Digitale Gewalt: Zwei Drittel der Frauen ziehen sich im Internet zurück
Veröffentlicht am: 28.09.2026 um 14:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Viele Frauen schränken aus Angst vor digitaler Gewalt ihr Verhalten im Internet ein und ziehen sich teilweise aus digitalen Räumen zurück.
Jüngere Frauen besonders betroffen
Das geht aus einer Befragung hervor, die der Deutsche Frauenrat beim Bilendi Institut in Auftrag gegeben hat. Im April und Mai wurden dafür 1.380 Frauen zwischen 18 und 74 Jahren in Deutschland befragt. Nach Angaben des Frauenrats schränkten 67 Prozent der Teilnehmerinnen ihr Online-Verhalten ein, unter den 18- bis 39-Jährigen waren es 76 Prozent.
Die Frauen teilten demnach weniger Bilder, verzichteten auf Online-Aktivitäten oder zögen sich aus digitalen Räumen zurück. Drei von zehn Befragten kannten persönlich Fälle, in denen echtes oder künstlich erzeugtes intimes Bildmaterial ohne Einwilligung verbreitet worden sei.
Deepfakes und Drohungen
Knapp zwei Drittel der Frauen vertraten die Ansicht, Frauen müssten sich im Internet vorsichtiger verhalten als Männer. 56 Prozent sahen sich als Teil einer Gruppe, die online besonders gefährdet sei. 80 Prozent bewerteten die Erstellung und Verbreitung intimer Darstellungen ohne Zustimmung als Gewalt.
Besonders häufig berichteten Frauen von Verhaltensänderungen, die bereits digitale oder digital-sexualisierte Gewalt erlebt hatten. In dieser Gruppe waren es 73 Prozent, bei Frauen ohne entsprechende Erfahrung 57 Prozent. Jede fünfte Befragte zwischen 18 und 39 Jahren sei bereits mit sexualisierten Deepfake-Darstellungen von sich konfrontiert gewesen.
Forderung nach besserem Schutz
Digitale Gewalt wirke nach Einschätzung des Frauenrats nicht erst durch den konkreten Übergriff, sondern bereits durch die Angst davor. Sie führe zu weniger Sichtbarkeit, Austausch und Teilhabe. Das Spektrum reiche von unerwünschten sexualisierten Nachrichten über Erpressung und bildbasierte Gewalt bis zu Vergewaltigungsdrohungen.
86 Prozent der Befragten forderten einen besseren Schutz von Frauen durch Online-Plattformen. Zudem sprachen sich 91 Prozent für einen gesetzlichen Anspruch auf schnelle Löschung aus, 85 Prozent für Schadenersatz.
Digitale Gewalt als Teilhabehürde
Die Befragung macht sichtbar, dass digitale Gewalt nicht nur einzelne Betroffene trifft. Wenn Frauen Bilder seltener veröffentlichen, Online-Angebote meiden oder sich aus Diskussionen zurückziehen, verändert das die Zusammensetzung öffentlicher Debatten. Besonders relevant ist dies für jüngere Frauen, die soziale Netzwerke, berufliche Plattformen und digitale Kommunikationsräume überdurchschnittlich stark nutzen.
Sexualisierte Deepfakes verschärfen das Problem, weil Täter dafür häufig kein reales intimes Material benötigen. Bilder aus öffentlich zugänglichen Profilen können genügen, um den Anschein sexualisierter Darstellungen zu erzeugen. Die Verbreitung kann sich anschließend über Plattformen und Messenger schnell vervielfachen, während Betroffene mit der Entfernung, rechtlicher Beratung und der Sicherung von Beweisen belastet sind.
Schutz hängt von Plattformen und Recht ab
Die hohen Zustimmungswerte für schnellere Löschung und Schadenersatz verweisen auf eine Lücke zwischen dem Tempo digitaler Verbreitung und langwierigen Verfahren. Für Betroffene ist deshalb entscheidend, dass Plattformen Meldungen nachvollziehbar bearbeiten, Beweise erhalten bleiben und Behörden Zuständigkeiten rasch klären. Die geplante Anhörung im nordrhein-westfälischen Landtag am 1. Oktober zeigt, dass das Thema auch politisch weiter beraten wird.
Für Nutzerinnen bedeutet die Entwicklung zugleich, dass private Vorsicht allein keinen ausreichenden Schutz bietet. Erforderlich sind wirksame Beschwerdewege, technische Erkennung manipulierter Inhalte, konsequente Strafverfolgung und niedrigschwellige Beratungsangebote. Die Umfrage legt nahe, dass digitale Sicherheit nicht nur die Verhinderung einzelner Übergriffe meint, sondern die gleichberechtigte Teilnahme am öffentlichen Leben.
