Wagenknecht nennt Austritt fast aller Thüringer BSW-Abgeordneten Befreiungsschlag
Veröffentlicht am: 04.09.2026 um 21:27 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSBSW-Gründerin Sahra Wagenknecht bezeichnet die Austritte von fast allen Thüringer BSW-Landtagsabgeordneten als „Befreiungsschlag". Die ausgetretenen Abgeordneten hätten nach ihrer Darstellung versucht, das Bündnis kurz vor dem Wahlwochenende und insbesondere vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu beschädigen.
Wagenknecht kritisiert Timing und Motive
Gegenüber dem Fernsehsender „Welt" sprach Wagenknecht von einem „bezeichnenden" Zeitpunkt der Austritte. Man wolle dem BSW „maximal schaden" bei der anstehenden Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sagte sie. Dass ausgerechnet der Thüringer Landesverband jetzt diesen Schritt gehe, solle dem Bündnis schaden, sei zugleich aber eine Chance.
Wagenknecht sieht darin die Möglichkeit eines Neuanfangs in Thüringen. Bislang sei dort seit zwei Jahren Politik gemacht worden, „wo BSW draufsteht, aber leider kaum BSW drin war", erklärte sie. Künftig solle dort, wo BSW draufsteht, „auch ganz klar BSW drin sein".
Vorwurf gekaperter Landesliste
Die BSW-Gründerin wirft den ausgetretenen Mitgliedern vor, ohnehin keine echte BSW-Politik vertreten zu haben. Seit der Wahl 2024 habe man die Erfahrung gemacht, dass die Landesliste zu großen Teilen von Personen „gekapert" worden sei, denen es vor allem um die eigene Karriere gegangen sei.
Diesen Personen habe es an Verpflichtung gegenüber den Wählerinnen und Wählern gemangelt, die eine bestimmte Politik gewählt hätten. Wagenknecht sieht in ihrem Verhalten einen Bruch mit den Erwartungen der BSW-Wählerschaft und eine Abkehr von den programmatischen Grundlinien des Bündnisses.
Folgen für Wählerbewegungen und AfD
Nach Einschätzung Wagenknechts habe das Verhalten der Thüringer Ex-BSW-Abgeordneten vor allem der AfD genutzt. Viele Menschen in Thüringen seien „doch so krass enttäuscht" worden, dass sie aktuell nicht mehr BSW, sondern insbesondere AfD wählen würden.
Sie verweist auf eine „ganz klare Wählerbewegung" und äußert die Hoffnung, dass das BSW viele dieser Wähler wieder zurückgewinnen kann. Das Bündnis wolle mit einer anderen Politik überzeugen und sich deutlich von den etablierten Parteien abgrenzen.
Abgrenzung von „Altparteien"
Wagenknecht betont, das BSW sei keine Partei, die die „Altparteien" an der Macht halte. Deren Politik erzeuge aus ihrer Sicht „immer mehr Wut im Land". Das Bündnis wolle sich als eigenständige Kraft positionieren, die auf einen Kurswechsel in der Sozial- und Wirtschaftspolitik drängt.
Vor diesem Hintergrund interpretiert Wagenknecht die Austritte in Thüringen nicht nur als Belastung im laufenden Wahlkampf, sondern zugleich als Chance für eine klare Profilierung des BSW – auch in Abgrenzung zu bisherigen Akteuren im eigenen Lager.
Die Austritte mehrerer Thüringer Landtagsabgeordneter des Bündnisses Sahra Wagenknecht fallen in eine Phase, in der die Partei bundesweit um Profil und Stabilität ringt. In Thüringen war das BSW erst vor kurzem als neue Kraft in die sogenannte Brombeerkoalition mit CDU und SPD eingetreten und trägt dort Regierungsverantwortung. Mit dem Schritt der Abgeordneten, Partei und Fraktion zu verlassen, wird diese Konstellation nochmals instabiler, obwohl die Koalition formal weiter besteht.
