Gisèle Pelicot auf der Buchmesse: «Ich musste mir dieses Leben zurückerobern»
Veröffentlicht am: 07.10.2026 um 18:49 Uhr | dpa, AD HOC NEWSGisèle Pelicot will ihren früheren Ehemann und Peiniger «unbedingt irgendwann» treffen, wie die 73-Jährige auf der Frankfurter Buchmesse sagte.
Jahrelang unter Drogen gesetzt
Pelicot war von ihrem damaligen Mann über knapp zehn Jahre immer wieder mit Medikamenten betäubt, missbraucht und Fremden zur Vergewaltigung angeboten worden. Ihr Ex-Mann wurde 2024 zu 20 Jahren Haft verurteilt.
50 weitere Männer, die zumeist wegen schwerer Vergewaltigung angeklagt waren, erhielten Haftstrafen zwischen drei und 15 Jahren. Seit Jahren habe sie nicht mehr allein mit ihrem früheren Mann gesprochen, sagte Pelicot. Sie erwarte möglicherweise keine Erklärungen oder Antworten, doch ein Treffen gehöre zu ihrem Weg.
«Wie in Vollnarkose gelebt»
Die Videos der Taten habe sie lange nicht angesehen. Zunächst sei sie dazu nicht bereit gewesen. Was sie gesehen habe, sei barbarisch gewesen; sie habe die Frau auf den Aufnahmen nicht wiedererkannt.
Zehn Jahre lang habe sie nahezu bewusstlos gelebt, sagte Pelicot. «Ich habe wie in Vollnarkose gelebt über viele Stunden, und ich musste mir dieses Leben zurückerobern», erklärte sie in Frankfurt.
Neue Liebe und Vorsicht
Die Liebe habe sie nicht verlassen, sagte Pelicot. Sie könne wieder vertrauen und habe nicht geglaubt, dass sie sich in ihrem Alter noch einmal verlieben könne. Nun habe sie einen wunderbaren Mann kennengelernt, sei aber weiterhin auf der Hut.
Pelicot wurde durch ihr entschlossenes Auftreten und ihre Entscheidung, den Prozess nicht hinter verschlossenen Türen zu führen, in Frankreich zu einem feministischen Vorbild. Im Februar erschienen ihre Memoiren «Eine Hymne an das Leben».
Warum sie Öffentlichkeit wollte
Sie habe sich gesagt, dass sie sich schämen werde, wenn sie mit den 50 Angeklagten im Gerichtssaal eingeschlossen sei, nicht aber die Männer. Deshalb habe sie unterstreichen wollen, dass nicht das Opfer sich schämen müsse. Trotz der Warnungen ihrer Anwälte habe sie den Prozess bis zum Ende durchstehen wollen.
Über ihren früheren Mann, den sie nur «Herr Pelicot» nennt, sagte sie, er habe zwischen Gut und Böse wählen können. Sie habe versucht, ihn zum Licht zu ziehen, doch er habe sich für das Böse entschieden.
Erziehung zu Respekt
Mit Blick auf einen kürzlich bekanntgewordenen Missbrauchsfall an der US-Elite-Universität Cornell sagte Pelicot, die Gesellschaft lebe noch immer in einer Macho-Kultur. Frauen müssten mehr Macht übernehmen und weniger Angst haben.
Respekt vor Frauen müsse früh vermittelt werden, betonte sie. Jungen müsse man zeigen, dass eine Frau und auch eine Freundin kein Objekt sei. Das müsse Erziehung leisten.
Ein Prozess als gesellschaftlicher Wendepunkt
Der Fall Gisèle Pelicot hat in Frankreich die öffentliche Debatte über sexualisierte Gewalt und die Rolle von Opfern in Strafverfahren verändert. Pelicot entschied sich dafür, den Prozess öffentlich führen zu lassen und ihre Identität nicht zu verbergen. Damit rückte nicht ihr Verhalten, sondern die Verantwortung der Täter in den Mittelpunkt.
Das Urteil von 2024 setzte einen deutlichen strafrechtlichen Rahmen: Pelicots damaliger Ehemann erhielt 20 Jahre Haft, weitere Angeklagte wurden zu Freiheitsstrafen zwischen drei und 15 Jahren verurteilt. Der Fall machte zugleich sichtbar, wie lange Gewalt im privaten Umfeld verborgen bleiben kann und welche Bedeutung Beweismittel wie Videoaufnahmen für die Aufklärung haben.
Bedeutung über den Gerichtssaal hinaus
Pelicots Auftritt in Frankfurt verbindet die juristische Aufarbeitung mit einer persönlichen Perspektive auf die Zeit danach. Ihre Aussagen über Vertrauen, eine neue Beziehung und den mühsamen Wiederaufbau des eigenen Lebens zeigen, dass ein Urteil die Folgen der Gewalt nicht beendet. Die Rückkehr in die Öffentlichkeit kann dabei ein Schritt sein, die eigene Geschichte wieder selbst zu bestimmen.
Ihre Forderung nach früher Erziehung zu Respekt richtet sich nicht nur an Schulen und Familien. Sie verweist auf eine strukturelle Frage: Kinder und Jugendliche müssen lernen, dass Frauen keine Objekte sind und Zustimmung die Grundlage jeder sexuellen Beziehung bildet. Für Leserinnen und Leser in Deutschland bleibt der Fall deshalb auch als Debatte über Opferschutz, Gewaltprävention und den Umgang mit sexualisierter Gewalt relevant.
