Deutscher Buchpreis 2026: Shida Bazyar eröffnet Frankfurter Buchmesse mit «Die Lücken»
Veröffentlicht am: 06.10.2026 um 04:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSShida Bazyar ist für ihren Roman «Die Lücken» mit dem Deutschen Buchpreis 2026 ausgezeichnet worden – nun beginnt in Frankfurt am Main die Buchmesse.
Preis für einen Roman über deutsche Geschichte
Die 1988 in Rheinland-Pfalz geborene Autorin erzählt in einem fiktiven Ort im Hunsrück anhand einzelner Figurenschicksale von fast hundert Jahren ambivalentem deutschen Leben. Die Jury bezeichnete das Werk als «Roman gegen Gleichgültigkeit».
Der Deutsche Buchpreis ist mit insgesamt 37.500 Euro dotiert. Bazyar erhält 25.000 Euro, die fünf weiteren Autoren der Shortlist Franziska Gänsler, Valeria Gordeev, Elias Hirschl, Peggy Mädler und Dana Vowinckel jeweils 2.500 Euro.
Eröffnung mit Politik und Literatur
Am Dienstag wird die Frankfurter Buchmesse mit einer Pressekonferenz um 11.00 Uhr und einem Festakt um 17.00 Uhr eröffnet. Als Gastrednerin am Morgen ist die US-amerikanische Historikerin und Autorin Jill Lepore eingeladen, am Abend spricht die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarková.
Auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wird erwartet. Bis Sonntag rechnen die Veranstalter mit mehr als einer Viertelmillion Besuchern auf dem Frankfurter Messegelände.
Schwache Umsätze belasten die Branche
Zum Messeauftakt geht es traditionell um politische Forderungen und die wirtschaftliche Lage der Verlage. Der Umsatz der Buchbranche lag 2025 bei 9,62 Milliarden Euro und damit 2,7 Prozent unter dem Vorjahreswert. In den ersten acht Monaten 2026 ging der Umsatz nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels weiter zurück.
Tschechien ist Ehrengast
Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr Tschechien. Der Ehrengastauftritt trägt das Motto «Ein Land an der Küste»; im Pavillon soll Künstliche Intelligenz eine wichtige Rolle spielen. Rund 75 tschechische Autorinnen und Autoren reisen nach Frankfurt.
Zu den prominenten Gästen gehören der Musiker und Autor Wolf Biermann, die Französin Gisèle Pelicot und Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead. Erwartet werden außerdem Politiker wie Robert Habeck und der Filmemacher Volker Schlöndorff.
Mehr Bühnen, neuer Messechef
Das Event-Programm wurde auf zehn Bühnen mit mehr als 1.000 Sprechern erweitert. Am Samstag soll das Jugendwort bekanntgegeben werden. Zum Abschluss nimmt der französisch-britische Menschenrechtsanwalt Philippe Sands den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen.
Für Buchmessen-Direktor Juergen Boos ist es nach 21 Jahren die letzte Messe. Er geht in den Ruhestand. Sein Nachfolger wird Joachim Kaufmann, langjähriger Geschäftsführer des Carlsen Verlags.
Literaturpreis mit politischer Resonanz
Die Auszeichnung für Shida Bazyar fällt in eine Phase, in der Erinnerungskultur, Migration und der Umgang mit Rechtsextremismus erneut intensiv diskutiert werden. Ihr Roman verbindet die Geschichte eines fiktiven Hunsrück-Ortes mit jüdischem Leben, nationalsozialistischer Verfolgung und den Erfahrungen iranischer Familien, die später nach Deutschland kommen. Damit richtet sich der Blick nicht nur auf historische Ereignisse, sondern auch auf die Frage, wie Ausgrenzung in lokalen Gemeinschaften fortwirkt.
Der Deutsche Buchpreis zählt zu den wichtigsten deutschen Literaturauszeichnungen. Die Vergabe am Vorabend der Frankfurter Buchmesse verschafft dem ausgezeichneten Roman traditionell große Aufmerksamkeit im Handel und bei den Lesern. Die Entscheidung für ein Werk über verdrängte Geschichte verleiht dem Messeauftakt in diesem Jahr eine deutlich erinnerungspolitische Dimension.
Buchmesse zwischen Publikumserfolg und Branchendruck
Die erwarteten mehr als 250.000 Besucher zeigen zugleich die anhaltende öffentliche Bedeutung der Frankfurter Buchmesse. Das erweiterte Programm mit zehn Bühnen und mehr als 1.000 Sprechern soll unterschiedliche Interessen zusammenführen – von Literatur und politischen Debatten bis zu Jugendwort, Comics und digitalen Entwicklungen.
Dem steht die wirtschaftliche Lage der Branche gegenüber. Der Umsatz des deutschen Buchmarkts sank 2025 auf 9,62 Milliarden Euro und lag damit 2,7 Prozent unter dem Vorjahr; in den ersten acht Monaten 2026 setzte sich der Rückgang nach Angaben des Börsenvereins fort. Für Verlage, Buchhandlungen und Autoren ist die Messe deshalb nicht nur ein Kulturereignis, sondern auch ein wichtiger Ort für Aufmerksamkeit, Geschäftsabschlüsse und Orientierung in einem angespannten Markt.
Tschechien setzt kulturellen Schwerpunkt
Mit rund 75 angereisten Autorinnen und Autoren rückt das Ehrengastland Tschechien die literarische Vielfalt des Nachbarlandes in den Mittelpunkt. Das Motto «Ein Land an der Küste» spielt auf die tschechische Sehnsucht nach dem Meer an und verbindet geografische Abwesenheit mit einer literarischen Idee von Weite und Austausch. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz im Ehrengast-Pavillon verweist zudem auf die Frage, wie sich Buchkultur und neue Technologien künftig ergänzen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau.de: „Frankfurter Buchmesse: Shida Bazyar erhält Deutschen Buchpreis 2026“ (05.10.2026)
Der Bericht bestätige die Vergabe des Deutschen Buchpreises an Shida Bazyar und stelle die NS-Geschichte ihres Hunsrück-Heimatortes in den Mittelpunkt. Anders als die dpa-Meldung, die den Messeauftakt und die Branchensituation gleichgewichtig behandle, betone der Beitrag Bazyars Dankesrede sowie die Verbindung zwischen historischer Verfolgung und gegenwärtigem Antisemitismus und Rassismus.
Frankfurter Rundschau: „Frankfurter Buchmesse 2026: Veranstaltungen auf einer Ebene“ (05.10.2026)
Der Artikel bestätige den Schwerpunkt des Gastlandes Tschechien mit mehr als 75 Autorinnen und Autoren und beschreibe zusätzliche Programmdetails. Er hebe besonders die erstmals gebündelte ebenerdige Publikumsfläche, 534 Veranstaltungen und rund 420 Programmstunden hervor; offen bleibe dabei, wie stark das wachsende Angebot die wirtschaftlichen Sorgen der Branche ausgleichen könne.
Beide Berichte bestätigten den Doppelcharakter des Auftakts: Die Preisvergabe setze ein literarisches und erinnerungspolitisches Signal, während die Messe mit einem umfangreichen internationalen Programm um Publikum und Aufmerksamkeit werbe. Unterschiede lägen vor allem im Schwerpunkt – historische Verantwortung beim ersten Bericht, Organisation und Besuchererlebnis beim zweiten.
