Wolfgang Thierse warnt SPD vor Koalition mit der Linken
Veröffentlicht am: 24.09.2026 um 12:08 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSDer frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) warnt seine Partei davor, eine Koalition unter Führung der Linken in Berlin zu bilden. Die Kandidatin der Linken für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin, Elif Eralp, sei zwar „nicht unsympathisch“, das sei jedoch kein Grund, sie zu wählen, sagte Thierse dem „Tagesspiegel“.
Thierse kritisiert Umgang mit Antisemitismus
Thierse bezeichnete es als „verantwortungslos“, ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt eine Partei in Regierungsverantwortung zu bringen, die mit Antisemitismus in den eigenen Reihen nicht fertig werde. Als „geradezu abenteuerlich“ kritisierte er zudem Kontakte der Linken ins Clan-Milieu sowie ihre Forderungen, Polizei und Verfassungsschutz zu schwächen.
Streit über Vergesellschaftung von Wohnungen
Auch die Pläne zur Enteignung beziehungsweise Vergesellschaftung von Wohnraum lehnte Thierse ab. Er habe in der DDR erlebt, was Vergesellschaftung und Verstaatlichung von Wohnungen bedeuteten, und glaube nicht, dass verstaatlichter Wohnungsbau Wohnraumknappheit und steigende Mieten verhindern könne.
In der DDR seien Wohnungen und Häuser staatlich verwaltet worden, sagte Thierse. „Das Ergebnis konnte jeder 1989 sehen.“
Wolfgang Thierses Warnung fällt in eine Phase, in der die Berliner Linke nach ihrem Erfolg bei der Abgeordnetenhauswahl auf Gespräche mit SPD und Grünen zusteuert. Ein rot-grün-rotes Bündnis unter Führung der Linken verfügt rechnerisch über eine Mehrheit; zugleich bleibt auch ein Bündnis aus CDU, SPD und Grünen möglich. Damit ist die SPD in Berlin nicht nur mit einer politischen Richtungsentscheidung, sondern auch mit der Frage konfrontiert, welche Bedingungen sie für eine Regierungsbeteiligung formuliert.
Im Mittelpunkt der Debatte stehen der Umgang der Linken mit Antisemitismus und Kontakten ins kriminelle Milieu. Diese Themen betreffen für eine mögliche Koalition nicht allein die Außenwirkung, sondern auch Vertrauen, innere Sicherheit und den Schutz jüdischen Lebens. Für die SPD könnte entscheidend sein, ob politische Erklärungen der Linken durch konkrete organisatorische Konsequenzen und eine klare Abgrenzung im Landesverband ergänzt werden.
Streit über Wohnungs- und Sicherheitspolitik
Ein zweiter Konflikt betrifft die Berliner Wohnungspolitik. Die Linke verbindet die Regierungsoption mit Forderungen nach Vergesellschaftung von Wohnraum, während Thierse vor einer Ausweitung staatlicher Kontrolle warnt und auf seine Erfahrungen in der DDR verweist. Damit berührt die Koalitionsfrage ein zentrales Alltagsthema der Stadt: steigende Mieten, knapper Wohnraum und die Suche nach dauerhaft finanzierbaren Wohnungen.
Für die anstehenden Sondierungen zeichnen sich deshalb mehrere Verhandlungslinien ab: der Umgang mit antisemitischen Äußerungen, Sicherheits- und Innenpolitik sowie die Ausgestaltung der Wohnungspolitik. Die SPD muss dabei zwischen dem Wahlergebnis, eigenen programmatischen Grenzen und der Möglichkeit einer alternativen Regierungsbildung abwägen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Vor dem Start von Sondierungen: Jetzt warnen Ex-SPD-Größen vor der Linkspartei“ (24.09.2026)
Der Beitrag ordnet Thierses Warnung in einen breiteren Vorstoß früherer Berliner SPD-Funktionäre gegen Koalitionsgespräche mit der Linken ein. Anders als die dts-Meldung stellt er zusätzlich ein gemeinsames Papier und die bevorstehenden Sondierungen in den Mittelpunkt.
tagesschau.de: „Warnungen vor Koalition mit der Linken in Berlin“ (23.09.2026)
Der Bericht bestätigt, dass Antisemitismusvorwürfe und Vorfälle im Umfeld der Berliner Linken die Gespräche mit SPD und Grünen belasten. Er erweitert den Blick um Forderungen der SPD-Spitze, der Linken und der Grünen nach klarer Abgrenzung sowie um die mögliche Alternative eines Bündnisses von CDU, SPD und Grünen.
Übereinstimmend gilt der Umgang mit Antisemitismus als zentrale Hürde für eine rot-grün-rote Regierung. Unterschiede ergeben sich beim Schwerpunkt: Thierse betont zusätzlich die Wohnungspolitik und staatliche Vergesellschaftung, während die anderen Beiträge stärker auf Parteistrukturen, Sicherheitsfragen und mögliche Koalitionsvarianten konzentrieren.
