AGF Forum 2026: AGF stellt umfangreiches System-Upgrade für die Bewegtbildmessung vor
Veröffentlicht am: 18.09.2026 um 13:42 Uhr | presseportal, AD HOC NEWS
Die AGF Videoforschung hat auf dem AGF Forum 2026 vor rund 300 Vertreter:innen aus Medien, Werbung und Forschung ein umfangreiches Upgrade ihres Forschungssystems angekündigt. Fünf miteinander verbundene Komponenten sollen ab 2028 die Grundlage für die Bewegtbildmessung bilden: die Integration von Rückkanaldaten, eine eigenständige Ausweisung von Connected TV einschließlich Co-Viewing, ein Virtual Panel, ein neues Digitaldatenmodell und Crossmedia Campaign Measurement.
Unter dem Motto "See Beyond the Screen" richtete das Forum am 17. September in Frankfurt den Blick auf die Entstehung, Vergleichbarkeit und Einordnung von Kennzahlen in einem zunehmend fragmentierten Bewegtbildmarkt. Zu den Schwerpunkten des AGF Forums gehörten außerdem eine Live-Demonstration zur Qualität digitaler Werbekontakte mit einer anschließenden Diskussionsrunde zu Mediaqualität und Ad Fraud sowie die Studie "Bewegtbild 2030". Durch das Programm und die Paneldiskussionen führte die Fachjournalistin und Moderatorin Juliane Paperlein.
In ihrer Begrüßung betonte Kerstin Niederauer-Kopf, Vorsitzende der Geschäftsführung der AGF Videoforschung, die Relevanz einerverlässlichen und vergleichbaren Messung. Gerade mit Blick auf KI müsse nachvollziehbar bleiben, wie Kennzahlen entstehen und was sie aussagen:
"Der Markt braucht nicht einfach mehr Zahlen, sondern ein gemeinsames Bezugssystem. Gerade wenn zusätzlich KI eingesetzt wird, gilt: Der Output skaliert - der Irrtum aber auch. Was wir in den Joint Industry Committees leisten, ist keine Zahlenspielerei auf einem schicken Dashboard. Wir müssen hinter den Screen schauen und wissen, wie Daten entstehen, was sie abbilden und ob Medien vergleichbar gemessen werden. Denn auf dieser Grundlage werden täglich Investitionsentscheidungen getroffen. Deshalb sind diese Daten Marktinfrastruktur und eine Grundlage für Investitionen, Medienvielfalt und demokratische Öffentlichkeit", sagte Niederauer-Kopf.
Prof. Dr. Katharina Zweig, Professorin für Informatik an der RPTU Kaiserslautern-Landau, schloss in ihrer anschließenden Keynote "Weiß die KI, dass sie nichts weiß?" an die Frage an, wie es gelingen kann, die Chancen von KI zu nutzen und sich gleichzeitig der Grenzen von KI-Systemen bewusst zu sein. Sie lenkte in ihrer Keynote den Blick auf Risiken, die längst real sind: fehleranfällige Systeme, ihr Einsatz an ungeeigneten Stellen und die Möglichkeit, schädliches Handeln mithilfe von KI zu skalieren. Medien trügen dabei besondere Verantwortung: Ihre Inhalte flössen in KI-Systeme ein, deren Ergebnisse wiederum beeinflussten, was Menschen sehen und für glaubwürdig halten.
Ad Fraud und Mediaqualität im Live-Test
Wie einfach sich KI-generierte Inhalte und scheinbar menschlicher Traffic skalieren lassen, demonstrierte dann auch Norman Wagner, Managing Director Pion3ers, eindrucksvoll auf der Bühne. Seit Ende Dezember 2025 hatte eine von ihm aufgebaute, vollständig automatisierte KI-Redaktion 2.414 Artikel sowie 69 E-Paper-Ausgaben und 18 Podcasts produziert - nach seiner Kalkulation zu Kosten von vier Cent pro Artikel. Beim AGF Forum erstellte das System live und unter Einbeziehung des Publikums innerhalb von rund siebeneinhalb Minuten 24 Beiträge für ein neues Katzenmagazin. Anschließend schickte Wagner automatisierte Browser auf die Seite. Die Bots scrollten, akzeptierten Consent-Abfragen und sammelten Cookies realer Marken-Webseiten, um für die Adtech-Systeme wie menschliche Nutzer zu erscheinen und Werbung zugespielt zu bekommen.
