Nonna Maxxing, Italienischer Oma-Lifestyle

Nonna Maxxing: Warum junge Frauen wie italienische Omas leben wollen

Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 09:27 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Der „Nonna Maxxing“-Trend verklärt das Leben italienischer Großmütter zum Gegenentwurf zu digitalem Stress und Selbstoptimierung. Die 68-jährige Rosella Mercuri zeigt, dass hinter der scheinbaren Gelassenheit oft jahrzehntelange Arbeit und praktische Lebensklugheit stehen.

  • Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
    Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
  • Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
    Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa
Rosella Mercuri (Nonna Rosi) hält sich beschäftigt. - Bild: Malin Wunderlich/dpa Rosella Mercuri zeigt bei einem Kochkurs, wie man Nudeln macht. - Bild: Malin Wunderlich/dpa

Der „Nonna Maxxing“-Trend macht den Lebensstil italienischer Großmütter zum Vorbild für junge Menschen, doch die 68-jährige Rosella Mercuri aus Rom erinnert daran, dass hinter der vermeintlichen Gelassenheit ein arbeitsreiches Leben steht.

Nudeln machen mit der Nonna

Mercuri rollt in Rom Nudelteig aus, bis er hauchdünn ist, und gibt Touristen Kochkurse. „Ich mache alles selbst“, sagt die Italienerin, die als „Nonna Rosi“ auftritt.

Auf Instagram und TikTok wird der Begriff „Nonna Maxxing“ populär. Gemeint ist der Versuch, den Alltag möglichst nach dem Bild einer italienischen Oma zu gestalten: eigenes Gemüse anbauen, frisch kochen, lesen, stricken, sich entspannen und weniger feiern oder auf Karriere setzen.

Gegenmodell zur Selbstoptimierung

Gerade junge Frauen greifen den Trend auf. Die Journalistik- und Kommunikationswissenschaftlerin Friederike Herrmann versteht ihn als Gegenentwurf zu Selbstoptimierung und ständiger Sichtbarkeit in sozialen Netzwerken. Zugleich knüpfe er an die alte Sehnsucht nach einem einfachen, nicht entfremdeten Leben an.

Zwölf-Stunden-Tage und viele Jobs

Mercuris eigene Biografie passt allerdings nicht zum Bild des mühelosen Dolce Vita. Schon als Jugendliche arbeitete sie bei der Ernte, pflückte Trauben, Pfirsiche und Oliven und wechselte später in einen Obstladen und eine Pilzhandlung. Ihre Arbeitstage dauerten oft mehr als zwölf Stunden.

„Ich habe einen Haufen Jobs gemacht, sehr viel gearbeitet“, sagt Mercuri. Müde habe sie das nicht gemacht. Sie halte sich bis heute beschäftigt und stehe auch mit 68 Jahren in der Küche, zu Hause oder bei den Kochkursen für Touristen.

Mehr Gelassenheit im Alter

Die Gelassenheit, die viele mit italienischen Großmüttern verbinden, kann Mercuri dennoch bestätigen. Mit zunehmendem Alter habe sie gelernt, sich weniger Sorgen zu machen, mehr zu wagen und auszusprechen, was sie denke. Erfahrungen hätten ihr dabei geholfen.

Jungen Menschen rät sie, häufiger das Handy wegzulegen und direkte Begegnungen zu suchen. Früher habe man in ihrem Dorf nur vor die Tür gehen müssen, um Freundinnen zu treffen. Heute sei das in der Stadt schwieriger, in ihrem Wohnhaus kenne sie aber alle.

Alles verwerten, unabhängig bleiben

Mercuri hat gelernt, Dinge praktisch zu nutzen und nichts wegzuwerfen. Aus überschüssigem Obst macht sie Marmelade, aus weniger knackigen Auberginen ein Gericht und aus übrig gebliebenen Karotten Brühe. Diese Fähigkeiten seien für sie aus Notwendigkeit entstanden.

Wenn man vieles selbst könne, reiche auch ein kleiner, schlecht bezahlter Job, sagt Mercuri. Herrmann warnt zugleich vor einer romantischen Verkürzung: Hausarbeit, Kochen und Fürsorge seien für viele Frauen harte, unbezahlte Arbeit gewesen. Mercuri selbst verbindet ihren Lebensstil mit Unabhängigkeit und sagt: „Ich würde nichts ändern.“

Sehnsucht nach Entschleunigung

Der Trend zum „Nonna Maxxing“ steht für den Wunsch nach einem Alltag, der weniger von ständiger digitaler Präsenz, Leistungsdruck und Selbstoptimierung geprägt ist. Kochen, Gärtnern, Handarbeiten und persönliche Begegnungen erscheinen dabei als Gegenmodell zu einem Leben, in dem Aufmerksamkeit und Erfolg häufig öffentlich gemessen werden.

Die romantische Darstellung greift jedoch nur einen Ausschnitt aus dem Leben vieler älterer Frauen auf. Tätigkeiten wie Kochen, Einkochen, Putzen und Fürsorge waren historisch oft keine freiwilligen Freizeitbeschäftigungen, sondern notwendige und vielfach unbezahlte Arbeit. Hinzu kamen Erwerbsarbeit, finanzielle Unsicherheit und eine geringere wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Zwischen Inspiration und Verklärung

Für jüngere Menschen kann der Trend dennoch praktische Anregungen bieten: weniger Lebensmittel zu verschwenden, Dinge länger zu nutzen, Fähigkeiten selbst zu erlernen und soziale Kontakte nicht ausschließlich digital zu pflegen. Entscheidend ist, diese Elemente nicht mit einer idealisierten Rückkehr zu traditionellen Rollen gleichzusetzen.

Rosella Mercuris Geschichte macht den Unterschied sichtbar. Ihre Gelassenheit entstand nicht aus einem dauerhaft entspannten Lebensstil, sondern aus jahrzehntelanger Arbeit, Erfahrung und der Fähigkeit, mit begrenzten Mitteln auszukommen. Der Trend gewinnt an Aussagekraft, wenn er diese Widersprüche mitdenkt: Er kann eine bewusste Kritik an digitalem und ökonomischem Druck sein, bleibt aber verkürzt, wenn die Belastungen hinter dem Bild der zufriedenen italienischen Oma verschwinden.

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