Deutschland, Berlin

Ein Antiken-Marathon, die «Faszination des Horrors», eine feministische «Dr.

01.09.2023 - 14:27:08

Dostojewski, «Doktormutter Faust» und Meister der Romantik. Faust» - Bühnen und Ausstellungshäuser locken nach der Sommerpause mit spannenden Events. Ein Überblick.

  • Blick in den leeren Zuschauersaal des Theaters «Berliner Ensemble» (BE). - Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpa

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  • Eingang zur Theaterkasse im Admiralspalast. - Foto: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

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Blick in den leeren Zuschauersaal des Theaters «Berliner Ensemble» (BE). - Foto: Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/dpaEingang zur Theaterkasse im Admiralspalast. - Foto: Gerald Matzka/dpa-Zentralbild/dpa

Ein «Anthropolis»-Marathon, sieben Stunden Dostojewski, «Faust» in feministischer Überschreibung - mit ambitionierten Projekten kommen die Bühnen aus der Sommerpause. Die Ausstellungshäuser locken mit berühmten Namen wie Edvard Munch, Amedeo Modigliani oder Lyonel Feininger, vor allem aber mit dem Romantik-Meister Caspar David Friedrich (1774-1840), dessen 250. Geburtstag mit großen Schauen in Berlin, Dresden und Hamburg gewürdigt wird. Ein Blick auf das Kulturgeschehen der nächsten Monate.

Die Kulturszene der Hauptstadt Berlin wird stärker weiblich geprägt. Gleich drei wichtige Posten sind mit Frauen neu besetzt: Iris Laufenberg ist nun Intendantin des Deutschen Theaters, Jenny Schlenzka kommt als Direktorin zum Gropius Bau und Joana Mallwitz dirigiert als Chefin das Konzerthausorchester. In einem Hangar des alten Flughafens Tempelhof eröffnet die Komische Oper mit Hans Werner Henzes «Das Flo? der Medusa» spektakulär die sanierungsbedingte Zeit jenseits der angestammten Spielstätte (16.9.). Die Deutsche Oper hat gleich alle zehn Bayreuth-Opern Richard Wagners auf dem Spielplan.

Ort mit Geschichte für die Kunst

Mit dem Fotografiska Museum eröffnet im einstigen Kunsthaus Tacheles ein neuer Ort für zeitgenössische Fotografie (14.9.). Zu den Höhepunkten der mit erstklassigen Ausstellungen üppig ausgestatteten Kulturmetropole zählen «Edvard Munch. Zauber des Nordens» (15.9.) in der Berlinischen Galerie, ergänzt vom Potsdamer Museum Barberini durch «Munch. Lebenslandschaften» (18.11.). Herausragende Arbeiten von Caspar David Friedrich locken in die Alte Nationalgalerie, wo es um «Unendliche Landschaften» des Romantik-Meisters geht (19.4.).

Direkt nebenan auf der zum kulturellen Welterbe zählenden Museumsinsel ist auch einer der Tiefpunkte der Kultursaison zu erwarten: am 23. Oktober schließt mit dem Pergamonmuseum eines der beliebtesten deutschen Museen wegen umfassender Sanierungsarbeiten für vier Jahre komplett. Nach ersten Abschnitten von 2027 an wird das ganze Museum erst wieder 2037 zugänglich sein.

Mit einem Antiken-Marathon eröffnet Intendantin Karin Beier die Spielzeit am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Seit mehr als zwei Jahren laufen die Vorbereitungen für das Großprojekt mit dem Titel «Anthropolis. Ungeheuer. Stadt. Theben.». Die Serie ist mit fünf Folgen angesetzt und kommt ab dem 15. September im Abstand von zwei Wochen zur Uraufführung. Die Texte zu den einzelnen Folgen «Prolog/Dionysos», «Laios», «Ödipus», «Iokaste» und «Antigone» hat der Autor Roland Schimmelpfennig auf Basis der antiken Dramen von Aischylos, Sophokles und Euripides entwickelt.

Spannend wird's im Thalia

Ebenfalls mit Spannung erwartet wird die Saisoneröffnung am Thalia Theater. Dort bringt Regisseur Christopher Rüping am 8. September den neuen Roman «Noch wach?» von Benjamin von Stuckrad-Barre auf die Bühne.

Höhepunkt in der Hamburger Kunsthalle ist die große Ausstellung zum 250. Geburtstag von Caspar David Friedrich (1774-1840). Zu sehen sind ab dem 15. Dezember mehr als 50 Gemälde und rund 90 Zeichnungen – darunter viele Schlüsselwerke des bedeutendsten Künstlers der deutschen Romantik. Nach mehr als 50 Jahren feiert Ballettchef John Neumeier mit «Epilog» im Sommer 2024 seinen endgültigen Abschied.

In Stuttgart will die Oper ihrem Ruf als «Mekka des Regietheaters» mit fünf Neuproduktionen in der kommenden Spielzeit treu bleiben. Ein Highlight: Erstmals wird der Ballettchoreograf Eric Gauthier einen Musiktheaterabend inszenieren. In Gauthiers Stück «La Fest» mit barocker Musik geht’s ums Feiern – mit Gesang und Tanz in der musikalischen Leitung des Barockspezialisten Benjamin Bayl.

