Presse: Vom «Alptraum» bis zum Verrat des «Nie Wieder»
Veröffentlicht am: 07.09.2026 um 10:34 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDie AfD gewinnt die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt mit großem Vorsprung, verpasst jedoch die absolute Mehrheit. Damit könnte das erste Mal seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit der AfD eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei in einem Bundesland an die Macht gelangen – bräuchte dafür aber Unterstützer. Viele große internationale Medien machen den Wahlausgang zu ihrer Top-Story.
Italien
«La Stampa»: «81 Jahre nach Hitlers Untergang, der das Land in Trümmern und mit der unauslöschlichen Schuld des Holocaust zurückließ, gewinnt eine Partei, die sich mehr oder weniger ausdrücklich auf jenes Deutschland beruft, die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt.»
Frankreich
«Ouest-France»: «(...) Zu sehen, wie sie an den Wahlurnen fast jeden zweiten Wähler hinter sich vereinen, ist ein Schock für Millionen von Deutschen, für die die AfD eine Bedrohung für ihre Demokratie, eine Beleidigung des Versprechens "Nie wieder" und ein Rückschlag für all die Arbeit ist, die in Bezug auf ihre Vergangenheit geleistet wurde.»
Schweiz
«Neuen Zürcher Zeitung»: «Der schlimmste Albtraum der CDU ist wahr geworden: Die Wähler haben die Partei halbiert. Sie holte das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte in dem Bundesland und verlor die Wahl noch dazu mit der AfD an eine Partei rechts von ihr.»
Polen
Nachrichtenmagazin «Polityka»: «Nach der Wahl am Sonntag muss die neue Landesregierung innerhalb von 30 Tagen stehen - so will es das deutsche Recht. Dies bedeutet, dass Deutschland im kommenden Monat ein Festival politischer Deklarationen ohne Kostendeckung erwartet, ein Festival der Angriffe auf Merz sowie der Debatten über vorgezogene Bundestagswahlen und den möglichen Bruch der Bundesregierung. Berücksichtigt man dazu die schwächelnde Wirtschaft, das vor den Augen der Welt zerfallende Modell der deutschen Industrie und die wachsende Arbeitslosigkeit, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass wir alle an der Schwelle einer gigantischen deutschen Krise stehen, die sich ohne Zweifel über den gesamten Kontinent ausbreiten wird.»
Belgien
«De Tijd»: «Das Rekordergebnis AfD in Sachsen-Anhalt zeigt, dass die rechtsextreme Partei für viele Wähler offenbar die einzige Alternative zur gescheiterten Politik der traditionellen Mitte-Parteien darstellt. (...) Das Wahlergebnis war nichts Geringeres als ein Erdbeben in der politischen Ordnung der Deutschlands seit dem Ende des Krieges.»
Griechenland
«Kathimerini»: «Obwohl weitgehend erwartet, löst der überwältigende Sieg der Alternative für Deutschland (AfD) in Sachsen neue Alarmstimmung in Berlin und Europa aus. (...) Nachkriegstabus, die sich über Jahrzehnte als demokratische Schutzwälle in einer Welt mit immer weniger demokratischen Schutzmechanismen gehalten hatten, geraten inzwischen unter dem Gewicht der politischen Entwicklungen in Deutschland ins Wanken.»
Spanien
«El País»: «Alles, was einst feststand, zerfällt, und viele der Instrumente, die einst dazu dienten, die extreme Rechte einzudämmen, haben sich als nutzlos oder gar kontraproduktiv erwiesen. Der überwältigende Sieg der AfD im kleinen ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt wird das demokratische Lager zwingen, seine Strategien der vergangenen Jahre zu überdenken und einige Wahrheiten neu zu bewerten, die bisher als unumstößlich galten.»
USA
«Wall Street Journal»: «Das Signal ist deutlich, auch wenn die rechnerischen Mehrheitsverhältnisse der AfD womöglich keine handlungsfähige Mehrheit in der Landesregierung verschaffen. Die Wähler sind der etablierten Parteien überdrüssig. Dieser Frust speist sich vor allem aus der liberalen Einwanderungspolitik, die Berlin ein Jahrzehnt lang seit 2015 verfolgte, und die zurückzudrehen sich als schwierig erweist.»
