Juli Zeh, Pony Show

Juli Zeh: «Pony Show» erzählt von Mordverdacht und Liebe vor Gericht

Veröffentlicht am: 10.10.2026 um 06:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Juli Zeh veröffentlicht mit «Pony Show» einen Justizthriller über eine Hamburger Verlegerin, die des Mordes an einem jungen Mitarbeiter beschuldigt wird. Der Roman verbindet Gerichtsdrama, Literaturbetrieb und Fragen zu Macht, Alter und subjektiver Wahrheit.

  • Juli Zehs neuer Roman «Pony Show» erscheint am 14. Oktober. (Archivbild) - Bild: Jennifer Brückner/dpa
    Juli Zehs neuer Roman «Pony Show» erscheint am 14. Oktober. (Archivbild) - Bild: Jennifer Brückner/dpa
  • Ein Justizdrama trifft auf die Literaturbranche: In Juli Zehs neuem Roman verschwimmen Wahrheit und Erinnerung. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa
    Ein Justizdrama trifft auf die Literaturbranche: In Juli Zehs neuem Roman verschwimmen Wahrheit und Erinnerung. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa
Juli Zehs neuer Roman «Pony Show» erscheint am 14. Oktober. (Archivbild) - Bild: Jennifer Brückner/dpa Ein Justizdrama trifft auf die Literaturbranche: In Juli Zehs neuem Roman verschwimmen Wahrheit und Erinnerung. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa

Juli Zeh erzählt in ihrem am 14. Oktober erscheinenden Roman «Pony Show» von einer Hamburger Verlegerin, die wegen des mutmaßlichen Mordes an einem jungen Mitarbeiter vor Gericht steht.

Verlegerin unter Mordverdacht

Betty, über 50, erfolgreich, prominent und verheiratet, wird verdächtigt, ihren jungen Praktikanten und Mitarbeiter Fero getötet zu haben. Der Mann ist verschwunden. An der Grenze zu Ungarn wird Betty mit einer Pistole und viel Falschgeld im Auto aufgegriffen.

Bettys Anwalt Mark versucht, die Wahrheit über den Fall herauszufinden. Zwischen seiner Mandantin und Fero soll mehr als eine berufliche Beziehung bestanden haben. Betty muss ihrem Mann, dem Gericht und der Öffentlichkeit erklären, wie ihr Verhältnis zu dem deutlich jüngeren Mitarbeiter aussah.

Ein Prozess als „Pony Show“

Die Geschichte wird aus Marks Sicht erzählt. Seine Informationen erhält er teilweise von Betty, deren Schilderungen ebenso wie seine eigene Wahrnehmung nicht vollständig verlässlich erscheinen. Dadurch bleibt offen, was tatsächlich geschehen ist und wie viel von den Erzählungen durch Erinnerung, Empfindung oder Konstruktion geprägt wird.

Der Titel spielt auf die Inszenierung des Gerichtsverfahrens an. Als Gegenspieler von Betty und ihrem Verteidiger tritt ein ehrgeiziger Staatsanwalt mit durchchoreografierten Auftritten auf.

Jura, Literaturbetrieb und Geschlechterrollen

Zeh sagt, sie habe schon lange einen Justizthriller schreiben wollen. Ihr Ziel sei es gewesen, sich möglichst eng an realistischen Abläufen eines Strafprozesses zu orientieren und das deutsche Rechtssystem zum Schauplatz zu machen.

Die Autorin hat Jura studiert und promoviert und ist ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht Brandenburg. In den Roman fließen außerdem der Literaturbetrieb, Boulevardmedien, Shitstorms und Fragen zu Geschlechteridentitäten und Rollenmustern ein.

Das Verhältnis zwischen der älteren Chefin und dem jüngeren Mitarbeiter verbindet dabei berufliche Macht, emotionale Abhängigkeit und gesellschaftliche Erwartungen. Zeh erklärt, eine intensive Freundschaft mit einem mehr als 20 Jahre jüngeren Mann habe Themen des Buches angestoßen; die Beziehung sei jedoch nicht amourös gewesen.

Wahrheit aus verschiedenen Perspektiven

Im Zentrum des rund 500 Seiten langen Romans stehen nach Zehs Darstellung Fragen danach, was objektiv wahr ist und wie Menschen Erlebtes erinnern. Das Verhältnis zwischen Mark und seiner Mandantin wird im Verlauf des Prozesses zunehmend emotionaler.

Bettys Geschichte über Fero wird erst nach und nach bekannt. Wendungen im Verfahren treiben die Handlung voran, wirken laut der dpa-Besprechung an einzelnen Stellen jedoch konstruiert und wenig plausibel. Zeh beschreibt Schreiben als Prozess, in dem sich Figuren und Handlung während der Arbeit verändern.

Justiz als literarischer Schauplatz

Juli Zeh verbindet in „Pony Show“ zwei Bereiche, die ihre Arbeit prägen: das Strafrecht und die Literatur. Die Autorin hat Jura studiert und promoviert und ist ehrenamtliche Richterin am Verfassungsgericht Brandenburg. Dadurch kann der Roman juristische Abläufe nicht nur als Kulisse, sondern als institutionelles Verfahren darstellen.

Im Mittelpunkt steht dabei der Gegensatz zwischen dem Anspruch des Gerichts auf eine nachvollziehbare Tatsachenfeststellung und der Begrenztheit menschlicher Aussagen. Bettys Darstellung, Marks Wahrnehmung und die öffentliche Deutung des Falls fallen auseinander. Diese Perspektivstruktur entspricht einem zentralen Problem von Strafverfahren: Das Gericht muss aus widersprüchlichen Schilderungen, Indizien und Beweisen eine belastbare Entscheidung entwickeln.

Macht, Alter und Öffentlichkeit

Die Beziehung zwischen der älteren Verlegerin und dem jüngeren Mitarbeiter erweitert den Justizstoff um Fragen nach Macht und Rollenbildern. Dass eine ältere Frau als begehrende und beruflich mächtige Figur im Zentrum steht, verschiebt vertraute Muster von Geschlechterdarstellungen. Zugleich bleibt das Verhältnis durch Abhängigkeiten im Arbeitsumfeld geprägt.

Mit der Literaturbranche und den Boulevardmedien nimmt der Roman außerdem ein Milieu in den Blick, in dem persönliche Konflikte schnell öffentlich werden können. Soziale Netzwerke verstärken diesen Effekt durch Empörung, Verkürzung und die Suche nach eindeutigen Schuldzuweisungen. Für Leserinnen und Leser liegt die Aktualität des Stoffes deshalb nicht nur im Kriminalfall, sondern auch in der Frage, wie Wahrheit entsteht, wenn Gerichte, Medien und private Erinnerungen um Deutungshoheit ringen.

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