Goldener Löwe für «Woman Unknown»: Venedig zeichnet politischen Festivaljahrgang aus
Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 04:37 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie dänische Regisseurin May el-Toukhy hat mit ihrem Film «Woman Unknown» den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig gewonnen und damit den Hauptpreis des Wettbewerbs erhalten.
Einziger Solo-Regiepreis für eine Frau
El-Toukhy war in diesem Jahr die einzige Solo-Regisseurin im Wettbewerb und steht nun mit der wichtigsten Auszeichnung des Festivals im Mittelpunkt. Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal nutzte die Preisverleihung, um erneut auf strukturelle Ungleichheit in der Filmbranche hinzuweisen, in der weiterhin deutlich mehr Filme von Männern entstehen. Sie betonte zugleich, dass sie mit der Ehrung vor allem einen brillant inszenierten Film würdigen wolle, der sie stark berührt habe.
Historische Geschichte mit moralischen Grauzonen
«Woman Unknown» erzählt die Geschichte einer jungen Dänin kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, die vor der Hochzeit mit ihrem wohlhabenden Arbeitgeber steht. Der bevorstehende gesellschaftliche Aufstieg wird durch ein Geheimnis bedroht: Während der deutschen Besatzung hatte sie eine Affäre mit einem deutschen Soldaten. Die Hauptrolle spielt Mathilde Arcel, die für ihre Darstellung zusätzlich mit dem Preis für die beste Schauspielerin ausgezeichnet wurde.
Vergeltung nach der Besatzung als Hintergrund
Nach dem Ende der Besatzung kam es in Dänemark zu gewaltsamen Racheaktionen gegen Frauen, die Beziehungen zu deutschen Soldaten pflegten. Vor diesem Hintergrund versucht die Protagonistin, ihre mühsam aufgebaute Existenz vor dem Bekanntwerden der Affäre zu schützen und trifft Entscheidungen, die moralisch schwer einzuordnen sind. Regisseurin May el-Toukhy will das Publikum dazu anregen, sich an der Figur zu reiben und das eigene mögliche Handeln zu hinterfragen.
Spezialpreis für Dokumentarfilm «NAZA»
Neben dem Hauptpreis wurden weitere politisch akzentuierte Filme ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm «NAZA» von Yuval Abraham und Rachel Szor erhielt den Spezialpreis der Jury. Das Werk über das militärische Vorgehen Israels im Gaza-Krieg hatte bereits bei seiner Premiere für Aufsehen gesorgt, als das Publikum rund 25 Minuten lang applaudierte.
Blick auf militärische Entscheidungen im Gaza-Krieg
Der Film zeigt nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedrehte Interviews mit 24 Mitgliedern des israelischen Geheimdienstes, deren Identität visuell und akustisch geschützt wird. Sie berichten in nüchternem, bürokratischem Ton davon, wie Ziele in Gaza ausgewählt werden, welche Zahl ziviler Opfer als akzeptabel gilt und welche technischen Systeme dabei eingesetzt werden. Die israelische Armee weist die Vorwürfe aus dem Film zurück und verweist darauf, dass die Hamas militärische Infrastruktur bewusst in zivile Gebiete verlagere.
Ausgangspunkt 7. Oktober 2023
Zu Beginn von «NAZA» steht der 7. Oktober 2023, an dem bei einem Angriff der islamistischen Hamas und anderer extremistischer Gruppen rund 1.200 Menschen in Israel getötet und über 250 als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Dieser Angriff gilt als Auslöser des Gaza-Krieges mit anschließenden israelischen Angriffen. Bei der Preisverleihung erhielten Szor und Abraham erneut Standing Ovations, nutzten die Bühne aber auch für Kritik an der israelischen, der italienischen und der deutschen Regierung.
Regiepreis für «Dau»
Das politische Profil des Festivaljahrgangs wurde auch durch den Regiepreis für den aus Russland stammenden Regisseur Ilja Chrschanowski geschärft. Er wurde für seinen Film «Dau» ausgezeichnet, lebt inzwischen in Berlin und London und widmete den Preis ausdrücklich der ukrainischen Stadt Charkiw und den Menschen, die dort in dem Krieg um Freiheit und Frieden kämpfen.
