Nord-Stream-Prozess, Serhij Kusnetzow

Nord-Stream-Anschlag: Kusnetzow steht in Hamburg vor Gericht

Veröffentlicht am: 14.10.2026 um 15:17 Uhr | dpa, AD HOC NEWS

In Hamburg beginnt das Verfahren gegen den früheren ukrainischen Spezialoffizier Serhij Kusnetzow. Die Anklage wirft ihm unter anderem ein Kriegsverbrechen und die Zerstörung ziviler Infrastruktur vor; die Verteidigung weist die Vorwürfe zurück.

Vier Lecks und 24 Termine

  • Am 26. September 2022 detonierten vor Bornholm Sprengsätze in etwa 80 Metern Tiefe.
  • Die Ermittler gehen von sieben Beteiligten und vier Sprengsätzen an drei Leitungen aus.
  • Das Hanseatische Oberlandesgericht plant zunächst 24 Verhandlungstermine bis Ende Januar.
  • Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens gegen den 50-jährigen Ukrainer. - Bild: Markus Scholz/dpa-Pool/dpa
    Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens gegen den 50-jährigen Ukrainer. - Bild: Markus Scholz/dpa-Pool/dpa
  • Das Verfahren gegen den Ukrainer Serhij Kusnetzow findet vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts statt. - Bild: Markus Scholz/dpa
    Das Verfahren gegen den Ukrainer Serhij Kusnetzow findet vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts statt. - Bild: Markus Scholz/dpa
  • Vor dem Gerichtsgebäude solidarisierten sich Unterstützer mit dem Angeklagten. - Bild: Markus Scholz/dpa
    Vor dem Gerichtsgebäude solidarisierten sich Unterstützer mit dem Angeklagten. - Bild: Markus Scholz/dpa
  • Nach Sprengung der Nord-Stream-Pipelines strömte eine große Menge Gas in die Ostsee. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa
    Nach Sprengung der Nord-Stream-Pipelines strömte eine große Menge Gas in die Ostsee. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa
Die Verteidigung fordert die Einstellung des Verfahrens gegen den 50-jährigen Ukrainer. - Bild: Markus Scholz/dpa-Pool/dpa Das Verfahren gegen den Ukrainer Serhij Kusnetzow findet vor dem Staatsschutzsenat des Hanseatischen Oberlandesgerichts statt. - Bild: Markus Scholz/dpa Vor dem Gerichtsgebäude solidarisierten sich Unterstützer mit dem Angeklagten. - Bild: Markus Scholz/dpa Nach Sprengung der Nord-Stream-Pipelines strömte eine große Menge Gas in die Ostsee. (Archivbild) - Bild: -/Danish Defence Command/dpa

Prozess um Nord-Stream-Anschlag startet in Hamburg

In Hamburg hat der Prozess gegen den früheren ukrainischen Spezialoffizier Serhij Kusnetzow wegen des Anschlags auf die Nord-Stream-Pipelines begonnen. Die Bundesanwaltschaft wirft dem 50-Jährigen unter anderem ein Kriegsverbrechen, eine Sprengstoffexplosion und die Zerstörung von Bauwerken vor.

Vier Lecks nach Explosionen vor Bornholm

Am 26. September 2022 detonierten vor der dänischen Insel Bornholm in rund 80 Metern Tiefe mehrere Sprengsätze. Nord Stream 1 und 2 wurden beschädigt; an drei der insgesamt vier Leitungen entstanden vier Lecks.

Nach Darstellung der Anklage begab sich Kusnetzow spätestens am 8. September 2022 mit sechs Mittätern im Hafen von Wiek auf Rügen auf die Segeljacht „Andromeda“. Zu der Gruppe sollen ein Schiffsführer, ein Sprengstoffexperte und vier Tiefseetaucher gehört haben.

Anklage sieht sieben Beteiligte

Die Gruppe soll bei Tauchgängen vier mit Zeitzündern versehene militärische Hochleistungssprengstoffe an den Pipelines befestigt haben. Kusnetzow soll die Sabotageaktion geplant und überwacht haben.

