Wolf Biermann nennt Netanjahu und Israels Regierung „die schlimmsten Antisemiten“
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSWolf Biermann wirft der israelischen Regierung um Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vor, im Gazastreifen Kriegsverbrechen zu begehen und Israel in einen „reaktionären, brutalen Unterdrückerstaat“ zu verwandeln.
Scharfe Kritik an Netanjahu
„Was sie jetzt in Israel im Gazastreifen machen, ist natürlich kein Genozid, aber es ist ein Kriegsverbrechen. Ohne Wenn und Aber! Das tut vielen Menschen auf der Welt weh. Aber mir doppelt und dreifach“, sagte Biermann der Deutschen Presse-Agentur in einem Interview.
Der Liedermacher hat jüdische Wurzeln. Seine Familie wurde im Holocaust ermordet. Mit Blick auf Netanjahu und dessen Regierung sagte Biermann, die „schlimmsten und gefährlichsten Antisemiten“ lebten „im Moment in Israel“.
Biermann beklagt Verlust demokratischer Hoffnung
Die Regierung sei dabei, Israel „in einen reaktionären, brutalen Unterdrückerstaat zu verwandeln“, sagte Biermann. Seine Hoffnung auf ein demokratisches, menschliches Israel sei dahin. Mit Bezug auf Johann Wolfgang von Goethe sprach er von „Lemuren“ in Israel; in Goethes „Faust II“ sind damit Totengeister gemeint, die dem Teufel dienen.
Tagebücher zur Frankfurter Buchmesse
Biermann stellt am 7. Oktober bei der Frankfurter Buchmesse unter dem Titel „Ihr löscht das Feuer mit Benzin“ Auszüge aus seinen Tagebuchaufzeichnungen vor. Im Mittelpunkt stehen seine Zeit in der DDR und die Jahre nach seiner Ausbürgerung bis zum Fall der Mauer 1989.
Am 15. November wird Biermann 90 Jahre alt. Am 16. November jährt sich seine Ausbürgerung aus der DDR zum 50. Mal.
Neue Bücher, Alben und Dokumentarfilm
Aus diesem Anlass erscheinen neben den Tagebüchern ein Lyrikband und ein neu aufgelegtes Kinderbuch. Außerdem veröffentlicht Biermann zwei neue Musikalben und geht auf Tournee.
Am 29. Oktober soll der biografische Dokumentarfilm „Biermann“ von Regisseur Jens Meurer Premiere feiern.
Debatte über Israels Kriegführung
Biermanns Äußerungen fallen in eine Phase, in der die israelische Regierung ihre militärische Strategie weiterhin mit dem Sicherheitsinteresse des Landes und dem Kampf gegen Hamas begründet. Zugleich prägen die Folgen des Krieges im Gazastreifen die internationale Bewertung Israels. Die humanitäre Lage, die Zerstörung großer Teile der Infrastruktur und die ausbleibenden Fortschritte beim Wiederaufbau stehen dabei neben der Frage, wie eine politische Ordnung für Gaza aussehen kann.
Für Israel geht es nicht nur um die unmittelbare Kriegsführung. Die anhaltende Gewalt belastet auch die Beziehungen zu Verbündeten und die internationale Unterstützung. Sicherheitspolitische Erfolge gegen bewaffnete Gruppen führen deshalb nicht automatisch zu dauerhafter Stabilität. Entscheidend bleibt, ob militärischer Druck in eine tragfähige politische Lösung mit verlässlichen Sicherheitsgarantien und einer Perspektive für die palästinensische Bevölkerung mündet.
Politischer und gesellschaftlicher Sprengstoff
Die Schärfe von Biermanns Kritik ergibt sich auch aus seiner persönlichen Familiengeschichte und seiner Verbindung zur jüdischen Geschichte. Seine Wortwahl dürfte die ohnehin kontroverse Debatte über Antisemitismus, legitime Kritik an israelischer Regierungspolitik und die Grenzen politischer Polemik weiter verschärfen. Für die öffentliche Diskussion bedeutet das: Die Bewertung konkreter Regierungshandlungen und die pauschale Zuschreibung gegenüber einem Staat oder einer Bevölkerungsgruppe müssen voneinander getrennt werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Der Beitrag stelle die von Benjamin Netanjahu betonte militärische Stärkung Israels der Frage gegenüber, ob dadurch tatsächlich mehr strategische Sicherheit entstanden sei. Er hebe hervor, Hamas und Hisbollah seien geschwächt, aber nicht besiegt, und die Unterstützung für Israel im Westen sei deutlich zurückgegangen; damit bestätige er den politischen Hintergrund von Biermanns Kritik, setze den Schwerpunkt jedoch auf Israels langfristige Sicherheits- und Bündnispolitik.
Deutschlandfunk: „Trumps Friedensrat für Gaza: Viel versprochen, wenig passiert“ (03.10.2026)
Der Bericht beschreibe die humanitäre Lage im Gazastreifen und die Blockaden beim Wiederaufbau. Er führe aus, der Streit über die Entwaffnung der Hamas und den Rückzug der israelischen Armee verhindere Fortschritte; damit bestätige er die anhaltende Belastung der Zivilbevölkerung, richte den Blick aber stärker auf die politischen Voraussetzungen eines Nachkriegsarrangements.
Medienübergreifend werde die fortdauernde Unsicherheit über eine politische Lösung und die internationale Wirkung der israelischen Strategie hervorgehoben. Unterschiede bestünden vor allem beim Schwerpunkt: Während der Tagesspiegel die strategische Sicherheitsbilanz und den Rückhalt Israels betone, konzentriere sich der Deutschlandfunk auf die humanitäre Lage und den stockenden Wiederaufbau.
