Lesbisches Wiesn-Event „Bier, Boobs, Brezn“ feiert Premiere im Bräurosl-Zelt
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 14:38 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIm Festzelt Bräurosl auf dem Münchner Oktoberfest haben rund 700 Frauen und Flinta-Personen erstmals ein explizit lesbisches Wiesn-Event unter dem Motto „Bier, Boobs, Brezn“ gefeiert.
Premiere am Rosa Montag im Bräurosl-Zelt
Der neue Abend fand einen Tag nach dem traditionellen Gay Sunday, dem Rosa Sonntag, statt, der seit Jahrzehnten vor allem von schwulen Männern dominiert wird. Für das zusätzliche Angebot am Rosa Montag öffnete die Bräurosl ihre Türen gezielt für lesbische Frauen und Flinta-Personen, also Frauen, Lesben, Inter-, Nonbinäre, Trans- und Agender-Personen. Viele Besucherinnen waren eigens angereist, um den erstmals geschaffenen Raum nur für ihre Community zu erleben.
Veranstalterinnen schaffen eigenen Raum
Initiatorin Sina Scherer kritisiert, dass lesbische Frauen in München früher deutlich sichtbarere Treffpunkte hatten, etwa im Glockenbachviertel, von denen viele verschwunden sind. Auf der Wiesn habe sich ein ähnliches Muster gezeigt: Es gibt etablierte queere Termine, doch lesbische Frauen treten dort bislang kaum als eigene Community in Erscheinung. Mit ihren „Lost Girls“-Events organisiert Scherer bereits länger Veranstaltungen für lesbische Frauen, der Abend im Bräurosl ist nun eine Premiere auf dem Oktoberfest.
Oktoberfest als öffentlicher Queer-Ort
Scherer betont, die Wiesn eigne sich gerade deshalb für ein solches Format, weil sie kein klassischer Queer Space sei, sondern zur Münchner Stadtgesellschaft gehöre. Unterschiedliche Generationen, Nationalitäten und Lebensentwürfe sitzen dort nebeneinander auf der Bierbank, und genau dort solle queeres Leben selbstverständlich sichtbar sein – nicht nur in Clubs oder beim Christopher Street Day. Trotz der nach dem Anschlag auf den Berliner CSD spürbaren Sorge sei die Lust zu feiern groß, ebenso das Vertrauen in die Sicherheitsvorkehrungen des Volksfests.
Traditioneller Rosa Sonntag mit Männerüberschuss
Nach Angaben der Bräurosl-Wirte Franziska und Peter Reichert gibt es den Rosa Sonntag seit mehr als 40 Jahren, rund 90 Prozent der Gäste seien Männer. Dort feierten über 6.000 Besucher eng beieinander das Leben und die Liebe. Die Nachfrage nach den queeren Partys wachse von Jahr zu Jahr und übersteige das Angebot, weshalb die Wirte die Idee entwickelten, den queeren Festtag zu verlängern und neben dem Rosa Sonntag zusätzlich den Rosa Montag einzuführen.
Ökonomische Gründe für fehlende Frauenräume
Aus Sicht von Berti Gammenthaler vom Forum Queeres Archiv in München hängt der Männerüberschuss auf queeren Partys auch mit Konsumverhalten zusammen. Männer würden im Durchschnitt mehr Alkohol trinken, was dazu geführt habe, dass viele Frauen- und Lesbenkneipen der 1990er und 2000er Jahre schließen mussten, weil sie die Abnahmesoll der Brauereien nicht erfüllen konnten. Zudem bestehe weiterhin ein Einkommensunterschied zwischen Männern und Frauen, der den Zugang zu kostenintensiven Angeboten wie Wiesn-Tischen erschwere.
