Portugal, Literatur

Genie mit Kuli: Portugiesischer Autor Lobo Antunes gestorben

05.03.2026 - 14:05:47 | dpa.de

Portugal trauert um eine seiner größten Persönlichkeiten: António Lobo Antunes galt jahrzehntelang als «ewiger» Kandidat auf den Literaturnobelpreis. Der Autor war für seine Eigenwilligkeit bekannt.

  • Der Portugiese galt jahrzehntelang als Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis. (Archivbild) - Foto: Erwin Elsner/dpa
    Der Portugiese galt jahrzehntelang als Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis. (Archivbild) - Foto: Erwin Elsner/dpa
  • Er arbeitete vor allem mit Kugelschreiber. (Archivbild) - Foto: Jose Manuel Ribeiro/AFP/dpa
    Er arbeitete vor allem mit Kugelschreiber. (Archivbild) - Foto: Jose Manuel Ribeiro/AFP/dpa
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Der portugiesische Star-Schriftsteller António Lobo Antunes war einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Über Jahrzehnte war er ein «ewiger» Kandidat auf den Literatur-Nobelpreis. Die erhoffte Auszeichnung aus Stockholm wird der Autor – anders als sein Landsmann José Saramago (1922-2010) – nicht mehr bekommen. Denn Lobo Antunes starb am Donnerstag (5. März) in Lissabon im Alter von 83 Jahren.

Die portugiesische Regierung rief für Samstag eine Staatstrauer aus. Die renommierte Zeitung «Público» nahm Abschied vom «Revolutionär der portugiesischen Literatur». Lobo Antunes sei ein «Autor von Romanen, die für immer in der Erinnerung seiner Leser und Fans bleiben werden», schrieb die Verlagsgruppe Leya in einer Mitteilung. In Anlehnung an den Fußballstar nannten ihn viele den «Cristiano Ronaldo der Literatur».

Ministerpräsident Luís Montenegro schrieb auf X, Lobo Antunes werde «uns auch über seinen Tod hinaus weiter inspirieren». Nach Medienberichten waren Trauer und Bestürzung über den Tod auch auf den Straßen, in Cafés und Büros in Lissabon, Porto und anderen Städten des Landes zu spüren.

Lobo Antunes lebte nach eigenen Worten «nur für die Bücher». Selbst im hohen Alter dachte er nicht ans Aufhören. In den letzten Jahren hatte er sich allerdings in seinem Haus in Lissabon völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Berichte sprachen davon, dass eine fortschreitende Demenzerkrankung ihn daran zuletzt gehindert hatte, weiterzuschreiben und öffentlich aufzutreten.

Für seine Eigenwilligkeit bekannt

Obwohl Literaturkritiker und Fans daheim, aber auch in Deutschland und weltweit ihn seit Jahren als würdigen Nobelpreisträger ins Spiel gebracht hatten, bedeuteten dem Autor selbst solche Ehrungen wenig. «Ich scheiß’ auf den Nobelpreis», sagte er einmal in einem Interview mit der spanischen Zeitung «El Mundo». «Auszeichnungen machen Bücher nicht besser.»

Für Öffentlichkeitsarbeit war Lobo Antunes ohnehin kaum zu haben. Der gelernte Psychiater verbrachte sein Leben vor allem mit Schreiben und Lesen. Er veröffentlichte mehr als drei Dutzend Bücher, die meisten davon Romane, die über Jahrzehnte hinweg fast im Jahresrhythmus erschienen waren. Sein letzter Roman auf Portugiesisch war «O Tamanho do Mundo» («Die Größe der Welt») aus dem Jahr 2022.

Seine Produktivität war bemerkenswert – zumal der Schriftsteller weder Computer noch Schreibmaschine benutzte. Seine langen, oft poetischen Texte schrieb er mit Kugelschreiber auf kleine Notizzettel. «Schreiben ohne Kondom», nannte er diese Methode einmal.

Kolonialkrieg in Angola prägte ihn entscheidend

Mit seiner dichten, bildreichen Sprache und den atmosphärisch aufgeladenen, oft komplex konstruierten Texten gewann Lobo Antunes Leser auf der ganzen Welt. Seine Werke erschienen in rund 60 Sprachen. Literaturkritiker bescheinigten ihm einen unverwechselbaren Stil: kunstvoll, komplex, häufig mit Perspektiv- und Tempuswechseln – manchmal beinahe labyrinthisch.

Ein prägendes Erlebnis seines Lebens war der Kolonialkrieg in Angola Anfang der 1970er Jahre. Der junge Arzt aus einer wohlhabenden Familie war vom Regime dorthin geschickt worden. «Das war schrecklich, bei einem Krieg gibt es nur Verlierer. Es war eine radikale Erfahrung, die mein Leben verändert hat», sagte er später.

27 Monate dauerte der Einsatz. Danach arbeitete Lobo Antunes zunächst als Psychiater in Lissabon und schrieb in seiner knappen Freizeit. 1979 gelang ihm mit seinem zweiten Roman «Os cus de Judas» («Der Judaskuß») der internationale Durchbruch. In dem stark autobiografischen Monolog eines Kriegsveteranen schilderte er Schmerz, Erinnerungen und Bitterkeit.

Angst, Gewalt und Melancholie prägten viele seiner Bücher

Sein eigenes Leben war von Krankheit geprägt. Als Kind musste er wegen Tuberkulose ein Jahr lang am Bett gefesselt verbringen. 2007 überlebte er eine schwere Krebserkrankung, später noch zwei weitere. Themen wie Angst, Tod, Gewalt und Melancholie prägen deshalb viele seiner Bücher – ebenso wie Erinnerungen und Beobachtungen aus dem Alltag.

Der Vater von drei Töchtern war seit 2010 in dritter Ehe mit einer Journalistin verheiratet. Familie und Herkunft spielten für ihn eine wichtige Rolle. «Mein Vater war Brasilianer, seine Mutter Deutsche, in meiner Familie gibt es Portugiesen, Italiener», sagte er einmal. «Es gibt blonde, schwarz- und braunhaarige Menschen, aber ihre grundlegenden Probleme sind immer dieselben.»

Als literarische Vorbilder nannte Lobo Antunes unter anderem Sartre, Hemingway, Malraux, Camus, Faulkner und Tolstoi. Auch den deutschen Nobelpreisträger Günter Grass bewunderte er «als Schriftsteller, aber auch als Menschen».

2007 erhielt er den Prémio Camões

Sein eigenes Werk wollte er allerdings nicht in gängige Kategorien einordnen. «Das, was ich schreibe, kann man nicht Romane nennen», schrieb er einmal. Ihn interessiere nur der Versuch, «das ganze Leben zwischen die zwei Deckel eines Buches zu stecken».

Das ganze Leben – das waren für ihn Erinnerungen, Fantasien, Reflexionen und Gespräche mit Lebenden und Toten. Kritiker feierten den zurückgezogen lebenden Autor aus Lissabon als einzigartiges literarisches Genie und «Meister der portugiesischen Sprache». 2007 erhielt er den wichtigsten Literaturpreis der portugiesischsprachigen Welt, den Prémio Camões.

Der Schriftsteller selbst sah sich nüchterner. «Ich bin introvertiert, verschlossen. Voller Selbstzweifel. Es ist nicht leicht, mit mir zu leben. Es ist so, als ob ich ständig im Bürgerkrieg wäre», sagte er einmal.

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