Violence as a Service: Serie von Explosionen in Frankfurt und Offenbach beschäftigt Ermittler
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 14:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei mehreren Explosionen vor Geschäften und Lokalen in Frankfurt am Main und Offenbach prüfen die Ermittler einen Zusammenhang mit dem Kriminalitätsphänomen „Violence as a Service“.
Serie von Explosionen in Frankfurt und Offenbach
Nach einer Häufung vergleichbarer Vorfälle im vergangenen Jahr kam es am Wochenende und am frühen Montagmorgen in Offenbach und Frankfurt zu neuen Angriffen. Betroffen waren eine Bar, ein Kiosk sowie ein Mehrfamilienhaus, dessen Eingangstür zerstört wurde. In der Nacht zu Donnerstag gingen zwei weitere Sprengsätze in Frankfurt hoch, diesmal vor einer Shisha-Bar und einem Bistro.
Verdacht auf organisierte Kriminalität
Die Staatsanwaltschaft sieht gewichtige Anhaltspunkte für einen Zusammenhang mit dem, was die Polizei „Violence as a Service“ nennt – Gewalt als Dienstleistung – und ordnet das Geschehen der organisierten Kriminalität zu. Auch in Kassel ermitteln Polizei und Staatsanwaltschaft in einem möglichen Fall dieses Phänomens: Eine Erpressergruppe soll dort Gastronomen und Geschäftsinhaber mit Brandanschlägen bedroht und in zwei Fällen Feuer gelegt haben. Ein 21 Jahre alter Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft.
Gewalt als ausgelagerte Dienstleistung
Unter „Violence as a Service“ verstehen die Sicherheitsbehörden eine relativ neue Form der Kriminalität, bei der Gewalt wie eine Dienstleistung angeboten wird. Kriminelle Netzwerke lagern Vorbereitung und Durchführung von Gewalttaten gegen Bezahlung an Dritte aus. Häufig werden dabei Minderjährige oder junge Täter angeworben, die Drohungen, Angriffe oder sogar Tötungsdelikte gegen Lohn ausführen sollen. Die Anwerbung erfolgt laut Bundeskriminalamt oft über Plattformen oder Messenger-Dienste.
Bandbreite der Taten und Risiken
Nach Angaben von BKA-Vizepräsidentin Martina Link geht es in der Mehrzahl der Fälle um Sprengstoffanschläge, aber auch um schwere Sachbeschädigungen bis hin zu Aufträgen für Tötungsdelikte. Das Hessische Landeskriminalamt spricht von einer neuen Dimension schwerer und organisierter Kriminalität, die erhebliche Gefahren für zufällig anwesende Menschen und die öffentliche Sicherheit mit sich bringt.
Bundesweite Ausbreitung des Phänomens
„Violence as a Service“ beschäftigt inzwischen Polizei und Staatsanwaltschaften in mehreren Bundesländern. Aufgefallen ist das Muster bisher vor allem in Berlin, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern. In Hessen wird im laufenden Jahr eine mittlere zweistellige Zahl von Sachverhalten geprüft, ob sie dem Phänomen zuzuordnen sind. Erfasst wird diese Praxis seit 2024, im Laufe des Jahres 2025 stellten die Behörden einen deutlichen Anstieg fest.
Bezahlung und Rolle Minderjähriger
Nach Einschätzung von Martina Link hat das Phänomen in Deutschland bislang nicht das Ausmaß wie in Schweden erreicht, wo von Kindern und Jugendlichen im Auftrag verübte Straftaten bereits ein großes Problem darstellen. Zugleich registriert das BKA zunehmend Fälle, in denen festgenommene Täter minderjährige Unerfahrene sind, die kein eigenes Motiv haben außer der in Aussicht gestellten Bezahlung. Diese laufe meist anonymisiert über Kryptowährungen; teilweise würden Versprechen jedoch nicht eingelöst.