"Wenn Maschinen schreiben, Maschinen lesen und Maschinen messen - wer prüft dann das Ganze?", fragte Wagner. Werbegelder seien der entscheidende Hebel: Fließe kein Geld mehr auf solche Seiten, verliere auch das dahinterstehende Geschäftsmodell seine Grundlage.
Das Live-Experiment war Ausgangspunkt der von Juliane Paperlein moderierten Diskussion "Mediaqualität - Wie Ad Fraud, MFA und falsche Metriken die Wirksamkeit bedrohen" mit Oliver Kampmeier, Marketing Lead fraud0, Manfred Kluge, Chairman DACH Omnicom Media und Vorsitzender der Initiative 18, Patrick Swientek, Global Director Platforms & Services IBC Danone und OWM-Vorstand, sowie Uwe Storch, Head of Media Ferrero. Diskutiert wurden die Aussagekraft digitaler Messwerte, der Preis- und Kostendruck im Markt und die Frage, wie konsequent Werbungtreibende ungültige Kontakte aus ihren Kampagnen ausschließen.
Nach einer Auswertung von fraud0 stieg der Anteil ungültigen Traffics von 21,31 Prozent im vierten Quartal 2024 auf 46,18 Prozent im zweiten Quartal 2026. Das entspricht einem Zuwachs von 116 Prozent innerhalb von eineinhalb Jahren. "Auf welcher Datenbasis beruhen meine Entscheidungen und werden meine Audiences gebildet? Habe ich für menschliche Interaktion gezahlt oder am Ende für einen Bot?", fragte Kampmeier.
Kluge warnte davor, sinkende Preise mit höherer Effizienz gleichzusetzen: "Meine Prognose ist: Der ROI wird stetig fallen. Durch diese Fragmentierung, diese Komplexität und diesen Beschiss in der digitalen Welt wird jeder Werbe-Euro immer weiter entwertet. Wir sollten noch einmal überlegen: Wenn wir einen Euro auf den Tisch legen, wo ist er wirklich gut investiert, damit wir auch wirklich etwas zurückbekommen?"
Bewegtbild 2030
Wie stark sich der Bewegtbildmarkt verändert, zeigte auch die Studie "Bewegtbild 2030", aus der Anke Weber, Geschäftsführerin der AGF Videoforschung, ausgewählte Ergebnisse vorstellte. pilot verband dafür Sekundäranalysen und AGF-Daten mit qualitativen C-Level-Interviews aus dem Bewegtbildmarkt und einer Onlinebefragung von 6.027 Personen. Die Ergebnisse belegen, dass die Zeit, die Menschen mit Bewegtbild verbringen, nach wie vor hoch bleibt, sich die Verteilung jedoch deutlich von linearer zu non-linearer Nutzung verschiebt. Zugleich gewinnen globale Aggregatoren, neue Gatekeeper und KI an Einfluss auf Produktion, Auffindbarkeit und Nutzung.
Fünf Komponenten für das Forschungssystem ab 2028
Die Veränderungen im Bewegtbildmarkt erfordern eine Analyse- und Planungslogik, die verschiedenste Bewegtbildangebote vergleichbar macht und unterschiedliche Ausspielwege zusammenführt. Damit bildete die Studie den inhaltlichen Übergang zum System-Upgrade der AGF, das am Nachmittag von den AGF-Direktor:innen Martin Landgraf, Andrea Schombara und Dr. Nikolaus Schmitt-Walter erstmals in seiner Gesamtheit vorgestellt wurde. Fünf miteinander verbundene Entwicklungsfelder werden darin künftig zusammenspielen:
Das künftige virtuelle Panel besteht aus rund 800.000 synthetisch generierten Fällen und ist ein Abbild des repräsentativen AGF-Panels. Es soll künftig das Bewegtbilduniversum abbilden und lineares TV, Streaming und Static Display auf Personenebene dedupliziert zusammenführen.