Lesbische Frauen und Flinta-Personen im Mittelpunkt
Mit „Bier, Boobs, Brezn“ soll sich dies zumindest für einen Abend sichtbar verändern: Im Mittelpunkt stehen lesbische Frauen und Flinta-Personen, die sich nicht länger mühsam im Zelt suchen müssen, sondern einen klar definierten Raum vorfinden. Ziel der Veranstalterinnen ist es, dass die Besucherinnen auf der Wiesn dasselbe tun können wie andere Gäste seit Generationen: zusammensitzen, essen, anstoßen, tanzen, neue Leute kennenlernen und gemeinsam eine gute Zeit haben – nur eben mit ihnen als Hauptakteurinnen.
Mehr Sichtbarkeit für lesbische Frauen auf der Wiesn
Das Premièren-Event „Bier, Boobs, Brezn“ markiert einen Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit von lesbischen Frauen und Flinta-Personen auf dem Oktoberfest. Während der Rosa Sonntag seit Jahrzehnten stark von schwulen Männern geprägt ist, schafft der neu hinzugekommene Rosa Montag mit dem explizit lesbischen Abend erstmals eine eigene Bühne für eine Community, die in der Münchner Szene lange weniger präsent war. Dass rund 700 Gäste kommen, deutet auf einen klaren Bedarf nach solchen Angeboten hin.
Veränderte queere Infrastruktur in München
Die Veranstalterinnen knüpfen mit dem Event an eine Entwicklung an, die in vielen Großstädten zu beobachten ist: Zahlreiche frühere Treffpunkte für lesbische Frauen haben geschlossen, während gemischt queere oder schwul dominierte Orte bestehen blieben. Wenn Sina Scherer darauf verweist, dass es früher mehr selbstverständliche Treffpunkte gerade im Glockenbachviertel gab, spiegelt das den Strukturwandel der Szene wider. Mit ihren „Lost Girls“-Veranstaltungen versucht sie, diese Lücke gezielt zu füllen und nun auf das Oktoberfest zu übertragen.
Oktoberfest als Teil der Stadtgesellschaft
Bemerkenswert ist, dass das neue Format bewusst nicht in einem klassischen queeren Raum, sondern mitten im Volksfest stattfindet. Die Wiesn steht für ein breites Publikum, in dem verschiedene Lebensentwürfe nebeneinander feiern. Wenn queere Veranstaltungen dort sichtbarer werden, stärkt das die Normalität von LGBT-Leben im Alltag der Stadtgesellschaft. Zugleich spielt der Anschlag auf den Berliner CSD eine Rolle im Sicherheitsgefühl der Besucherinnen: Zwischen anhaltender Sorge und großer Lust zu feiern wird deutlich, dass Sicherheitskonzepte auf Großveranstaltungen für queere Communities eine besondere Bedeutung haben.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv.de: „Oktoberfest bekommt erstmals Event für lesbische Frauen“ (19.09.2026)
Der Bericht stelle heraus, dass „Bier, Boobs, Brezn“ als erstes explizit lesbisches Event auf der Wiesn gelte und rund 700 Frauen und Flinta-Personen im Zelt Bräurosl zusammenbrächten. Zudem hebe der Artikel hervor, die Idee sei aus der starken Nachfrage nach dem Rosa Sonntag entstanden und habe zum zusätzlichen Rosa Montag geführt, in dessen Rahmen nun der neue Abend stattfinde. Im Vergleich zur Agenturmeldung betone der Beitrag stärker den strukturellen Wandel der queeren Partyszene und die ökonomischen Gründe für das Verschwinden vieler früherer Lesbenkneipen.
In der Gesamtschau bestätige der Pressespiegel die zentrale Botschaft, dass das Oktoberfest erstmals ein eigenes lesbisches Event erhalte, während die Einordnung unterschiedliche Aspekte der Szeneentwicklung, der Nachfrage und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ergänze. Unterschiede ergäben sich vor allem in der Schwerpunktsetzung: Die Agenturmeldung stelle das neue Gemeinschaftsgefühl in den Vordergrund, der externe Bericht vertiefe zusätzlich historische und gesellschaftliche Hintergründe.