Mehrstufige Rekrutierung über digitale Kanäle
Nach Erkenntnissen des Hessischen Landeskriminalamts werden potenzielle Täter über ein mehrstufiges System gewonnen. Neben dem Auftraggeber sind Rekrutierer und örtliche Logistiker beteiligt. Es würden gezielt angesagte Kanäle bedient und jugendgerechte Sprache genutzt, um minderjährige Interessenten zu binden. Häufig ist von einer „Mission“ die Rede, die zu erledigen sei. Die Kriminellen arbeiten mit Emojis und KI-generierten Abbildungen und drohen bei nicht wie vereinbart durchgeführten Taten mit weiteren Repressionen oder sozialer Ächtung.
Beispielhafte Tat in Frankfurt
Wie solche Abläufe konkret aussehen können, zeigt ein Fall aus Frankfurt. Dort war ein Täter nach Feststellungen des Landgerichts per Messenger-App Snapchat aus den Niederlanden angeworben und in die Mainmetropole gebracht worden. Der damals 15-Jährige warf im Sommer 2025 eine selbstgebaute Kugelbombe mit mehreren Litern Brandbeschleuniger in ein Café im Stadtteil Bockenheim, wo der Sprengsatz detonierte und den Gastraum vollständig in Brand setzte. Der Wirt konnte vier Gäste und sich selbst rechtzeitig ins Freie bringen.
Konsequenzen für Ermittlungen
Das Landgericht Frankfurt verurteilte den Jugendlichen im März zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und drei Monaten, unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in fünf Fällen. In vergleichbaren Fällen wie den aktuellen Explosionen in Frankfurt wird nach Angaben der Polizei inzwischen standardmäßig geprüft, ob „Violence as a Service“ als Hintergrund infrage kommt. Neben der Suche nach Tatverdächtigen nehmen Ermittler auch die möglichen Zielpersonen in den Blick, fragen nach Konflikten, dem Umfeld der Betroffenen und möglichen vorausgegangenen Erpressungsversuchen.
Neues Tatmuster stellt Sicherheitsbehörden vor Herausforderungen
Die aktuellen Explosionen in Frankfurt und Offenbach fügen sich aus Sicht der Sicherheitsbehörden in ein Kriminalitätsbild ein, das seit 2024 systematisch beobachtet wird: Gewalt wird als auslagerbare Dienstleistung verstanden, bei der Auftraggeber anonym im Hintergrund bleiben und junge Täter für vergleichsweise geringe Beträge hohe Risiken eingehen. Die Ermittler ordnen das Phänomen klar der schweren und organisierten Kriminalität zu und betonen die Gefahren für Unbeteiligte und die öffentliche Sicherheit.
Digitale Rekrutierung und minderjährige Täter
Besonders brisant ist, dass Täter nach Angaben von BKA und LKA häufig über Messenger-Dienste und soziale Plattformen angeworben werden. Die Ansprache erfolgt in jugendgerechter Sprache, über „Mission“-Narrative, Emojis und Bildmaterial. Minderjährige und junge Erwachsene werden so an hochgefährliche Aufträge gebunden, ohne die konkrete Konfliktlage oder die Zielperson zu kennen. Der Fall des 15-jährigen Täters in Frankfurt, der per Snapchat aus den Niederlanden angeworben wurde und eine Kugelbombe in ein Café warf, zeigt, wie international vernetzt solche Strukturen agieren können und wie niedrig die Schwelle zur Begehung schwerer Gewalttaten ist.
Vergleich zu Schweden und Bedeutung für Deutschland
Im Vergleich zu Schweden, wo Auftragsgewalt durch Kinder und Jugendliche bereits ein massives gesamtgesellschaftliches Problem darstellt, sehen deutsche Behörden das Phänomen noch auf einem niedrigeren Niveau, verweisen aber auf eine deutlich steigende Fallzahl seit 2025. Die Ermittler reagieren mit spezialisierten Auswertungen, enger Zusammenarbeit von Polizei, Staatsanwaltschaften und Landeskriminalämtern sowie einer Ausweitung der Prüfungen auf mögliche „Violence as a Service“-Bezüge bei Sprengstoff- und Branddelikten. Für betroffene Branchen wie Gastronomie und Einzelhandel bedeutet dies, dass Bedrohungen und Erpressungen ernster genommen und frühzeitig angezeigt werden sollten, da hinter einzelnen Taten professionell strukturierte Netzwerke stehen können.
