Vietnam Airlines: Boeing betätigt beim Start in München die Bremsen
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 09:44 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Beim Start einer mit fast 290 Menschen besetzten Boeing 787-9 von Vietnam Airlines wurden am 15. August am Münchner Flughafen die Bremsen betätigt, woraufhin die Maschine über die Startbahn hinausschoss und gerade noch abhob.
Ursache der Bremsbetätigung noch offen
Das geht aus einem Zwischenbericht der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) in Braunschweig hervor. Warum der Flugkapitän während des Startvorgangs auf die Bremse trat, ist demnach noch unklar.
Die BFU bezeichnet den Zwischenbericht als reine Sachverhaltsdarstellung. Eine Bewertung und Analyse der Unfallursache soll erst im Abschlussbericht erfolgen, der voraussichtlich etwa ein Jahr nach dem Unfall vorliegen wird.
Startlauf endet im Gras
Die Maschine hatte laut Bericht um 13.55 Uhr die Startfreigabe erhalten. Kurz danach wurde der Startlauf aktiviert, Sekunden später wurden die Bremspedale getreten und dauerhaft gehalten. Kurz vor dem Abheben erhöhte der Copilot manuell den Triebwerksschub.
Das Flugzeug geriet über das Ende der Startbahn hinaus auf das Gras. Heck und Fahrwerk stießen mit 20 Lampen der Startbahnbefeuerung zusammen, außerdem wurde der Rumpf beschädigt. Nach der Landung stellten die Fachleute Schäden an vier Reifen fest.
Rückkehr nach Treibstoffablass
Die Piloten entschieden, den Flug nach Vietnam abzubrechen und zum Münchner Flughafen zurückzukehren. In Absprache mit der Flugsicherung ließen sie zunächst Kerosin ab und überflogen den Flughafen zweimal mit ausgefahrenem Hauptfahrwerk, damit das Bodenpersonal eine Sichtprüfung vornehmen konnte.
Anschließend landete die Boeing. Am Hauptfahrwerk entwickelte sich Rauch, ein Brand wurde laut BFU jedoch nicht festgestellt. Bei dem Vorfall wurde niemand verletzt.
Zwischenfall mit hoher Sicherheitsmarge
Der Vorfall zeigt, wie schnell sich beim Start eines Großraumflugzeugs mehrere Risiken überlagern können. Die Boeing 787-9 war mit fast 290 Menschen besetzt, geriet über das Ende der Startbahn hinaus und hob dennoch ab. Dass niemand verletzt wurde, hängt auch damit zusammen, dass das Flugzeug anschließend kontrolliert zurückkehren konnte.
Für die Sicherheitsbewertung ist entscheidend, weshalb während des Startlaufs Bremsdruck aufgebaut wurde. Der Zwischenbericht beschreibt zunächst den Ablauf, bewertet aber noch nicht die Ursache. Möglich sind daher sowohl eine unbeabsichtigte Betätigung als auch ein technisches Problem; die Untersuchung der gesicherten Bauteile soll zur Klärung beitragen. Eine abschließende Bewertung steht erst mit dem späteren Untersuchungsbericht an.
Konkrete Folgen für den Flugbetrieb
Der Fall macht zudem die Bedeutung von Cockpitdaten und technischen Aufzeichnungen deutlich. Weil die Piloten nach dem Start zunächst Treibstoff ablassen mussten und der Flug länger dauerte, standen für die Untersuchung keine Stimmaufzeichnungen des Startvorgangs mehr zur Verfügung. Das kann die Rekonstruktion erschweren, ersetzt aber nicht die Auswertung von Flugdatenschreibern, Wartungsunterlagen und beschädigten Komponenten.
Für Passagiere bedeutet der Zwischenfall vor allem, dass ein schwerer technischer oder operationeller Fehler nicht automatisch zu einem Unfall führen muss: Besatzung, Flugsicherung und Notfallverfahren ermöglichten die Rückkehr. Zugleich verdeutlichen die Schäden an Rumpf, Fahrwerk, Reifen und Startbahnbefeuerung, wie knapp der Ablauf war.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
BR24: „Untersuchung zu Dreamliner-Fehlstart: Bremsen bei Start betätigt“ (29.09.2026)
Der Bericht bestätige, dass die Bremsen während des Startlaufs zweimal betätigt worden seien, und hebe hervor, dass die Ursache weiterhin offen sei. Er setze einen zusätzlichen Schwerpunkt auf die gesicherten Teile der Bremsanlage sowie darauf, dass die Stimmaufzeichnungen des Startvorgangs überschrieben worden seien. Damit ergänze er die dpa-Darstellung um technische Ermittlungsdetails, ohne den Ablauf abweichend zu bewerten.
DER SPIEGEL: „Flughafen München: Flugkapitän gab erst Schub – und trat dann gleichzeitig auf die Bremse“ (29.09.2026)
Der Artikel stelle den Zwischenbericht als Hinweis auf ein widersprüchliches Verhalten im Cockpit dar und rücke die gleichzeitige Schubgabe und Bremsbetätigung in den Mittelpunkt. Er bestätige damit den zentralen Ablauf, formuliere die Einordnung aber zugespitzter als die reine Sachverhaltsdarstellung der BFU. Offen bleibe auch nach dieser Darstellung, ob eine menschliche Handlung oder ein technischer Defekt die Bremsbetätigung ausgelöst habe.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass der Zwischenbericht den Ablauf beschreibe, aber noch keine abschließende Ursachenbewertung liefere. Unterschiede lägen vor allem in der Gewichtung: BR24 betone Ermittlungsdetails und fehlende Sprachaufzeichnungen, während der SPIEGEL den Widerspruch zwischen Schubgabe und Bremsen hervorhebe.
