Spazierclubs, Einsamkeit

Spazierclubs in Dresden: Gemeinsam statt einsam durch die Stadt

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Spazierclubs bringen Menschen in Dresden und anderen Städten unkompliziert zusammen. Kurze, moderierte Routen sollen Hemmungen abbauen und neue Freundschaften ermöglichen.

  • Teilnehmer des Spazierclubs laufen am Abend durch Dresden. - Bild: Robert Michael/dpa
    Teilnehmer des Spazierclubs laufen am Abend durch Dresden. - Bild: Robert Michael/dpa
  • Dieses Mal war der Spaziergang ein Lichter- und Laternenlauf, weshalb einige Teilnehmer mit Lichterketten geschmückt waren. - Bild: Robert Michael/dpa
    Dieses Mal war der Spaziergang ein Lichter- und Laternenlauf, weshalb einige Teilnehmer mit Lichterketten geschmückt waren. - Bild: Robert Michael/dpa
  • Konrad Höferth hat den Spazierclub in Dresden diesen Sommer gegründet. - Bild: Robert Michael/dpa
    Konrad Höferth hat den Spazierclub in Dresden diesen Sommer gegründet. - Bild: Robert Michael/dpa
Teilnehmer des Spazierclubs laufen am Abend durch Dresden. - Bild: Robert Michael/dpa Dieses Mal war der Spaziergang ein Lichter- und Laternenlauf, weshalb einige Teilnehmer mit Lichterketten geschmückt waren. - Bild: Robert Michael/dpa Konrad Höferth hat den Spazierclub in Dresden diesen Sommer gegründet. - Bild: Robert Michael/dpa

Ein Dresdner Spazierclub will Menschen über kurze gemeinsame Runden durch die Innenstadt miteinander ins Gespräch bringen und so neue Kontakte ermöglichen.

Gemeinsam durch die Dämmerung

An einem Freitagabend zieht eine Gruppe aus jüngeren und älteren Menschen durch die Dresdner Innenstadt. Einige tragen Lichterketten, andere führen ihre Hunde mit; unterwegs entstehen zunächst vorsichtige, später lebhaftere Gespräche.

Ins Leben gerufen wurde der noch junge Club nach Angaben seines Gründers Konrad Höferth im Juli. Er habe selbst neue Menschen kennenlernen wollen, weil sein Freundeskreis begrenzt sei und er seine Freunde über die Arbeit kenne.

Spazierclubs verbreiten sich

Über soziale Netzwerke sind ähnliche Angebote inzwischen auch in Berlin, Leipzig, Frankfurt am Main, Hamburg und Oldenburg bekannt. Nach Angaben von Veranstaltern nehmen daran teilweise Hunderte Menschen teil.

Der Sport- und Sozialpsychologe Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln spricht jedoch nicht von einem Boom, sondern von einem neuen Format, das bestehende Angebote ergänze.

Moderation gegen die erste Hemmschwelle

In Dresden führt ein Awareness-Team die Gruppe und kennt die Route. Ein Moderator stellt unterwegs Fragen oder gibt Aufgaben vor, damit die Teilnehmenden leichter miteinander ins Gespräch kommen. Höferth zufolge habe ab der Hälfte des Spaziergangs meist jeder jemanden zum Unterhalten.

Die 26-jährige Vi-Anh entdeckte den Club auf Instagram. Zu ihrem ersten Treffen kam sie allein, nachdem eine Freundin abgesagt hatte. Das mulmige Gefühl sei schnell verschwunden; inzwischen habe sie über den Club neue Freunde gefunden.

Bewegung als gemeinsamer Anlass

Bei den Spaziergängen gehe es nicht darum, möglichst viele Schritte zu sammeln, erklärt Höferth. Das Gehen diene vor allem als Anlass, sich zu treffen. Die Route ist rund drei Kilometer lang und soll für viele Menschen zu bewältigen sein.

Kleinert zufolge erleichtere Bewegung den Kontakt, weil die Teilnehmenden eine gemeinsame Tätigkeit ausübten. Zugleich seien Spazierclubs ein Gegenmodell zu leistungsorientierten Trendsportarten wie Hyrox oder CrossFit.

Barrierearme Routen

Höferth will die Teilnahme niedrigschwellig halten. Die Strecken seien kurz und barrierefrei; für Getränke und Snacks suche er jeweils Sponsoren. Zum Awareness-Team gehört auch die 45-jährige Nelly, die besonders auf ältere Menschen und Menschen mit Behinderung achtet. Nach Angaben des Veranstalters nehmen an jedem Spaziergang auch Rollstuhlfahrer teil.

Kontakt gegen Einsamkeit

Kleinert sieht in den Clubs eine Reaktion auf die wachsende Bedeutung von Einsamkeit. Einer Panelstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2025 zufolge fühlten sich 19 Prozent der Deutschen manchmal oder häufiger einsam. Vor der Pandemie waren es demnach 14 Prozent.

Höferth führt die Entwicklung auch auf soziale Netzwerke zurück: Dort ließen sich zwar leicht Kontakte knüpfen, diese blieben aber häufig oberflächlich. Kleinert betont, digitale Verbindungen ersetzten nicht ohne Weiteres den persönlichen Kontakt und das unmittelbare Zusammensein.

Niedrigschwellige Begegnung

Spazierclubs verbinden zwei Faktoren, die für soziale Kontakte besonders zugänglich sind: eine gemeinsame Aktivität und ein offenes Gruppensetting. Anders als bei einem festen Verein müssen Interessierte weder besondere Fähigkeiten mitbringen noch langfristig beitreten. Die kurze Strecke senkt zusätzlich die körperliche und organisatorische Hürde.

Das Format reagiert damit auf ein gesellschaftliches Problem, das über fehlende Freizeitkontakte hinausgeht. Einsamkeit kann auch Menschen betreffen, die arbeiten, in einer Partnerschaft leben oder regelmäßig digitale Kontakte haben. Entscheidend ist nicht allein die Zahl der Verbindungen, sondern ob daraus verlässliche und persönlich erlebte Beziehungen entstehen.

Städte als soziale Räume

Für Kommunen liegt die Bedeutung solcher Angebote darin, dass sie öffentlichen Raum als Treffpunkt nutzen. Barrierefreie Routen, klare Ansprechpersonen und moderierte Gesprächsimpulse können dabei helfen, dass aus einem zufälligen Nebeneinander ein tatsächlicher Austausch wird. Zugleich ersetzen Spazierclubs keine professionelle Beratung und erreichen nicht automatisch Menschen, die besonders stark isoliert sind.

Ihre mögliche Wirkung zeigt sich eher im Alltag: Ein regelmäßiger Termin kann Struktur schaffen, Hemmschwellen abbauen und neue Kontakte in der eigenen Nachbarschaft ermöglichen. Für Teilnehmende ist das Angebot deshalb weniger ein Sportkurs als ein unkomplizierter Einstieg in gemeinschaftliche Aktivitäten.

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