Berlin, Deutschland

Berlin ohne Rolltreppe – Was läuft noch in der Hauptstadt?

13.03.2026 - 06:00:04 | dpa.de

Fast 150 Stufen hoch zur S-Bahn: Wegen defekter Rolltreppen wird Berlins Hauptbahnhof zur Fitness-Challenge. Behörden spielen Ping-Pong, Banden bekriegen sich. Was ist los im Sehnsuchtsort Berlin?

  • Seit Wochen kaputt: Rolltreppen im Hauptbbahnhof. - Foto: Britta Pedersen/dpa
    Seit Wochen kaputt: Rolltreppen im Hauptbbahnhof. - Foto: Britta Pedersen/dpa
  • Schwere Lasten werden getragen - ohne Rolltreppe.  - Foto: Britta Pedersen/dpa
    Schwere Lasten werden getragen - ohne Rolltreppe. - Foto: Britta Pedersen/dpa
  • Schwere Lasten werden getragen, ohne Rolltreppe. - Foto: Britta Pedersen/dpa
    Schwere Lasten werden getragen, ohne Rolltreppe. - Foto: Britta Pedersen/dpa
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Die weltberühmte spanische Treppe in Rom hat 136 Stufen – Berlin hat aber mehr zu bieten. Wer als Tourist im Hauptbahnhof einrollt, muss sich zurzeit 147 schwere Schritte nach oben schleppen, um von den Fernzügen im zweiten Untergeschoss hoch zur S-Bahn zu kommen. Der Grund: Seit fast vier Wochen sind etwa zwei Drittel der 52 Rolltreppen stillgelegt – wegen technischer Probleme und aus Sicherheitsgründen. Das übliche Chaos bei der Deutschen Bahn trifft auf die Wurschtigkeit im «Failed State Berlin» – ungefähr so lästern darüber belustigte Auswärtige und genervte Einheimische. 

Der Treppenwitz könnte sich wie Kaugummi ziehen, denn auf wichtige Ersatzteile für die gestörten Getriebe wurde zuletzt noch gewartet. Am Freitag verkündete die Bahn immerhin, dass erste Rolltreppen repariert und wieder in Betrieb seien. Bis Ende kommender Woche sollen alle Etagen im Hauptbahnhof wieder über funktionierende Rolltreppen miteinander verbunden sein. 

Doch auf einen fixen Termin, wann sämtliche Anlagen wieder funktionieren, lässt sich die Bahn nach wie vor nicht festlegen. Wie ist die Stimmung, in einem der nach Fahrgastzahlen größten Bahnhöfe Europas? Einer der nun extra engagierten Kofferträger fasst es mit der berühmten Berliner Schnauze zusammen: «Manche nehmen's locker, manche nicht so.»

Nach dem Eispanzer haufenweise Streusplitt

Das Problem reiht sich nahtlos ein in andere Aufreger der vergangenen Monate. Sie alle bedienen das Klischee vom Dilettantismus der Berliner Verwaltung und der berüchtigten Rücksichtslosigkeit ihrer Bürger. 

So schlitterten die Menschen zu Jahresbeginn wochenlang über dick vereiste Gehwege, weil Anwohner und Hauseigentümer nicht wie vorgeschrieben zur Schneeschippe griffen. Die vielen Knochenbrüche sind inzwischen verheilt und die harten Wintertage vorüber – doch schlägt jetzt die nächste Empörungswelle hoch. Auf vielen Gehwegen liegt buchstäblich haufenweise Streusplitt, und das in mancher Straße wohl noch lange. Denn die Straßenreinigung erwartet, dass das Zusammenfegen voraussichtlich bis Mitte April dauert – also bis zur Flieder- und Obstbaumblüte. Ihre leicht verzweifelt wirkende Bitte, die Berliner könnten zur Beschleunigung doch selbst zum Besen greifen, irritierte viele.

