Dramatischer Bahnvorfall in Friedrichshafen: Mutter nach versuchtem Mord an Tochter dauerhaft in Psychiatrie
Veröffentlicht am: 16.09.2026 um 10:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWSEine 34-jährige Mutter aus Friedrichshafen wird nach einem versuchten Mord an ihrer vierjährigen Tochter dauerhaft in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.
Gericht sieht versuchten Mord, aber keine Schuldfähigkeit
Das Landgericht Ravensburg ordnete die Unterbringung der Frau an, nachdem es den Tatvorwurf der Staatsanwaltschaft bestätigt hatte. Nach Überzeugung der Kammer hatte die Mutter im Februar ihre damals vierjährige Tochter an die Gleise eines Bahnübergangs in Friedrichshafen geführt, um sich und das Kind von einem herannahenden Zug erfassen zu lassen. Aufgrund einer bei ihr diagnostizierten Schizophrenie bewertete das Gericht die Angeklagte als schuldunfähig.
Zeuge verhindert Zusammenstoß mit Zug
Ein Zeuge griff ein und zog Mutter und Kind im letzten Moment von den Gleisen. Nach seiner Aussage habe nur ein Schritt gefehlt, bis es zu einem Zusammenstoß mit dem Zug gekommen wäre. Die Frau soll sich gegen die Hilfe gewehrt und versucht haben, erneut in Richtung der Gleise zu gelangen.
Schuldfrei, aber dauerhaft untergebracht
Vor Gericht schilderte die Angeklagte, sie habe Stimmen gehört, die ihr befohlen hätten, stehenzubleiben und sich das Leben zu nehmen. Sie habe sich in einem psychischen Ausnahmezustand befunden und „wie im Nebel“ gehandelt. Die Frau, die mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet war, bedauerte ihre Tat und erklärte, sie würde sie rückgängig machen, wenn sie könnte.
Tochter lebt in Pflegefamilie
Die Staatsanwaltschaft warf der Mutter versuchten Mord an ihrer Tochter vor und ging davon aus, dass sie die Wehrlosigkeit des Kindes bewusst ausgenutzt habe. Das Gericht folgte dieser rechtlichen Bewertung, stellte wegen der Schizophrenie jedoch die Schuldunfähigkeit fest, sodass formal ein Freispruch erging. Die Entscheidung ist rechtskräftig. Die Frau befindet sich bereits in der Psychiatrie, ihre Tochter lebt nach Angaben des Gerichts in einer Pflegefamilie.
Psychiatrische Unterbringung statt Haftstrafe
Der Fall aus Friedrichshafen zeigt exemplarisch, wie das deutsche Strafrecht mit schweren Gewalttaten umgeht, wenn die Täterinnen oder Täter aufgrund einer psychischen Erkrankung als schuldunfähig gelten. Die Kammer des Landgerichts Ravensburg hat den Vorwurf des versuchten Mordes rechtlich bestätigt, zugleich aber festgestellt, dass die 34-jährige Mutter wegen einer Schizophrenie nicht schuldfähig war. In solchen Konstellationen steht am Ende formal ein Freispruch, verbunden mit der Anordnung der dauerhaften Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Für Betroffene bedeutet das faktisch eine auf unbestimmte Zeit gesicherte Unterbringung, die regelmäßig überprüft wird und an den Zustand der Erkrankung geknüpft ist.
Kinderschutz und Rolle von Zeugen
Besonders eindrücklich ist in diesem Fall die Rolle des Zeugen, der Mutter und Kind im letzten Moment von den Gleisen zog und damit mutmaßlich zwei Leben rettete. Seine Aussage, es habe nur noch ein Schritt zum Zusammenstoß mit dem Zug gefehlt, unterstreicht die unmittelbare Lebensgefahr, in der die Vierjährige und ihre Mutter schwebten. Zugleich wird deutlich, wie wichtig couragiertes Eingreifen von Umstehenden in akuten Gefahrensituationen ist. Für das Kind wurde nach dem Vorfall eine Pflegefamilie gefunden, was dem hohen Stellenwert des Kinderschutzes im deutschen Recht entspricht: Nach solchen Taten prüfen Jugendämter und Familiengerichte sehr genau, wie Sicherheit und Stabilität für das Kind gewährleistet werden können.
Fluchterfahrung, psychische Belastung und Prävention
Die Frau war mit ihrer Tochter aus der Ukraine nach Deutschland geflüchtet, was auf zusätzliche Belastungsfaktoren hinweist. Flucht, Kriegserfahrungen und Integrationsprobleme können psychische Erkrankungen verstärken oder auslösen, insbesondere wenn Unterstützungsangebote nicht ausreichend wahrgenommen werden oder verfügbar sind. Der geschilderte psychische Ausnahmezustand mit Stimmenhören und Handeln „wie im Nebel“ passt zu typischen Symptomen einer Schizophrenie. Der Fall macht deutlich, wie wichtig niedrigschwellige Angebote psychiatrischer und psychosozialer Hilfe für Geflüchtete und andere vulnerable Gruppen sind, um Krisen früh zu erkennen und Eskalationen zu verhindern, bevor es zu lebensbedrohlichen Situationen kommt.