Großbritannien
«Independent»: «(...) Dieser Sieg ist der größte Erfolg in der 13-jährigen Geschichte der AfD und erfolgt in einer Zeit weit verbreiteter Unzufriedenheit mit einer unpopulären Bundesregierung, die die Wähler bislang nicht davon überzeugen konnte, dass sie die schwächelnde Wirtschaft des Landes wieder in Schwung bringen kann.»
Russland
«Rossijskaja Gaseta»: «Eine Partei zu ignorieren, die bei Wahlen einen bedeutenden und in einigen Fällen, wie im Osten des Landes, den Großteil der Stimmen bekommt, wird immer schwieriger. Deswegen ist eines der in Deutschland diskutierten Szenarien für die Zeit nach den Wahlen eine Spaltung in der CDU wegen der Debatte darüber, ob es möglich und nötig ist, mit der AfD zusammenzuarbeiten.»
Dänemark
«Jyllands-Posten»: «Auch Deutschlands Nachbarn und europäischen Partner können die Entwicklung nicht einfach ignorieren. Ein Deutschland, in dem die AfD zunehmend direkten oder indirekten Einfluss ausübt, wäre ein instabileres, auf sich selbst fokussierteres und vermutlich selbstbewusster auftretendes Deutschland.»
Tschechien
«Hospodarske noviny»: «In Sachsen-Anhalt leben nur rund 1,7 Millionen Wahlberechtigte. Der enorme Erfolg für die AfD ist daher sicher nicht repräsentativ für die gesamtdeutsche Politik. Es scheint jedoch klar, dass die Brandmauer, welche die CDU um die AfD errichtet hat, am Wählerwillen gescheitert ist.»
Ungarn
«Nepszava»: «36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist Deutschland wirtschaftlich um vieles einheitlicher geworden. Gefühlt hingegen entfernen sich Ost und West wieder voneinander. Diese Spaltung nutzt die rechtsextreme AfD heutzutage geschickter aus als jeder andere.»
Politiker-Stimmen
Auch internationale Politik-Prominenz meldete sich zu Wort. US-Präsident Donald Trump verbreitete auf seiner Plattform Truth Social die Abbildung einer Hochrechnung mit Stand 19.57 Uhr (deutscher Zeit). Trump ließ die Balken-Grafik, die den Sieg der AfD zeigt, für sich stehen und kommentierte sie nicht weiter.
US-Milliardär Elon Musk, der seit längerem mit der AfD sympathisiert, gratulierte. «Gut gemacht!», schrieb der Tech-Unternehmer auf seiner Online-Plattform X als Kommentar zu einem Beitrag der AfD-Vorsitzenden Alice Weidel, in dem sie Spitzenkandidat Ulrich Siegmund zum Triumph in Sachsen-Anhalt beglückwünscht hatte.
«Eine Riesen-(Wahl-)Nacht für Deutschland und Europa!», schrieb der abgewählte ungarische Ministerpräsident Viktor Orban über den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt.
Der polnische Regierungschef Donald Tusk zeigte sich dagegen fassungslos. «In Polen können sich nur Idioten oder Verräter am Triumph der AfD in Deutschland erfreuen», schrieb der liberalkonservative Politiker am Wahlabend bei X.
«Herzlichen Glückwunsch Alice Weidel und Ulrich Siegmund für dieses spektakuläre Ergebnis, das eine große Hoffnung für Deutschland und Europa darstellt», schrieb der Vorsitzende der spanischen rechstpopulistischen Vox, Santiago Abascal, auf der Plattform X zusammen mit einem Foto von sich mit Weidel.
Auch Abascals portugiesischer Kollege von der rechtspopulistischen Partei Chega (Es reicht), André Ventura, postete ein Foto von sich mit Weidel und schrieb: «Auch die Deutschen öffnen zunehmend die Augen gegenüber illegaler und unkontrollierter Einwanderung, Korruption und der Vereinnahmung unserer Freiheit und Identität. Herzlichen Glückwunsch!»
