Schulabgänger ohne Abschluss: Quote steigt auf 20-Jahres-Hoch
Veröffentlicht am: 09.10.2026 um 15:14 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Anteil der Jugendlichen ohne mindestens einen Hauptschulabschluss ist im Schuljahr 2024/2025 auf 8,4 Prozent gestiegen und damit auf den höchsten Stand seit mehr als 20 Jahren.
65.000 Jugendliche ohne Abschluss
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes verließen rund 65.000 junge Menschen die Schule ohne Abschluss. Im Vorjahr waren es 62.000, im Schuljahr davor 56.000. Insgesamt gab es jeweils etwa 770.000 bis 800.000 Schulabgänger.
Zuletzt war die Quote im Schuljahr 2002/2003 mit 8,9 Prozent höher. Vor zehn Jahren, im Schuljahr 2014/2015, lag sie bei 5,6 Prozent.
Bundesbildungsministerium besorgt
Eine Sprecherin des Bundesbildungsministeriums bezeichnete die Entwicklung als besorgniserregend. Sie verwies auf politische Gegenmaßnahmen wie das Startchancen-Programm, mit dem Schulen mit vielen Kindern aus sozial benachteiligten Familien und mit Lernschwierigkeiten zusätzlich unterstützt werden sollen.
Ein neues Kita-Gesetz soll nach den Plänen der Bundesregierung früher ansetzen. Der Bundestag beriet am Freitag erstmals darüber. Vorgesehen sind bundesweite Sprachtests für vierjährige Kinder sowie Erhebungen zu mathematischen und sozialen Fähigkeiten, damit Förderbedarf früh erkannt werden kann.
Prien setzt auf frühkindliche Bildung
Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnete frühkindliche Bildung als entscheidenden Ansatzpunkt. Wer die deutsche Sprache bis zur Einschulung nicht erlerne, habe große Schwierigkeiten, im Bildungssystem anzukommen, sagte sie dem Bayerischen Rundfunk.
Auch der Deutsche Lehrerverband sieht Sprachprobleme als eine Ursache für Bildungsrückstände. Verbandspräsident Stefan Düll forderte mehr Sprachförderung, Schulsozialarbeit und eine engere Zusammenarbeit mit außerschulischen Partnern.
Streit über Finanzierung und Zuständigkeiten
Die Grünen kritisierten eine aus ihrer Sicht unzureichende finanzielle Unterstützung der Länder. Für die geplanten Sprachtests und Förderangebote werde zusätzliches Personal benötigt, sagte die Bildungspolitikerin Anja Reinalter. Bundeskanzler Friedrich Merz habe eine große Kraftanstrengung für Bildung angekündigt und dürfe deshalb nicht an der falschen Stelle kürzen.
Der Direktor des Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation, Kai Maaz, zeigte sich von den Zahlen nicht überrascht. Er warnte zugleich davor, die 65.000 Jugendlichen pauschal als Schulabbrecher zu bezeichnen. Ein erheblicher Teil komme aus Förderschulen; darunter seien auch junge Menschen, die ihren Bildungsgang erfolgreich abgeschlossen hätten, aber keinen ersten allgemeinbildenden Schulabschluss erhielten.
Forderung nach bundespolitischem Fokus
Maaz forderte eine frühere und verlässlichere Förderung, besonders an Schulen mit vielen sozial benachteiligten Kindern. Das BSW verlangte einen stärkeren bundespolitischen Schwerpunkt. Parteigründerin Sahra Wagenknecht sprach von einem staatlich organisierten Fachkräftemangel und kritisierte, das Bildungssystem dürfe nicht an der föderalen Aufteilung scheitern.
Frühe Förderung entscheidet mit
Die Quote von 8,4 Prozent markiert keinen kurzfristigen Ausreißer, sondern steht in einer längerfristigen Entwicklung: Vor zehn Jahren lag sie noch bei 5,6 Prozent. Zugleich weisen die Bildungsdaten auf einen Zusammenhang zwischen grundlegenden Kompetenzproblemen und fehlenden Schulabschlüssen hin. Der Abschlussstatus allein beschreibt dabei nicht die gesamte Bildungsbiografie.
Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen Jugendlichen, die die Schule ohne ausreichende Kompetenzen verlassen, und jungen Menschen aus Förderschulen, die ihren Bildungsgang erfolgreich beendet haben, aber keinen ersten allgemeinbildenden Abschluss erhalten. Für Schulen entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: Sie müssen Basiskompetenzen sichern und zugleich passgenaue Übergänge in Ausbildung, Berufsvorbereitung oder weitere Bildung ermöglichen.
Bund und Länder stehen unter Umsetzungsdruck
Das Startchancen-Programm setzt an Schulen mit besonders schwierigen sozialen Bedingungen an. Entscheidend für seine Wirkung ist, ob zusätzliche Mittel dauerhaft in Personal, Schulsozialarbeit, Sprachförderung und multiprofessionelle Teams fließen. Ein Kita-Gesetz mit Sprachtests und weiterer Entwicklungsdiagnostik würde die Förderung zeitlich vorverlagern, kann fehlende Kapazitäten in Kitas und Schulen aber nicht allein ausgleichen.
Für Jugendliche ohne Abschluss steigen die Risiken beim Übergang in Ausbildung und Beschäftigung. Die Entwicklung betrifft deshalb nicht nur Bildungspolitik, sondern auch Fachkräftesicherung, soziale Teilhabe und kommunale Unterstützungssysteme. Die politische Auseinandersetzung konzentriert sich nun auf die Frage, wie verbindliche Standards finanziert und zwischen Bund, Ländern und Kommunen umgesetzt werden.

