Pflegereform: Kabinett berät trotz letztem Streit zwischen Union und SPD
Veröffentlicht am: 30.09.2026 um 10:34 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Die Bundesregierung will heute über den Gesetzentwurf zur Neuordnung der Pflegeversicherung beraten, nachdem Union und SPD bis zuletzt um einen Kompromiss gerungen haben.
Kabinettsbefassung trotz offenem Streit
Das Bundespresseamt teilte am Mittwochvormittag in Berlin mit, dass sich das Kabinett unter anderem mit dem Entwurf des Gesundheitsministeriums befassen werde. Ob die Koalitionspartner zuvor eine umfassende Einigung erzielt hatten, blieb zunächst offen.
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU) war nach Angaben eines dpa-Reporters mit Verspätung zur Kabinettssitzung gekommen. Er will mit mehreren Maßnahmen Einsparungen erreichen, weil der gesetzlichen Pflegeversicherung in diesem Jahr ein Milliardendefizit droht.
Beiträge sollen stabil bleiben
Mit der Reform sollen steigende Beiträge verhindert werden. Der Beitragssatz liegt nach einer Erhöhung im vergangenen Jahr bei 3,6 Prozent der beitragspflichtigen Einnahmen, für Kinderlose bei 4,2 Prozent.
Die SPD hatte gegen ein reines Kürzungspaket protestiert und bis zum Mittwochmorgen Nachbesserungen verlangt. Nach teils schweren Niederlagen bei Landtagswahlen wollte die Partei zugleich ein Signal für mehr soziale Gerechtigkeit setzen.
Weniger Zuschüsse und strengere Pflegegrade
Zu den Plänen gehört, die Zuschläge für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen zeitlich zu strecken. Diese Zuschüsse sollen die steigenden Eigenanteile abfedern; eine spätere Anhebung würde daher Einsparungen bringen.
Vorgesehen waren außerdem strengere Kriterien für die Einstufung in Pflegegrade. Änderungen bei der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern zählten ebenfalls zu den Vorschlägen der früheren Gesundheitsministerin und heutigen Kanzleramtschefin Nina Warken (CDU), auf denen Linnemanns Entwurf basiert.
SPD fordert Pflegedeckel
Die SPD verlangte eine gerechtere Verteilung der Finanzierungsverantwortung. Dazu sollte nach ihren Vorstellungen die private Pflegeversicherung einen finanziellen Ausgleich an die soziale Pflegeversicherung leisten. Außerdem forderte sie eine Begrenzung der Eigenanteile, die Pflegebedürftige und Angehörige im Pflegeheim tragen müssen.
SPD-Finanzminister Lars Klingbeil hatte betont, die Reform dürfe kein reines Einsparpaket sein, sondern müsse auch strukturelle Veränderungen bringen. Linnemann forderte Klingbeil zugleich auf, die Rückzahlung von mehr als fünf Milliarden Euro Corona-Hilfen an die Pflegeversicherung zu ermöglichen.
Finanzdruck trifft auf alternde Gesellschaft
Die Pflegeversicherung steht vor einem strukturellen Problem: Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt, während im Verhältnis dazu weniger Beitragszahler nachrücken. Zugleich sind die Ausgaben deutlich gewachsen. Für 2026 wird ein Defizit der Pflegekassen von 4,4 Milliarden Euro genannt; für 2027 könnten zusätzlich rund zehn Milliarden Euro erforderlich sein.
Folgen für Pflegebedürftige und Familien
Die geplanten Einsparungen würden insbesondere Menschen treffen, die stationäre Pflege benötigen oder einen niedrigeren Pflegegrad haben. Wenn Zuschüsse zu den Heimkosten später steigen oder Zugangskriterien verschärft werden, könnten Eigenanteile länger hoch bleiben. Für Angehörige ist deshalb entscheidend, welche Regelungen am Ende tatsächlich im Gesetz stehen.
Streit über die Finanzierung
Union und SPD setzen unterschiedliche Schwerpunkte: Gesundheitsminister Carsten Linnemann will die Beiträge vor allem durch Einsparungen stabilisieren, während die SPD eine stärkere Beteiligung privat Versicherter und eine Begrenzung der pflegebedingten Eigenanteile fordert. Der Konflikt reicht damit über einzelne Leistungsänderungen hinaus und berührt die grundsätzliche Aufteilung der Finanzierung zwischen gesetzlicher und privater Pflegeversicherung.
Für Versicherte könnten neben möglichen Leistungskürzungen auch höhere Beiträge relevant werden. Im Raum stehen unter anderem eine stärkere Belastung Kinderloser, zusätzliche Beiträge für Minijobs und Änderungen bei der beitragsfreien Mitversicherung. Die Kabinettsbefassung wäre daher zunächst ein politischer Zwischenschritt; über die konkrete Wirkung für Betroffene entscheidet erst das weitere Gesetzgebungsverfahren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
WDR: „Die Bundesregierung streitet über die Pflegereform: Wer würde profitieren - und wer nicht?“ (29.09.2026)
Der Bericht ordne die geplanten Änderungen nach ihren möglichen Folgen für Pflegebedürftige, Angehörige und Beitragszahler ein. Er hebe hervor, dass die Reform ab 2027 die Finanzlage verbessern solle, zugleich aber spätere Zuschüsse zu Heimkosten, höhere Zugangshürden und zusätzliche Belastungen für bestimmte Versicherte vorgesehen seien.
n-tv: „Blockade droht: SPD beharrt auf Änderungen bei der Pflegereform“ (29.09.2026)
Der Artikel bestätige den Zeitdruck vor der Kabinettsbefassung und stelle die Forderung der SPD nach strukturellen Änderungen und einem finanziellen Ausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung in den Mittelpunkt. Zugleich beschreibe er die Ablehnung eines Pflegedeckels durch Linnemann und lasse offen, ob Union und SPD rechtzeitig einen Kompromiss erreichen würden.
Beide Berichte stimmten darin überein, dass die Pflegeversicherung unter erheblichem Finanzdruck stehe und die Koalition über die Lastenverteilung streite. Unterschiede lägen vor allem beim Schwerpunkt: Der WDR erläutere stärker die konkreten Folgen für Betroffene, während n-tv den politischen Verhandlungsdruck und die Positionen der Koalitionspartner hervorhebe.
