geräusch, kaum lauter als das Reiben trockener Zweige. Vielleicht arbeitet dort ein altes Holz im Gebälk. Vielleicht setzt jemand einen Gegenstand auf eine Fläche und wartet. Ich denke an die Frau und an ihre Taschen. Vielleicht hat sie den Stuhl so hingestellt, damit sie beim Warten nicht auf die Tür sehen musste. Vielleicht wollte sie nur den ersten Rauch über den Auen beobachten. Im Vorfrühling ist alles möglich, weil noch nichts entschieden wirkt.Der Brief bleibt ungeöffnet
Ich lege den Umschlag auf die Fensterbank. Der Wind hebt eine Ecke an, lässt sie wieder sinken und fährt dann über die Terrasse. Das Haus gibt keinen Laut von sich, bis auf ein kurzes Knacken hinter der geschlossenen Tür. Du würdest nun vermutlich näher treten. Ich bleibe stehen. In meiner Hand wärmt sich das Streichholz, obwohl es kalt ist, und aus dem Kamin zieht erneut Holzrauch über das Dach. Was hätte die Frau dir geschrieben, wenn du vor ihr gestanden hättest? Die Tür bleibt zu.
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