Ergänzend arbeitet die AGF an einem neuen Digitaldatenmodell. Es soll digitale Nutzung nicht mehr nur über vorab definierte Aggregate abbilden, sondern auf Ebene einzelner Nutzungselemente. Gemessene Views können dabei differenziert übertragen werden, bis hin zu Einzelvideos. Daraus berechnet das Modell deduplizierte Nettoreichweiten auch für frei gewählte Kombinationen aus Angebot und Zeitraum.
Nach der vorgestellten Roadmap ist 2027 als Übergangs- und Testjahr vorgesehen. Die Komponenten und ihr Zusammenspiel sollen schrittweise erprobt und in einen Parallelbetrieb überführt werden. Zum Januar 2028 könnte der neue Datenbestand alleiniger Standard werden.
Amazon als globaler First Mover im AGF-Standard
Erstmals war Nils Gräf, Managing Director Amazon Ads Germany, beim AGF Forum auf der Bühne. Im Gespräch mit Kerstin Niederauer-Kopf zog er eine positive Bilanz der bisherigen Zusammenarbeit. Seit November 2025 wird das werbefinanzierte Video-on-Demand-Angebot von Prime Video aktiv im AGF-System gemessen, seit Juni 2026 umfasst die Ausweisung auch Live-Sportevents. Amazon habe sich für die unabhängige und transparente Messung entschieden, um Werbungtreibenden und Agenturen vergleichbare Daten in den von ihnen genutzten Planungstools zur Verfügung zu stellen.
Als erster globaler Streaminganbieter, der sich nach den Kriterien der AGF messen lässt, übernimmt Amazon eine First-Mover-Rolle auf dem Weg zu einem übergreifenden Marktstandard. Die Server-to-Server-Integration verwendet die gleiche Datenlogik und die gleichen Verarbeitungsregeln wie die Messung anderer digitaler Angebote. Für Niederauer-Kopf ist sie damit auch eine Blaupause für weitere Plattformintegrationen: Ein gemeinsamer Standard könne nur entstehen, wenn für alle Anbieter die gleichen Regeln gelten und ihre Angebote dadurch vergleichbar werden.
Den Abschluss des Forums bildete die von Juliane Paperlein moderierte Diskussion "Zukunft von Bewegtbild". Andrea Biebl (iProspect/Dentsu X/MWO), Dirk Bruns (YouTube), Kristina Bulle (Procter & Gamble/OWM), Frank Vogel (Ad Alliance) und Kerstin Niederauer-Kopf diskutierten die Verschiebung von Werbebudgets, die Anforderungen an eine unabhängige und vergleichbare Messung sowie die Einbindung globaler Plattformen in einen gemeinsamen Marktstandard. Bulle warb für unabhängige Messung und begrüßte, dass sich neben lokalen Anbietern auch Amazon der AGF-Messung stellt. In der kontroversen Diskussion über die Vergleichbarkeit proprietärer Plattformdaten sagte Bruns: "Es wird auch in Zukunft in der Realität viele Datenquellen geben, die alle ganz klar ihre Berechtigung haben, es bleibt aber unbenommen, dass in Deutschland natürlich für Bewegtbild die AGF der Standard ist."
Kerstin Niederauer-Kopf zog das Fazit: "Unabhängiges Audience Measurement muss transparent, nachvollziehbar und überprüfbar bleiben. Das ist ein Thema, bei dem man sich nicht ausruhen darf. Es ist unsere Verantwortung, dem Markt genau das zu liefern. Und die Verantwortung von Kunden und Agenturen, dies auch einzufordern."
Über die AGF Videoforschung GmbH (www.agf.de)
Die AGF Videoforschung GmbH ist ein Unternehmen für neutrale Bewegtbildforschung. Die AGF erfasst kontinuierlich und quantitativ die Nutzung von Bewegtbildinhalten in Deutschland und wertet die erhobenen Daten aus. Sie entwickelt ihr Instrumentarium mit einem mehrstelligen jährlichen Millionenbetrag kontinuierlich weiter, um dem Markt täglich verlässliche Daten über die Nutzung von Bewegtbildinhalten zu liefern. Dabei steht die AGF im engen Austausch mit allen Marktpartnern, darunter Lizenzsender, Werbungtreibende und Mediaagenturen.
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