Das hat auch mit dem offenkundigen Desinteresse vieler Einwohner am Erscheinungsbild der Stadt zu tun. Auch wenn Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) betont, noch immer gelte Berlin international als «Sehnsuchtsort»: Im Vergleich zu anderen Metropolen fällt die Vermüllung Berlins unangenehm auf, auch vielen der rund zwölf Millionen Gäste, die pro Jahr kommen. Seit November gelten nun deutlich erhöhte Bußgelder für illegales Müllablagern – die Zahl der Anzeigen dazu blieb aber unverändert hoch. 

Behörden spielen Ping-Pong, Wegner spielt Tennis

Dabei ist es doch anders versprochen worden: Der Regierende Bürgermeister, Kai Wegner von der CDU, hat sich vorgenommen, die Metropole, in der die Behörden auf Bezirks- und Landesebene oftmals Ping-Pong spielen, zu einer «funktionierenden Stadt» zu machen: Kein wochenlanges Warten auf Termine beim Bürgeramt mehr, modernisierte Schulen, Sicherheit auch nach Einbruch der Dunkelheit. Angeschoben hat er dafür unter anderem eine tiefgreifende Verwaltungsreform, um endlich klar zu bestimmen, welche Aufgaben überhaupt anliegen und wer wofür zuständig ist. 

Doch bekam sein Image als «Berlins Regierender Hausmeister» («Süddeutsche Zeitung») tiefe Kratzer, und der Grund heißt «Tennis-Gate». Kaum war der alljährliche Böllerwahnsinn zu Silvester abgeklungen, gab es am 3. Januar den größten Stromausfall in der Berliner Nachkriegsgeschichte mit rund 100.000 Betroffenen – Wegner spielte aber an dem Tag zwischendurch ein Tennismatch mit seiner Lebensgefährtin, Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch, um den «Kopf freizukriegen». Aus Sicht vieler Beobachter könnte die Stunde auf dem Court zum Matchball für die Opposition werden, mit Blick auf die Wahl eines neuen Landesparlaments am 20. September.

Zwölf Jahre Bauzeit für drei Kilometer Autobahn 

Bundesweit beachtet wurde auch Ende August die Eröffnung eines sündhaft teuren, gut drei Kilometer langen Abschnitts der Stadtautobahn A100 – nach zwölf Jahren Bauzeit und Hunderten Millionen Euro Kosten. Doch wurde die erhoffte zügige Fahrt durch den Osten der Stadt jäh ausgebremst: Rund um die Anschlussstelle brach in Treptow immer wieder das Verkehrschaos aus. Grund dafür: Zum einen mehr Autoverkehr, zum anderen die – lange bekannte – Sperrung der dort verlaufenden Brücke über die Spree. Erst jetzt, ein halbes Jahr später, soll an diesem Montag die Brücke in beiden Richtungen zweispurig befahrbar sein. Die Kritiker von «A100 wegbassen!» warnen vor Vorfreude: Der tägliche Stau werde sich weiter nach Friedrichshain ausweiten, vermuten sie.

Laut und wild war Berlin schon immer – aber im internationalen Vergleich nicht übermäßig gefährlich. Doch auch da scheint etwas zu bröckeln: Es gibt seit Monaten immer mehr Schießereien in der Stadt, denn die Hauptstadt ist Schauplatz eines Bandenkriegs, den die organisierte Kriminalität aus der Türkei nach Deutschland getragen hat. Vor allem bei Ladenbesitzern mit türkischem Hintergrund, die Schutzgeld zahlen sollen, herrscht Furcht. Extra wurde deswegen im November die Sondereinheit «Ferrum» des Landeskriminalamtes (LKA) gegründet. Weil das Problem aber längst nicht gelöst ist, setzt sie ihre Tätigkeit sechs weitere Monate fort. Immerhin: Bis dahin dürften die Rolltreppen wieder in Gang kommen.

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