May el-Toukhy gewinnt Goldenen Löwen von Venedig für «Woman Unknown»
Veröffentlicht am: 12.09.2026 um 22:57 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie dänische Regisseurin May el-Toukhy ist für ihren Film «Woman Unknown» mit dem Goldenen Löwen der 83. Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet worden.
Hauptpreis und Schauspielerinnen-Ehrung für «Woman Unknown»
Die Jury des Festivals gab die Entscheidung am Samstag bekannt. Neben dem Hauptpreis des Wettbewerbs wurde auch die Hauptdarstellerin des Historiendramas, Mathilde Arcel, geehrt: Sie erhielt den Preis als beste Schauspielerin. «Woman Unknown» erzählt die Geschichte der jungen Dänin Marie, die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg vor der Hochzeit mit ihrem wohlhabenden Arbeitgeber steht. Ihr sozialer Aufstieg wird durch ein Geheimnis gefährdet, denn während der Besatzungszeit hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten und kämpft nun in der von Rache geprägten Nachkriegszeit darum, ihre mühsam aufgebaute Existenz zu schützen.
Großer Preis der Jury für südkoreanisches Drama
Die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, der Große Preis der Jury, ging an das Drama «Possible Love» des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-dong. Der Film setzt sich mit Klassenunterschieden auseinander und erzählt von den Spannungen, die soziale Ungleichheit im Alltag erzeugt. Damit gehört auch das koreanische Kino zu den großen Gewinnern des Abends.
Spezialpreis für Gaza-Doku «NAZA»
Der Dokumentarfilm «NAZA» von Yuval Abraham und Rachel Szor über israelische Luftangriffe im Gazastreifen erhielt den Spezialpreis der Jury. Die beiden israelischen Filmemacher nutzten die Bühne in Venedig für deutliche Kritik und wandten sich gegen die Politik der israelischen, der italienischen und der deutschen Regierung. «NAZA» basiert auf Berichten über militärische Operationen und beleuchtet die Folgen der Angriffe für die Zivilbevölkerung im Gazastreifen.
Debatte um Frauen im Wettbewerb
Mit dem Erfolg von May el-Toukhy gewinnt zum achten Mal in der Geschichte des Festivals eine Frau den Goldenen Löwen. Die 49-Jährige ist damit Teil einer nach wie vor kleinen Gruppe von Regisseurinnen, die den wichtigsten Preis in Venedig erhielten. Im diesjährigen Wettbewerb stammten von 21 Filmen nur zwei von Frauen, was Jury-Präsidentin Maggie Gyllenhaal bereits zuvor als strukturelles Problem bezeichnet hatte. Sie erklärte, sie sei es leid, ständig über dieses Ungleichgewicht zu sprechen, werde das Thema aber weiterhin benennen. Zugleich betonte sie, dass sie nun vor allem einen brillant inszenierten Film würdigen wolle, der auf sie wie ein Laserstrahl gewirkt habe.
Weitere Preise für Schauspieler und Regie
May el-Toukhy dankte der Jury-Präsidentin und widmete den Preis ihrer jugendlichen Tochter. In ihrer Rede rief sie dazu auf, Mitgefühl, Gemeinschaft und Mut zu zeigen und sich gegen Entmenschlichung zu erheben. Der US-Schauspieler John Malkovich wurde als bester Schauspieler für seine Rolle in «Wild Horse Nine» ausgezeichnet. Er bedankte sich per Videobotschaft und erklärte, er könne wegen Dreharbeiten nicht persönlich nach Venedig kommen.
Regiepreis für Ilja Chrschanowski und Drehbuch-Ehrung
Der aus Russland stammende Regisseur Ilja Chrschanowski, der heute in Berlin und London lebt, erhielt für seinen Film «Dau» den Preis für die beste Regie. «Dau» handelt von einem Physiker, der in die Fänge des totalitären Sowjetsystems gerät und entgegen seinem Willen am Bau der Atombombe mitarbeiten muss. Der Film wurde zwischen 2008 und 2011 in Charkiw in der Ukraine gedreht, in der Hauptrolle ist der griechisch-russische Schauspieler Teodor Currentzis zu sehen, der sich bislang nicht öffentlich von Russlands Krieg gegen die Ukraine distanziert hat. Das ukrainische Außenministerium hatte den Film jüngst in einer Stellungnahme kritisch bewertet.
Widmung an die Menschen in der Ukraine
Chrschanowski widmete den Regiepreis auf der Bühne der Bevölkerung von Charkiw und der Ukraine. Er sagte, er wolle den Preis den Menschen widmen, die in einem schrecklichen Krieg für Freiheit, Frieden und den Sieg kämpfen, und betonte, dass er an sie glaube. Für das beste Drehbuch wurden Regisseur und Autor Stéphane Brizé sowie Coralie Amédéo und Olivier Gorce für ihren Film «Un bon petit soldat» ausgezeichnet. Die Filmfestspiele von Venedig, die am 2. September begonnen hatten, zählen neben den Festspielen von Cannes zu den weltweit bedeutendsten Festivals für den Autoren- und Arthousefilm.
Bedeutung des Goldenen Löwen für Regisseurin und Festival
Die Auszeichnung von May el-Toukhy mit dem Goldenen Löwen stärkt die internationale Sichtbarkeit des dänischen Kinos und setzt zugleich ein Signal für weibliche Regiearbeit in einem nach wie vor stark männlich geprägten Wettbewerb. Dass «Woman Unknown» nicht nur den Hauptpreis erhält, sondern mit Mathilde Arcel auch die Darstellerinnen-Kategorie dominiert, unterstreicht die künstlerische Geschlossenheit des Films. Für das Festival ist die Entscheidung von Bedeutung, weil sie an eine Diskussion über Geschlechtergerechtigkeit im Programm anknüpft, die in Venedig seit Jahren geführt wird.
Politische Akzente durch «NAZA» und «Dau»
Mit der Prämierung des Dokumentarfilms «NAZA» rückt das Festival die Folgen des Gaza-Kriegs und die Rolle israelischer Sicherheitsorgane in den Mittelpunkt der internationalen Öffentlichkeit. Die Kritik der Regisseure an gleich mehreren Regierungen verleiht der Preisvergabe eine klare politische Note und dürfte in den kommenden Tagen Debatten über den Umgang mit militärischer Gewalt und Geheimdienstoperationen befeuern. Zugleich setzt der Regiepreis für «Dau» einen Akzent auf historische Formen von Totalitarismus und Zwang, der sich vor dem Hintergrund des russischen Kriegs gegen die Ukraine besonders scharf konturiert.
Venedig als Bühne für globale Konflikte und Filmbranche
Die Entscheidungen der Jury fügen sich in eine Entwicklung, bei der große Festivals vermehrt als Bühne für politische Botschaften genutzt werden. Für das Publikum und die Filmbranche bedeutet dies, dass Auszeichnungen zunehmend nicht nur nach ästhetischen Kriterien vergeben werden, sondern auch als Kommentare zu aktuellen Konflikten gelesen werden. Gleichzeitig bleibt Venedig ein Schaufenster für internationale Produktionen, in dem Werke aus Europa, Asien und Amerika in einem Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anerkennung stehen. Die diesjährige Preisvergabe zeigt, wie stark Kino als Medium genutzt wird, um historische Traumata und gegenwärtige Kriege erzählerisch zu verhandeln und zugleich persönliche Geschichten mit großen politischen Fragen zu verbinden.
