Joachim Lottmann ist mit 70 Jahren in Wien gestorben
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 10:15 Uhr | dpa, AD HOC NEWSLottmanns letzte Veröffentlichungen
- Joachim Lottmann starb am Sonntag im Alter von 70 Jahren in einem Wiener Hospiz.
- Seit Anfang 2026 veröffentlichte er sein «Langweiliges Tagebuch» im Internet.
- Zu seinen jüngsten Arbeiten zählen die Kurzgeschichte «Tesla» und der Roman «Port Stanley ist gefallen».
Joachim Lottmann stirbt mit 70 Jahren in Wien
Der Schriftsteller Joachim Lottmann ist nach schwerer Krankheit am Sonntag im Alter von 70 Jahren gestorben. Der Autor lag zuletzt in einem Wiener Hospiz und hatte seine Krebserkrankung öffentlich gemacht.
Letzte Einträge über Krankheit und Tod
Seit Anfang 2026 dokumentierte Lottmann unter dem Titel «Langweiliges Tagebuch» seine Erkrankung im Internet. Er schrieb über Untersuchungen, Atemnot und seine tägliche Auseinandersetzung mit dem möglichen Tod.
In seinem letzten Tagebuch-Beitrag vom vergangenen Freitag äußerte Lottmann mit Blick auf die medizinische Versorgung die Erwartung, dass es eigentlich aufwärtsgehen müsse. Zugleich schrieb er, er erwarte täglich das Aus und nannte als mögliche Todesursache den Tod durch Ersticken.
«Mai, Juni, Juli» machte ihn bekannt
Lottmann wurde 1956 in Hamburg geboren und wuchs in Bayern auf. Ab 1976 studierte er Theatergeschichte und Literaturwissenschaft in Hamburg.
Sein Roman «Mai, Juni, Juli» erschien 1987 und gilt vielen als ein wichtiger Ausgangspunkt der Popliteratur. Das Buch handelt von einem depressiven Schriftsteller, der im Umfeld des Avantgarde-Pop-Magazins «Spex» nach Stoff für einen Roman sucht.
Ein Autor mit scharfem Blick
Lottmann veröffentlichte mehr als ein Dutzend Bücher. In seinen Romanen und Texten setzte er sich unter anderem mit dem Finanzcrash, der Flüchtlingskrise, Generationenfragen und der Corona-Pandemie auseinander.
Seine Prosa verband einen plaudernden Ton mit Polemik und der Vermischung von Autobiografie und Fiktion. Der Autor scheute sich nicht, Personen aus dem Literatur- und Kulturbetrieb zu benennen; darunter litten nach Darstellung der dpa auch Freundschaften.
Jüngste Bücher und späte Bilanz
Zuletzt erschienen die Kurzgeschichte «Tesla» in der Anthologie «Liebe im Transit» sowie der wiederentdeckte Roman «Port Stanley ist gefallen». Das Manuskript zu diesem Roman war fünf Jahre vor «Mai, Juni, Juli» entstanden.
In einem Interview mit dem 3sat-Magazin «Kulturzeit» im September 2026 sagte Lottmann, ihm sei erst spät klar geworden, ein außergewöhnlicher Mensch gewesen zu sein. Zugleich äußerte er den Wunsch, weiterzuleben, nun, da es interessant geworden sei.
Joachim Lottmann verband in seinen Romanen literarische Selbstinszenierung mit scharfer Beobachtung des Zeitgeists. Sein Debüt «Mai, Juni, Juli» erschien 1987 und wurde später zu einem wichtigen Bezugspunkt der deutschsprachigen Popliteratur.
Die literarische Strömung gewann in den 1990er Jahren an Bedeutung. Autorinnen und Autoren rückten Alltag, Konsum, Medien und Generationserfahrungen in einen bewusst leicht wirkenden Erzählton. Lottmann nahm diese Entwicklung zugleich von innen und mit ironischer Distanz wahr. Seine Texte bewegten sich häufig zwischen autobiografischem Material, Fiktion und Polemik.
Schreiben als öffentliche Selbstbeobachtung
In späteren Büchern reagierte Lottmann auf politische und gesellschaftliche Themen wie Finanzkrise, Migration, Generationenkonflikte und Pandemie. Dabei blieb sein Verhältnis zum Literaturbetrieb ambivalent: Er suchte Öffentlichkeit, griff sie aber zugleich an und machte Konflikte zu einem Teil seiner literarischen Methode.
Mit seinem «Langweiligen Tagebuch» verschob sich dieser Blick zuletzt auf die eigene Krankheit und das Sterben. Die Einträge machten aus der medizinischen Ausnahmesituation eine fortlaufende öffentliche Selbstbeobachtung. Für Leserinnen und Leser bleibt damit neben dem literarischen Werk auch ein ungewöhnlich unmittelbares Dokument über Krankheit, Angst und den Versuch, bis zuletzt schreibend Kontrolle zu behalten.