Harald Schmidt bleibt dem Schauspiel Stuttgart treu. In der nächsten Spielzeit wird er in seiner «Spielzeitanalyse» weiter an acht Abenden das Weltgeschehen infrage stellen und spitzzüngig die Spielzeit unter die Lupe nehmen.

Modigliani ganz groß in Stuttgart

Die Staatsgalerie Stuttgart wirft in ihrer großen Ausstellung «moderne Blicke» auf den 1920 gestorbenen Maler, Zeichner und Bildhauer Amedeo Modigliani (25.11.2023-17.3.2024). Gezeigt werden rund 50 Gemälde und Papierarbeiten des Italieners, sie werden zudem Werken deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler wie Gustav Klimt, Egon Schiele, Wilhelm Lehmbruck oder Paula Modersohn-Becker gegenübergestellt.

Die nächste neue Schau im Museum Frieder Burda in Baden-Baden zeigt vom 4. November bis 3. März das Spektrum des Schweizer Malers Nicolas Party. Ebenfalls in Baden-Baden steigt vom 29. September bis 10. Oktober das Tanzfestival «The World of John Neumeier». In Karlsruhe bringt vom 16. September bis 7. April Lichtkünstler Heinz Mack die Lichthöfe des Zentrums für Kunst und Medien (ZKM) auf vielfältige Weise zum Leuchten.

Physik und Musik

In der Kulturszene in Frankfurt wird mit Spannung der junge Star-Dirigent Thomas Guggeis erwartet. Denn zur kommenden Saison beginnt der 30-Jährige seine Doppelrolle als Generalmusikdirektor der Frankfurter Oper und als Leiter der Museumskonzerte. Der in Bayern aufgewachsene Guggeis studierte Dirigieren in Mailand und München. Und absolvierte daneben noch ein Physik-Studium.

Unter dem Motto «Zwischenräume» und mit einer starken Frauenquote geht das Schauspiel Frankfurt in die kommende Spielzeit. Auf der großen Bühne werden nahezu ausschließlich Regisseurinnen ihre neuen Stücke zeigen. Eröffnet wird die Saison am 21. September mit Molières hochaktueller Komödie «Der Geizige» in der Regie von Mateja Koležnik.

Klassiker der Modernen Kunst gibt es ab 27. Oktober in der Frankfurter Schirn zu sehen. Dort wird der deutsch-amerikanische Künstler Lyonel Feininger (1871–1956) gezeigt. Es sei «die erste große Retrospektive seit über 25 Jahren in Deutschland und zeichnet ein umfassendes und überraschendes Gesamtbild seines Schaffens», heißt es. Im Städel wird derweil ab 2. November «Holbein und die Renaissance im Norden» präsentiert. Mit dabei sind Werke von Hans Holbein d. J., Hans Holbein d. Ä., Hans Burgkmair, Albrecht Dürer und weiteren berühmten Künstlern.

Lange Theaterabende in Bochum

Momumental, fast schon monströs mutet an, was sich das Schauspielhaus in Bochum vorgenommen hat. Intendant Johan Simons bringt Dostojewskis «Die Brüder Karamasow» als siebenstündiges Theaterereignis zur Aufführung. Eine Bühne ist dem preisgekrönten Regisseur dafür nicht genug: Das neunköpfige Ensemble bespielt gleich beide Bühnen des Schauspielhauses. Teil der Inszenierung um den Tod des moralisch verkommenen Vaters vierer Brüder sowie das Ringen der Figuren um Moral und Glaube ist auch ein mehrgängiges Dinner für das Publikum. Am 14. Oktober feiert Simons Marathon-Version des Dostojewski-Stoffes Premiere.

Um den deutschen Über-Klassiker schlechthin geht es in der neuen Spielzeit in Essen: Theater und Oper dort werfen unter weiblicher Intendanz und mit Frauen in der Regie einen neuen Blick auf Goethes «Faust». Am «Grillo»-Theater gibt es als Eröffnungspremiere am 9. September «Doktormutter Faust» - Uraufführung der «Faust»-Bearbeitung durch die Berliner Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir. Dr. Faust ist darin eine Frau mit feministischen Positionen, die auf einen reaktionären Staat trifft. Das Essener Aalto-Musiktheater bietet am 27. Januar die Premiere von «Fausto», der selten gespielten ersten Faust-Oper für die französische Bühne. Verfasst hat das 1831 uraufgeführte Stück die damals 26-jährige Louise Bertin, eine querschnittsgelähmte Allround-Künstlerin. Die Regie führt die Opernregisseurin Tatjana Gürbaca.

Gruseln in Düsseldorf

Nichts für Zartbesaitete ist die Ausstellung «Tod und Teufel. Faszination des Horrors» (14.9.-21.1.2024) im Kunstpalast in Düsseldorf. Unbehagen, Faszination und manchmal auch ein Lachen lösen Objekte aus Mode, Kunst, Musik und Film aus. Zur Eröffnung wird eine Geisterbahn vor dem Kunstpalast aufgebaut. Außerdem wird die finnische Heavy-Metal-Band Lordi - bekannt für ihre Monster- und Zombiekostüme - auf einer Bühne vor dem Kunstpalast auftreten.