Konfliktlinien im BSW
In Erfurt hatten die Abgeordneten ihren Austritt ausdrücklich mit dem Kurs des Bundesvorstands begründet, den sie als zunehmend problematisch beschrieben. Parallel dazu macht Wagenknecht nun deutlich, dass sie ihrerseits weite Teile der bisherigen Thüringer Landesliste nicht als authentische Vertreter ihrer Linie betrachtet. Die gegenseitigen Vorwürfe – einerseits „Gängelei“ durch die Bundesspitze, andererseits eine „gekaperte“ Liste – spiegeln einen tiefen Vertrauensbruch wider, der über Thüringen hinaus die Frage aufwirft, wie geschlossen das BSW kurz vor weiteren Landtagswahlen überhaupt auftreten kann.
Wahlkampf in Sachsen-Anhalt und AfD-Dynamik
Besonders brisant ist der Zeitpunkt mit Blick auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, bei der die AfD in Umfragen klar vorn liegt und sich als zentrale Konkurrenzkraft zu etablierten Parteien und neuen Bündnissen wie dem BSW präsentiert. In diesem Umfeld versucht Wagenknecht, den Bruch in Thüringen als Chance für einen „Neuanfang“ zu rahmen, um verunsicherte Wähler zurückzugewinnen, die laut ihrer Darstellung zuletzt zur AfD gewechselt haben. Ob diese Strategie aufgeht, hängt wesentlich davon ab, ob es dem BSW gelingt, organisatorisch schnell nachzusteuern, klare Strukturen in den Ländern aufzubauen und zugleich glaubwürdig zu vermitteln, dass es eine eigenständige Alternative zu AfD und klassischen Parteien bleibt.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: „Drei Mitglieder verlassen Thüringer BSW-Fraktion und gründen neue Partei" (02.09.2026)
n-tv berichtet, dass drei BSW-Abgeordnete im Thüringer Landtag Partei und Fraktion verlassen und mit „Deine Stimme zählt“ eine neue Partei gründen. Der Beitrag betont, dass die Fraktion von 15 auf 12 Mitglieder schrumpft und aus der bisherigen Patt-Situation eine Minderheitsregierung wird. Im Vergleich zur dts-Meldung legt n-tv den Schwerpunkt stärker auf die parlamentarischen Folgen für die Koalition in Erfurt und weniger auf Wagenknechts Bewertung als „Befreiungsschlag“.
FOCUS online: „3 Abgeordnete verlassen BSW aus Protest gegen Wagenknecht" (02.09.2026)
FOCUS online hebt hervor, dass die drei Abgeordneten ihren Schritt vor allem mit dem Kurs des BSW-Bundesvorstands und expliziter Kritik an Wagenknecht begründen. Der Artikel schildert, dass sie ihre Mandate behalten und dennoch die Landesregierung weiter stützen wollen. Damit ergänzt FOCUS die dts-Meldung um die Perspektive der Ausgetretenen, während Wagenknecht im dts-Text den Austritt als Befreiung und als Chance für eine klarere BSW-Linie deutet.
taz: „Krise der Wagenknecht-Partei: BSW-Fraktion in Thüringen bricht auseinander" (02.09.2026)
Die taz ordnet die Austritte in eine länger schwelende Auseinandersetzung zwischen Thüringer Landesverband und BSW-Bundesspitze ein und spricht von einer Krise der Wagenknecht-Partei. Neben den aktuellen Austritten verweist der Beitrag auf frühere Konflikte und die Ankündigung der Abgeordneten, die Brombeerkoalition grundsätzlich weiter zu stützen. Im Vergleich zur dts-Meldung rückt die taz stärker die strukturelle Instabilität des BSW und die möglichen Folgen für Ministerpräsident Mario Voigt in den Vordergrund.
Übergreifend bestätigen die Medien den personellen Bruch in der Thüringer BSW-Fraktion, setzen aber unterschiedliche Akzente: Während die dts-Meldung Wagenknechts Deutung des Vorgangs hervorhebt, konzentrieren sich n-tv und FOCUS auf die institutionellen Folgen und die Kritik der Abtrünnigen, die taz wiederum auf die strategische Krise des BSW zwischen Landespolitik und Bundesführung.
