Nord-Stream-Prozess, Hamburg

Nord-Stream-Anschlag: Prozess gegen Serhij K. startet in Hamburg

Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

Vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht beginnt das Verfahren gegen den 50-jährigen ukrainischen Staatsangehörigen. Die Anklage umfasst unter anderem den Vorwurf eines Kriegsverbrechens und die Beschädigung ziviler Infrastruktur.

  • Die  Sprengsätze explodierten nach Angaben der Bundesanwaltschaft am 26. September 2022 in 80 Meter Tiefe. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa
    Die Sprengsätze explodierten nach Angaben der Bundesanwaltschaft am 26. September 2022 in 80 Meter Tiefe. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa
  • Der Prozess gegen Serhij K. soll am 14. Oktober in Hamburg beginnen. (Archivbild) - Bild: Uli Deck/dpa
    Der Prozess gegen Serhij K. soll am 14. Oktober in Hamburg beginnen. (Archivbild) - Bild: Uli Deck/dpa
  • Über die Ostseepipeline Nord Stream 1 lief bis 2022 Gas von Russland nach Deutschland. (Archivbild) - Bild: Jens Büttner/dpa
    Über die Ostseepipeline Nord Stream 1 lief bis 2022 Gas von Russland nach Deutschland. (Archivbild) - Bild: Jens Büttner/dpa
Die  Sprengsätze explodierten nach Angaben der Bundesanwaltschaft am 26. September 2022 in 80 Meter Tiefe. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa Der Prozess gegen Serhij K. soll am 14. Oktober in Hamburg beginnen. (Archivbild) - Bild: Uli Deck/dpa Über die Ostseepipeline Nord Stream 1 lief bis 2022 Gas von Russland nach Deutschland. (Archivbild) - Bild: Jens Büttner/dpa

Vier Sprengsätze und 16 Termine

  • Am 26. September 2022 beschädigten Explosionen vor Bornholm drei von vier Leitungen der Nord-Stream-Pipelines.
  • Serhij K. soll sich spätestens am 8. September 2022 mit sechs Mittätern in Wiek auf Rügen auf die Jacht „Andromeda“ begeben haben.
  • Das Hanseatische Oberlandesgericht hat zunächst 16 Verhandlungstermine bis zum 17. Dezember angesetzt.
  • Rund vier Jahre nach den Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines beginnt in Hamburg der Prozess gegen den ukrainischen Staatsangehörigen Serhij K.

    Vorwurf der Bundesanwaltschaft

    Die Bundesanwaltschaft hält den heute 50-Jährigen für den Drahtzieher der Sabotageaktion. Er soll damals Offizier einer Spezialeinheit der ukrainischen Streitkräfte gewesen sein und eine Gruppe aus einem Schiffsführer, einem Sprengstoffexperten und vier Tiefseetauchern angeführt haben.

    Nach Darstellung der Anklage befestigte die Gruppe bei Tauchgängen am Meeresboden vier mit Zeitzündern versehene Sprengsätze an den Pipelines. Zum Einsatz sollen militärische Hochleistungssprengstoffe gekommen sein, die auch unter Wasser explosionsfähig waren.

    Festnahme und Überstellung

    Serhij K. wurde Ende August 2025 während eines Urlaubs mit seiner Familie an der Adriaküste festgenommen. Nach monatelangem Widerstand gegen seine Auslieferung wurde er am 27. November nach Deutschland überstellt.

    Einen Tag später setzte ein Ermittlungsrichter beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe den Haftbefehl gegen ihn in Vollzug. Seitdem sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft. Anfang Juli wurde Anklage erhoben.

    Anklage wegen Kriegsverbrechens

    Die Anklage wirft Serhij K. den Einsatz verbotener Methoden der Kriegsführung durch einen Angriff auf zivile Objekte vor. Zudem geht es um das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, die Zerstörung von Bauwerken und die Störung öffentlicher Betriebe.

    Der Staatsschutzsenat des Hamburger Oberlandesgerichts ist auch für Mecklenburg-Vorpommern zuständig. Weitere Verhandlungstermine sind für Januar und Februar 2027 vorgesehen.

    Vier Lecks nach Explosionen

    Am 26. September 2022 detonierten in rund 80 Metern Tiefe vor der dänischen Insel Bornholm mehrere Sprengsätze. Die Explosionen verursachten vier Lecks an drei der insgesamt vier Leitungen von Nord Stream 1 und 2.

    Nord Stream 1 bestand aus zwei jeweils 1.224 Kilometer langen Strängen von Wyborg nach Lubmin bei Greifswald. Die Leitungen waren 2011 und 2012 in Betrieb genommen worden. Nord Stream 2 wurde 2021 fertiggestellt, blieb wegen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine aber außer Betrieb.

    Russland nicht als Nebenkläger zugelassen

    Die Betreiber Nord Stream AG und Nord Stream 2 AG bezifferten den Schaden mit Blick auf die Reparaturkosten auf einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Das Gericht ließ die von russischer Seite gewünschten Nebenklagen dennoch nicht zu.

    Nach Einschätzung des Gerichts seien die Wiederherstellungskosten im Verhältnis zu den Investitionskosten von fast 17 Milliarden Euro nicht so hoch, dass ein wirtschaftlicher Totalschaden nach üblichen Maßstäben vorliege.

    Ein Prozess mit internationaler Tragweite

    Der Hamburger Prozess bündelt strafrechtliche, sicherheitspolitische und völkerrechtliche Fragen. Im Zentrum steht zunächst die individuelle Verantwortung des Angeklagten für die Vorbereitung und Ausführung der Explosionen. Das Gericht muss dabei die Beweiskette zu den verwendeten Sprengsätzen, der Jacht „Andromeda“, den Tauchgängen und der behaupteten Führungsrolle bewerten.

    Die Anklage wegen eines Kriegsverbrechens erweitert den Fall über den Vorwurf einer schweren Sachbeschädigung hinaus. Entscheidend wird sein, ob die Pipelines rechtlich als zivile Objekte einzuordnen waren und wie die mutmaßliche Operation im Zusammenhang mit dem seit 2022 andauernden russischen Angriffskrieg zu bewerten ist. Diese Fragen betreffen nicht automatisch eine staatliche Verantwortlichkeit; Gegenstand des Verfahrens ist zunächst der konkrete Angeklagte.

    Folgen für Aufklärung und Infrastruktur

    Nord Stream war vor den Explosionen ein zentrales Symbol der deutschen Energiebeziehungen zu Russland. Nord Stream 1 war bereits vor dem Anschlag außer Betrieb, Nord Stream 2 nie in Betrieb gegangen. Dennoch beschädigte die Sabotage eine milliardenschwere Infrastruktur und verschärfte die politische Auseinandersetzung über Abhängigkeiten, Schutz kritischer Anlagen und mögliche verdeckte Operationen.

    Mit 16 angesetzten Terminen bis zum 17. Dezember und weiteren geplanten Sitzungstagen im Januar und Februar 2027 dürfte sich die Beweisaufnahme über Monate erstrecken. Für die Öffentlichkeit wird besonders relevant sein, welche konkreten Belege das Gericht zur Rolle des Angeklagten und zu möglichen Hintermännern zulässt. Eine strafrechtliche Entscheidung über Serhij K. würde dabei nicht automatisch alle politischen Fragen rund um den Anschlag beantworten.

Disclaimer...

de | politik | 70319203 |