Verteidigung bestreitet Tatbeteiligung

Die Verteidiger weisen die Vorwürfe zurück. Es gebe weder Fingerabdrücke noch DNA-Spuren oder Zeugenaussagen dafür, dass Kusnetzow an Bord der „Andromeda“ gewesen sei, erklärte sein Anwalt Jes Meyer-Lohkamp.

Der italienische Anwalt Nicola Canestrini kritisierte zudem die Auslieferung aus Italien. Sein Mandant sei wegen Sabotage überstellt worden, während die deutsche Anklage nun ein Kriegsverbrechen zum Gegenstand mache.

Prozess soll 2027 weitergehen

Kusnetzow war Ende August 2025 an der Adriaküste festgenommen und drei Monate später nach Deutschland überstellt worden. Seit dem 28. November sitzt er in Untersuchungshaft.

Der Staatsschutzsenat hat bis Ende Januar 24 Verhandlungstermine bestimmt. Weitere Termine sollen im Februar 2027 folgen.

Der Prozess in Hamburg markiert den ersten Strafprozess zu den Anschlägen auf Nord Stream. Damit verlagert sich die Aufarbeitung des Sabotageakts von internationalen Ermittlungen und politischen Vorwürfen in ein öffentliches deutsches Gerichtsverfahren.

Im Mittelpunkt steht zunächst die individuelle Verantwortung des Angeklagten. Die Bundesanwaltschaft geht von einer siebenköpfigen Gruppe aus, die von der Segeljacht „Andromeda“ aus Sprengsätze an den Pipelines angebracht haben soll. Die Verteidigung bestreitet eine Beteiligung und stellt zudem die rechtliche Einordnung als Kriegsverbrechen sowie die Umstände der Überstellung aus Italien infrage.

Politische Folgen über den Saal hinaus

Der Fall hat eine größere Bedeutung, weil die Pipelines nicht nur wirtschaftliche Infrastruktur waren, sondern im Streit um russische Energieexporte und den Ukrainekrieg eine zentrale politische Rolle spielten. Nord Stream 1 war vor den Explosionen bereits nicht mehr in Betrieb; Nord Stream 2 war nie gestartet worden. Dennoch betrifft die Zerstörung Eigentumsfragen, mögliche Schadensersatzforderungen und die Frage, ob staatliche Stellen hinter der Operation standen.

Für Deutschland steht zugleich die Unabhängigkeit der Strafverfolgung auf dem Prüfstand: Ein ukrainischer Staatsangehöriger wird wegen eines Anschlags angeklagt, während die Ukraine Deutschlands wichtigster Partner im Abwehrkampf gegen Russland ist. Das Verfahren ist langfristig angelegt; bis Ende Januar sind 24 Termine bestimmt, weitere Verhandlungen sollen 2027 folgen. Leser müssen daher mit einer langwierigen Beweisaufnahme rechnen, in der technische Spuren, Reisebewegungen, die Rolle der „Andromeda“ und mögliche Auftraggeber getrennt voneinander bewertet werden.

Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen

NDR: „Nord-Stream-Prozess in Hamburg: Darum geht's“ (14.10.2026)

Der NDR ordne den Auftakt als weltweit ersten Strafprozess zu den Nord-Stream-Anschlägen ein und stelle neben den Vorwürfen gegen den Angeklagten die Frage nach möglichen staatlichen Hintermännern in den Mittelpunkt. Anders als die dpa-Meldung beleuchte der Beitrag ausführlicher den möglichen Schaden in dreistelliger Millionenhöhe und den langen weiteren Verfahrensverlauf.

ZDFheute: „Serhii K. im Nord-Stream-Prozess: Held oder Kriegsverbrecher?“ (14.10.2026)

ZDFheute stelle die Spannung zwischen dem Vorwurf eines Kriegsverbrechens und der Unterstützung des Angeklagten als vermeintlichem Kämpfer gegen Russland heraus. Der Beitrag erweitere den Blick auf weitere Verdächtige und mögliche politische Auftraggeber; offen bleibe, welche dieser Zusammenhänge sich im Strafverfahren belegen lassen.

Beide Beiträge bestätigten den Prozessbeginn und die zentrale Rolle der „Andromeda“. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: Der NDR betone Ablauf, Zuständigkeit und Verfahrensdauer, während ZDFheute stärker die politische Dimension und mögliche Hintermänner beleuchte.

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