Mit Spannung erwartet wird die Wiederaufnahme von «A Wilde Story», eines Balletts von Marco Goecke nach Motiven von Oscar Wilde am Staatstheater Hannover. Goecke hatte nach einer Hundekot-Attacke auf eine Journalistin Anfang 2023 seinen Job als Ballettdirektor aufgeben müssen. Im kleinsten Bundesland Bremen ist im Herbst eine große Ausstellung zum Thema Buddhismus zu sehen. Vom 14. Oktober 2023 bis zum 28. April 2024 will das Übersee-Museum nach eigenen Angaben «die inspirierende Vielfalt dieser zeitlosen spirituellen Tradition» erlebbar machen - von den antiken Anfängen bis zur modernen Bedeutung.

Alte Klassiker in neuem Gewand

Antike und alte Hits in München: Am Bayerischen Staatsschauspiel kommt der griechische Dichter Aischylos zu Ehren. Das Theater zeigt den dreiteiligen Mythos der Orestie in verschiedenen Handschriften, unter anderem zur Spielzeiteröffnung am 7. Oktober mit Jean-Paul Sartres Werk «Die Fliegen». Der Klassiker «Die Buddenbrooks» von Thomas Mann folgt am 23. November. Die Staatsoper holt alte Klassiker in die Moderne. Neuinszenierungen gibt es etwa von «Le Nozze di Figaro» von Wolfgang Amadeus Mozart (30. Oktober), später folgen Premieren etwa von Giacomo Puccinis «Tosca» oder von der Strauß-Oper «Die Fledermaus», inszeniert von Barrie Kosky.

Im Kunstbau des Lenbachhauses können Besucherinnen und Besucher ab 28. Oktober in die Landschaften des berühmten englischen Romantik-Malers Joseph Mallord William Turner (1775-1851) eintauchen, in der Schau «Turner. Three Horizons». Die Alte Pinakothek widmet sich den Künstlern Venedigs im 16. Jahrhundert. «Venezia 500 - Die sanfte Revolution der venezianischen Malerei» mit Werken von Giovanni Bellini bis zu Tizian startet am 27. Oktober. Zeitgenössisches gibt es dagegen im Haus der Kunst, ab 10. November mit der Ausstellung «Meredith Monk: Calling», die das Schaffen der US-amerikanischen Künstlerin in sechs Jahrzehnten beleuchtet. Und das Museum für Urbane und zeitgenössische Kunst präsentiert ab 26. Oktober «Damien Hirst: The Weight of Things».

Große Meister in Dresden

Mit einer Doppelschau wird Dresden in der zweiten Jahreshälfte der Hotspot zum 250. Geburtstag des Malers Caspar David Friedrich. Das Albertinum stellt dessen Gemälden Landschaftsbilder der großen Meister aus der Gemäldegalerie - Jakob Ruisdael, Salvatore Rosa und Claude Lorrain - gegenüber, die Friedrich inspirierten (24.8.2024-5.1.2025). Das Kupferstich-Kabinett zeigt Zeichnungen aus seinem Bestand, die er auf Wanderungen durch die Umgebung Dresdens und auf Reisen in die Heimat nach Greifswald und Rügen oder ins Riesengebirge machte.

Am Dresdner Staatsschauspiel ist für den 28. Oktober die Uraufführung des Auftragswerkes «Ajax» von Dramatiker Thomas Freyer geplant, das den aktuellen Krieg in der Ukraine vor der Folie des antiken Mythos spiegelt.

Österreich steht vor einer Saison der Jubiläen - eine Symphonie mit Mitsing-Faktor wird ebenso gefeiert wie die immer noch radikale Zwölftonmusik. Ludwig van Beethovens 9. Symphonie wurde 1824 in Wien erfolgreich uraufgeführt. 200 Jahre später erklingt hier der inzwischen auch zur Europahymne gewordene «Götterfunke» mit hochkarätigen Interpreten: Kommenden Mai spielt Riccardo Muti die Neunte mit den Wiener Philharmonikern, während Joana Mallwitz das Werk mit den Wiener Symphonikern aufführt. Schon ab November widmen sich die Symphoniker in einer Konzertreihe dem Musikpionier Arnold Schönberg und seiner Zwölftonmusik, anlässlich seines 150. Geburtstags im nächsten Jahr.

2024 wird außerdem Anton Bruckners 200. Geburtstag gefeiert - eine Gelegenheit, die Wirkungsstätte des romantischen Komponisten in Linz zu besuchen. Dort beginnt das Bruckner Orchester Linz im Dezember eine Aufführungsserie mit allen Symphonien seines Namensgebers.

Nur ein paar Stunden entfernt wird Bad Ischl 2024 zu einer der europäischen Kulturhauptstädte. Das vielfältige Programm kreist um die Themen Erinnerungskultur, Tourismus und Umwelt.

@ dpa.de