Film über das sowjetische System
«Dau» erzählt von einem Physiker, der in die Fänge des totalitären Sowjetsystems gerät und gegen seinen Willen am Bau der Atombombe beteiligt wird. Der Film wurde zwischen 2008 und 2011 in Charkiw in der Ukraine gedreht. In der Hauptrolle steht der griechisch-russische Schauspieler Teodor Currentzis, der sich öffentlich nicht von Russlands Krieg gegen die Ukraine distanziert hat. Das ukrainische Außenministerium hatte den Film jüngst in einer Stellungnahme kritisiert.
Großer Preis der Jury für «Possible Love»
Den Großen Preis der Jury, die zweitwichtigste Auszeichnung des Festivals, erhielt das Sozialdrama «Possible Love» des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-dong. Der Film erzählt von zwei Ehepaaren, die in sehr unterschiedlichen sozialen Milieus leben und deren Lebenswege durch eine Dokumentarfilmproduktion miteinander verbunden werden.
Macht des filmischen Blicks
Die wohlhabende Filmemacherin Ye-ji dokumentiert Arbeiterfamilien und begleitet den arbeitslosen Ho-seok und seine Frau Mi-ok, die unter den Folgen eines gescheiterten Streiks leiden. Zwischen Ye-ji, ihrem Ehemann Sang-woo und Mi-ok entsteht eine vorsichtige Nähe, die bald kippt, sodass die Grenzen zwischen Empathie, Beobachtung und Ausbeutung verschwimmen. Der fast dreistündige Film reflektiert die Macht des filmischen Blicks und verhandelt die Frage, wer beobachtet, wer die Perspektive bestimmt und wer entscheidet, welche Geschichten erzählt werden. Diese Fragestellungen verbinden die wichtigsten Gewinnerfilme des diesjährigen Festivals.
Ein Festivaljahrgang mit klaren politischen Akzenten
Die diesjährigen Auszeichnungen der Filmfestspiele von Venedig markieren einen besonders politisch geprägten Jahrgang. Der Goldene Löwe für «Woman Unknown» verbindet eine historische Erzählung über die Nachkriegszeit in Dänemark mit der Frage nach weiblicher Sichtbarkeit und komplexen moralischen Entscheidungen. Damit knüpft das Festival an eine länger währende Debatte über die Rolle des Kinos in gesellschaftlichen Konflikten an und stellt bewusst Filme in den Mittelpunkt, die nicht mit einfachen Antworten arbeiten.
Debatte über strukturelle Ungleichheit in der Filmbranche
Die Aussagen von Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal zur anhaltenden Ungleichheit zwischen männlichen und weiblichen Filmschaffenden unterstreichen die strukturelle Dimension der Geschlechterfrage im Film. Dass May el-Toukhy als einzige Solo-Regisseurin im Wettbewerb den Hauptpreis erhält, verweist zugleich auf den Nachholbedarf bei der Repräsentation von Frauen hinter der Kamera. Der doppelte Erfolg von «Woman Unknown» – Hauptpreis und Auszeichnung für Hauptdarstellerin Mathilde Arcel – dürfte die Diskussion über Förderstrukturen, Auswahlpraxis von Festivals und Sichtbarkeit weiblicher Perspektiven weiter befeuern, auch im deutschen und europäischen Kinomarkt.
Kino im Spannungsfeld globaler Konflikte
Mit dem Spezialpreis für die Gaza-Dokumentation «NAZA» und der Regie-Auszeichnung für «Dau» rücken die Festspiele zugleich zwei der aktuell brisantesten Konfliktlagen ins Zentrum: den Gaza-Krieg und den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die dokumentarische Aufarbeitung militärischer Entscheidungsprozesse sowie die fiktionale Darstellung eines totalitären Systems verweisen darauf, wie sehr Filmkunst heute als Medium der politischen Auseinandersetzung verstanden wird. Für Zuschauerinnen und Zuschauer in Deutschland gewinnt Venedig damit Bedeutung über den reinen Festivalrahmen hinaus: Die prämierten Werke dürften auch hierzulande Diskurse über Verantwortung von Armeen, Regierungen und Kunstschaffenden im Umgang mit Gewalt und Krieg vertiefen.
