Daniel Kehlmann erzählt Kongo-Konferenz als schwarze Komödie
Veröffentlicht am: 05.11.2026 um 06:34 Uhr | dpa, AD HOC NEWSLeopolds Kongo-Herrschaft und Kehlmanns Vorlage
- Die Kongo-Konferenz tagte im Winter 1884/85 in Berlin unter Leitung von Otto von Bismarck.
- Der belgische König Leopold II. wurde als Souverän des Kongo-Freistaats anerkannt.
- Völkerrechtliche Bezüge sieht Kehlmann unter anderem bei Trump, Putin und Friedrich Merz.
Kehlmann macht die Kongo-Konferenz zur schwarzen Komödie
Daniel Kehlmann erzählt die Berliner Kongo-Konferenz in seinem neuen Roman „Afrika“ als Farce und bezeichnet das Buch als seinen bisher lustigsten Roman. Die Konferenz fand im Winter 1884/85 unter Leitung von Reichskanzler Otto von Bismarck statt, während europäische Mächte ihre Einflusssphären in Afrika absteckten.
Leopold II. erhielt die Herrschaft über den Kongo
Als folgenreichstes Ergebnis gilt die Anerkennung des belgischen Königs Leopold II. als Souverän des neu geschaffenen Kongo-Freistaats. Von etwa 1890 an ließ er die Kautschukvorkommen ausbeuten; seine Privatarmee setzte dabei brutalste Mittel ein.
Wie viele Menschen getötet wurden, ist umstritten. Die Kongo-Gräuel gelten jedoch als eines der größten Verbrechen der Kolonialgeschichte.
Ein Diplomat im Mittelpunkt der Handlung
Kehlmann stellt nicht eine Streitschrift, sondern das individuelle Schicksal eines Menschen ins Zentrum. Hauptfigur ist der österreichische Legationsrat Gustav von Strinetzky, ein korrupter, aber freundlicher Diplomat, der am Tag vor einem Duell zur Konferenz geschickt wird.
Die satirische Darstellung bezieht auch Bismarck ein. Kehlmann sieht in vielen Epochen unfreiwillig komische Persönlichkeiten und erkennt darin eine Verbindung zur Gegenwart.
Schlöndorffs Dokumente lieferten den Anstoß
Die Idee für den Roman entstand durch den Regisseur Völker Schlöndorff. Er hatte über Jahre Dokumente zur Konferenz gesammelt, ursprünglich für ein Filmprojekt, und überließ sie Kehlmann.
Die Konferenz ist in Belgien und Großbritannien sowie im englischsprachigen Raum als „Berlin Conference“ stärker im öffentlichen Bewusstsein verankert als in Deutschland. Kehlmann führt dies auch auf die lange Konzentration der deutschen Erinnerungspolitik auf die NS-Zeit zurück.
Kolonialverbrechen und Gegenwartsbezüge
Zwischen 1904 und 1908 verübte das Deutsche Kaiserreich in Namibia einen Völkermord an Herero und Nama. Kehlmann sieht außerdem Parallelen zwischen der Konferenz und heutigen Ansprüchen auf Territorien sowie der Missachtung des Völkerrechts.
Er verweist dabei auf Donald Trump, Wladimir Putin und Friedrich Merz. Im Zusammenhang mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu geht es um den Haftbefehl des Internationalen Strafgerichtshofs wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gaza-Krieg; Netanjahu bestreitet die Vorwürfe.
Die Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 gilt als zentraler Moment der europäischen Kolonialgeschichte. Unter Bismarcks Leitung regelten die beteiligten Mächte ihre Ansprüche in Afrika, ohne die betroffenen afrikanischen Gesellschaften gleichberechtigt einzubeziehen.
Besonders folgenreich war die Anerkennung Leopolds II. als Herrscher des Kongo-Freistaats. Die wirtschaftliche Ausbeutung von Kautschuk ging dort mit extremer Gewalt einher; die genaue Zahl der Opfer ist bis heute umstritten. Der Vorgang steht damit für ein koloniales System, in dem europäische Staaten über Territorien und Ressourcen entschieden und die Folgen auf die lokale Bevölkerung abwälzten.
Kolonialgeschichte im deutschen Gedächtnis
Kehlmanns Hinweis auf die geringe Präsenz dieses Kapitels im deutschen Schulunterricht verweist auf eine anhaltende Lücke der Erinnerungskultur. Auch der deutsche Völkermord an Herero und Nama in Namibia zwischen 1904 und 1908 wurde lange deutlich weniger öffentlich behandelt als die Verbrechen des Nationalsozialismus.
Die Aktualität des Romans entsteht aus dem Gegensatz zwischen historischer Konferenz und heutigen Konflikten: Machtansprüche über fremde Gebiete, die Missachtung internationaler Regeln und die Frage nach der Durchsetzung des Völkerrechts verbinden unterschiedliche Epochen. Die literarische Komödie kann dabei Distanz schaffen, ohne die Gewaltgeschichte aus dem Blick zu verlieren. Für Leserinnen und Leser liegt der Bezug vor allem in der Frage, wie koloniale Entscheidungen bis heute politische Debatten, internationale Beziehungen und das Verständnis europäischer Verantwortung prägen.
SWR: „Daniel Kehlmann über seinen neuen Roman: ‚Man kann ernste Dinge sehr gut komisch erzählen‘“ (04.11.2026)
Der Beitrag stellt Kehlmanns Gespräch über den Roman „Afrika“, historische Ignoranz und die Rolle der Komik in den Mittelpunkt. Damit bestätigt er den literarischen Ansatz der dpa-Meldung, setzt aber stärker auf die Frage, wie sich über ein dunkles Kapitel der Kolonialgeschichte erzählen und sogar lachen lässt.
