Oktoberfest München: Erstes lesbisches Wiesn-Event „Bier, Boobs, Brezn“ im Bräurosl
Veröffentlicht am: 21.09.2026 um 14:10 Uhr | dpa, AD HOC NEWSIm Festzelt „Bräurosl“ auf dem Münchner Oktoberfest haben erstmals mehrere Hundert Frauen ein explizit lesbisches Wiesn-Event gefeiert.
Premiere von „Bier, Boobs, Brezn“ im Bräurosl
Unter dem Motto „Bier, Boobs, Brezn“ fand im Bräurosl eine queere Party ausschließlich für Frauen statt. Einhorn-Luftballons schwebten über den Besucherinnen, auf der Bühne hing die Regenbogenflagge und machte den Anspruch des Abends sichtbar. Rund 700 Frauen und Flinta-Personen – also Frauen, Lesben, Inter, Nonbinär, Trans und Agender – hatten sich nach Angaben der Veranstalterinnen angemeldet.
Große Nachfrage nach eigenem lesbischen Event
Die Initiatorinnen Silke Völlig und Sina Scherer von „Lost Girls“ berichten, das Interesse sei deutlich größer gewesen als die Zahl der verfügbaren Plätze. Sie hätten auch 1.000 Tickets verkaufen können, erklärten sie. Mit dem Event ging ein lange geäußerter Wunsch nach einem eigenen Raum für lesbische Frauen und andere Flinta-Personen auf der Wiesn in Erfüllung.
Ergänzung zum traditionellen Gay Sunday
Das neue Angebot fand einen Tag nach dem traditionellen Gay Sunday, dem Rosa Sonntag, statt, der seit Jahrzehnten von schwulen Männern dominiert wird. Während dieser Termin fest im queeren Wiesn-Kalender verankert ist, hatten lesbische Frauen bislang keinen vergleichbaren, explizit auf sie zugeschnittenen Abend im Festzelt.
Antwort auf schrumpfende Sichtbarkeit lesbischer Frauen
Veranstalterin Scherer beschreibt das neue Format als Reaktion auf eine Entwicklung in München, bei der Orte für lesbische Frauen verschwunden seien. Gerade im Glockenbachviertel habe es früher mehr selbstverständliche Treffpunkte gegeben. Ähnliches beobachte sie auf der Wiesn, wo etablierte queere Termine zwar bestehen, lesbische Frauen als eigene Community jedoch kaum sichtbar seien.
Lost Girls schaffen eigenen Raum auf der Wiesn
Aus diesem Eindruck heraus beschlossen die Organisatorinnen, nicht länger auf Angebote zu warten, sondern selbst aktiv zu werden. Mit ihren „Lost Girls“-Events schaffen sie bereits seit Längerem Räume für lesbische Frauen und Flinta-Personen. Das nun umgesetzte Wiesn-Event ist eine Premiere und soll zeigen, dass diese Gruppe auch in einem großen Volksfest-Setting ihren Platz einnehmen kann.
Mehr Sichtbarkeit für lesbische Frauen auf der Wiesn
Das erstmals ausgerichtete Event „Bier, Boobs, Brezn“ markiert einen Schritt hin zu mehr Sichtbarkeit lesbischer Frauen und anderer Flinta-Personen auf dem Oktoberfest. Während der Rosa Sonntag seit Jahrzehnten eine feste Größe für schwule Männer ist und nach Angaben der Wirtsfamilie Reichert mehr als 6000 überwiegend männliche Gäste anzieht, blieb eine eigenständige Plattform für lesbische Communities bislang aus. Dass rund 700 Teilnehmerinnen angemeldet waren und noch mehr Karten hätten verkauft werden können, zeigt eine vorhandene, bislang ungenutzte Nachfrage.
Historische Lücken in der lesbischen Infrastruktur
Die Veranstalterinnen knüpfen an eine Entwicklung an, die sie selbst kritisch beschreiben: Orte explizit für lesbische Frauen in München seien verschwunden, gerade im traditionsreichen Glockenbachviertel. Ältere Szenekneipen und Treffpunkte aus den 1990er- und 2000er-Jahren existieren vielfach nicht mehr, häufig aus wirtschaftlichen Gründen. In der Analyse von queeren Archiven wird darauf verwiesen, dass Frauen und lesbische Gäste früher im Durchschnitt weniger konsumierten und geringere Einkommen hatten, was das Halten von Kneipen erschwerte. Vor diesem Hintergrund ist ein eigenes Wiesn-Event in einem großen Festzelt auch ein Symbol dafür, dass diese Gruppe heute ökonomisch stärker auftreten und Räume selbst gestalten kann.
Oktoberfest als gesamtgesellschaftlicher Schauplatz
Die Wahl der Wiesn als Bühne ist auch politisch-kulturell bedeutsam. Das Oktoberfest gilt als Volksfest, das die Stadtgesellschaft und internationale Gäste zugleich abbildet. Wenn dort explizit queere Veranstaltungen für unterschiedliche Gruppen stattfinden, signalisiert dies, dass Diversität nicht auf Szenebezirke, Clubs oder Pride-Demonstrationen beschränkt bleibt. Zugleich spielen Sicherheitsfragen nach Anschlägen auf queere Veranstaltungen eine Rolle; das Vertrauen in Schutzkonzepte großer Volksfeste wird betont. Für Besucherinnen bedeutet das Event die Möglichkeit, in einem traditionell stark männlich geprägten Umfeld sichtbar und selbstbestimmt zu feiern – ein Schritt hin zu einer breiteren, inklusiveren Wiesn-Kultur.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv.de: „Oktoberfest bekommt erstmals Event für lesbische Frauen“ (19.09.2026)
Der Bericht stelle heraus, dass das Oktoberfest mit „Bier, Boobs, Brezn“ erstmals ein eigenes Event ausschließlich für queere Frauen und Flinta-Personen erhalte und ordne dies als Ergänzung zum seit über 40 Jahren etablierten Rosa Sonntag für überwiegend schwule Männer ein. Der Artikel hebe die Aussagen der Veranstalterinnen zu fehlenden lesbischen Sichtbarkeitsorten in München hervor und schildere, dass ökonomische Faktoren und Konsumverhalten in der Vergangenheit zum Verschwinden vieler Lesbenkneipen beigetragen hätten. Zudem werde betont, die Nachfrage nach queeren Wiesn-Formaten sei groß und rechtfertige eine Ausweitung hin zu einem „Rosa Montag“.
Medienübergreifend werde damit vor allem die Premiere des explizit lesbischen Wiesn-Events bestätigt, während die Berichte unterschiedliche Akzente setzen: Einerseits stehe die symbolische Aufwertung lesbischer und Flinta-Communities im Mittelpunkt, andererseits würden strukturelle Gründe für bislang fehlende Angebote sowie Sicherheits- und Integrationsaspekte großer Volksfeste thematisiert. Offene Fragen bestünden vor allem darin, ob das neue Format dauerhaft etabliert werde und wie stark weitere Wiesn-Zelte künftig ähnliche Veranstaltungen aufgreifen könnten.
