Religionsmonitor 2026: Gerechtigkeitsempfinden und Regierungsvertrauen schwach
Veröffentlicht am: 29.09.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland hat sich laut dem «Religionsmonitor 2026» der Bertelsmann Stiftung leicht verbessert, während das Gerechtigkeitsempfinden und das Vertrauen in die Bundesregierung schwach bleiben.
Zusammenhalt steigt wieder
Für die repräsentative Erhebung befragte das Infas-Institut im März im Auftrag der Stiftung 5.231 Erwachsene. Auf einer Skala von 0 bis 100 und anhand von neun Indikatoren stieg der Wert für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von 46 Punkten im Jahr 2023 auf 51 Punkte.
Zuvor war der Wert zwischen 2020 und 2023 deutlich gesunken. Klimawandel, Pandemie, Kriege, politische Radikalisierung und wirtschaftliche Unsicherheiten hätten den Zusammenhalt über Jahre belastet.
Vertrauen in die Regierung bleibt niedrig
Viele Menschen verfügen der Studie zufolge über stabile soziale Beziehungen und seien bereit, Verantwortung für andere und das Gemeinwohl zu übernehmen. Das politische Interesse erreichte 65 Punkte.
Das Vertrauen in die Bundesregierung lag dagegen wie bereits 2023 bei 37 Punkten. Beim Gerechtigkeitsempfinden wurden lediglich 25 Punkte gemessen – der niedrigste Wert seit Beginn der Untersuchungen im Jahr 2017.
Stiftung fordert mehr Beteiligung
Die Befragten bewerteten, ob wirtschaftliche Gewinne in Deutschland «im Großen und Ganzen» gerecht verteilt werden. Die Stiftung sieht darin einen Hinweis auf ein belastetes Verhältnis zwischen Staat und Bürgern und fordert ein «neues konstruktives Miteinander».
Politik müsse berechtigte Anliegen stärker berücksichtigen und Belastungen durch Reformen fair gestalten. Entscheidungen von Politik und Verwaltung sollten besser erklärt und Bürgerinnen und Bürger früher sowie wirksamer beteiligt werden.
Religion als soziale Ressource
Religion könne den Zusammenhalt stärken, soziale Beziehungen festigen, Hilfsbereitschaft fördern und Menschen zum Engagement motivieren, erklärte Stiftungsexpertin Yasemin El-Menouar. Entscheidend sei weniger die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft als die gelebte religiöse Praxis und die soziale Einbindung.
Auch soziale Orte wie Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Kultur- und Jugendzentren sowie Sportvereine sollten nach Empfehlung der Stiftung dauerhaft gesichert werden.
Vertrauen bleibt der entscheidende Schwachpunkt
Die Untersuchung beschreibt ein widersprüchliches Bild: Der gesellschaftliche Zusammenhalt erreicht nach dem Einbruch zwischen 2020 und 2023 wieder einen höheren Gesamtwert, während das Vertrauen in die Bundesregierung niedrig bleibt. Besonders deutlich fällt die Differenz beim Gerechtigkeitsempfinden aus. Die Befragten bewerten nicht den persönlichen Wohlstand, sondern die Verteilung wirtschaftlicher Gewinne in Deutschland.
Ein niedriger Gerechtigkeitswert kann politische Konflikte verschärfen, weil Reformen dann nicht nur nach ihrer sachlichen Wirkung, sondern auch nach ihrer Verteilung bewertet werden. Für die Akzeptanz staatlicher Entscheidungen ist deshalb relevant, wer zusätzliche Belastungen trägt, wer entlastet wird und ob Verfahren als nachvollziehbar gelten. Die von der Stiftung geforderte frühere Beteiligung zielt auf genau diese Verbindung von Ergebnis und Verfahren.
Soziale Orte als praktische Infrastruktur
Die Studie hebt zugleich Ressourcen hervor, die im Alltag stabilisierend wirken können: soziale Beziehungen, Hilfsbereitschaft und Bereitschaft zum Engagement. Nachbarschaftszentren, Bibliotheken, Jugend- und Kulturangebote sowie Sportvereine schaffen Gelegenheiten für Begegnung und Kooperation. Ihre Bedeutung liegt damit nicht nur im jeweiligen Angebot, sondern auch darin, dass sie Kontakte über soziale und weltanschauliche Grenzen hinweg ermöglichen.
Die Ergebnisse markieren folglich keinen allgemeinen Vertrauensverlust in die Gesellschaft. Sie zeigen vielmehr eine Lücke zwischen sozialer Verbundenheit und politischer beziehungsweise wirtschaftlicher Fairness. Für Bürgerinnen und Bürger dürfte entscheidend sein, ob politische Entscheidungen künftig transparenter erklärt und finanzielle sowie soziale Folgen sichtbar ausgewogen verteilt werden.
