DFB-Kader: Jürgen Klopp beruft XXL-Aufgebot mit 44 Spielern für Nations League
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 13:47 Uhr | dpa, AD HOC NEWSJürgen Klopp hat für seine ersten vier Nations-League-Partien als Bundestrainer ein Rekordaufgebot von 44 Spielern berufen und verbindet seinen sportlichen Neustart mit einer neuen Form des Wir-Gefühls.
Rekordkader und Signal an die Nation
Vor der Präsentation seines XXL-Kaders betrat Klopp den Presseraum des DFB-Campus in Frankfurt mit einer Pappkiste voller Kappen, die den Leitsatz „Einer von 83 Millionen“ tragen. Mit diesem Bild versteht er den Neuaufbau der nach dem nächsten WM-Debakel verunsicherten Nationalmannschaft als gemeinschaftliche Aufgabe. Statt der üblichen 23 oder 26 Spieler nominierte der 59-Jährige gleich 44 Profis für die vier anstehenden Nations-League-Spiele, die in zwei Gruppen aufgeteilt werden.
Zwei Blöcke für vier Spiele
Der erste Block bestreitet die Partien in den Niederlanden am 24. September und gegen Griechenland in Augsburg drei Tage später. Anschließend wird für den zweiten Abschnitt gegen Serbien am 1. Oktober in München und das Rückspiel in Griechenland erneut durchgetauscht. Klopp betonte, er wolle so viele Spieler wie möglich kennenlernen und Eindrücke sammeln. Die Zusammenstellung sei nicht als A- und B-Kader zu verstehen; vielmehr seien die Akteure nach Positionen und nicht nach ihrem vermeintlichen Potenzial getrennt worden, was etwa bei Jamal Musiala und Florian Wirtz oder Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlovi? sichtbar wird.
Quartier mit Wechsel, Kader mit Neulingen
Durch die ungewöhnlich große Zahl an Spielern kommt es im Teamquartier in Herzogenaurach zu einem regelrechten Bettenwechsel, das Klopp als eine der wenigen Gewohnheiten von Vorgänger Julian Nagelsmann übernimmt. Elf Profis waren bislang noch nie im Kreis der A-Nationalmannschaft, fünf weitere warten noch auf ihr erstes Länderspiel. Unter ihnen sind unter anderem Said El Mala und Torhüter Jonas Urbig. Rückkehrer wie Serge Gnabry und Karim Adeyemi ergänzen die Gruppe, während nur noch 16 der 27 Spieler aus dem missratenen WM-Kader in Amerika erneut dabei sind.
Prominente Namen fehlen, Hierarchie neu geordnet
Trotz des XXL-Kaders fehlen einige prominente Profis, etwa Torwart Oliver Baumann, die Stuttgarter Deniz Undav, Angelo Stiller und Jamie Leweling, Leroy Sané sowie Dortmunds Maximilian Beier. Sie alle gehörten unter Nagelsmann noch zum WM-Aufgebot. Klopp erklärte, die Tür bleibe grundsätzlich offen, klang dabei jedoch zurückhaltender als in anderen Aussagen. Den Rücktritt hatten nach der WM lediglich Manuel Neuer und Antonio Rüdiger erklärt. Anführer im Mittelfeld bleibt Joshua Kimmich, der als Kapitän im Zentrum spielen soll; eine erneute Rolle als Rechtsverteidiger steht für Klopp nicht zur Debatte.
Torhüterfrage geklärt
Eine zentrale Entscheidung betrifft die Torhüterposition: Marc-André ter Stegen ist für Klopp die neue Nummer eins. Nach seiner Verletzungsgeschichte bei Ajax Amsterdam soll der 34-Jährige endgültig die Nachfolge des langjährigen Stammtorhüters Manuel Neuer antreten. Hinter ihm berief der Bundestrainer vier jüngere Schlussmänner – Alexander Nübel, Noah Atubolo, Finn Dahmen und Jonas Urbig. Für den 36 Jahre alten Baumann findet sich in diesem Konzept kein Platz mehr.
Viele neue Gesichter, viel Begeisterung
Unter den Neulingen stehen Namen, die vielen Fans zunächst wenig sagen dürften, darunter Mika Baur, Hennes Behrens, Phillip Treu, Derry Scherhant, Younes Ebnoutalib, Yannik Engelhardt, Finn Jeltsch, Bambasé Conté, Vitali Janelt, Max Rosenfelder und Felix Keidel. Klopp zeigt sich begeistert darüber, diesen Spielern die Chance geben zu können, ihr Potenzial im Nationalteam zu zeigen. Er schilderte, wie etwa Conté beim Nominierungsanruf minutenlang vor Freude lachte und er mit Baur, inzwischen bei Celtic Glasgow aktiv, über unkonventionelle Karrierewege und das Wetter in Großbritannien sprach.
Politisches Statement und Spielidee
Über den Fußball hinaus nutzte Klopp seinen Auftritt für ein klares gesellschaftliches Signal. Er erinnerte an die jüngste Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und sprach darüber, dass er den Begriff Nationalstolz nicht „den falschen Leuten überlassen“ wolle. Man könne stolz auf Deutschland sein und zugleich Vielfalt und Mitgefühl vertreten, sagte er und bezeichnete das Land als „wundervoll“. Zugleich betonte er, seine Hauptaufgabe bleibe, gute Fußballspiele zu liefern und nicht politische Debatten zu führen.
Hohe Ansprüche, lebendiger Fußball
Mit Blick auf den Platz vermeidet Klopp überhöhte Versprechungen, stellt aber hohe Anforderungen. Er betonte, er erwarte „sofort mehr“ von der Mannschaft und wolle, dass das Spiel lebendig sei, auch wenn dies zeitweise etwas wild wirken könne. Tempo, Aggressivität und eine stabile defensive Grundordnung sollen dabei den Kern seiner Spielidee bilden. Stabilität sieht er als Grundlage dafür, dass der „Laden“ nicht auseinanderfliegt – ein Anspruch, an dem sich sein Neustart mit der Nationalmannschaft messen lassen muss.
Neuanfang nach WM-Debakel
Jürgen Klopps XXL-Kader ist der sichtbarste Ausdruck eines radikalen Neustarts der deutschen Nationalmannschaft nach dem enttäuschenden WM-Sommer in Amerika. Mit 44 nominierten Spielern durchbricht der neue Bundestrainer bewusst alte Routinen und signalisiert, dass Positionen und Rollen neu verteilt werden. Der hohe Anteil an Neulingen und Rückkehrern sowie die deutliche Reduzierung der bisherigen WM-Stammkräfte stehen für einen Kurswechsel hin zu mehr Durchlässigkeit und Leistungsgerechtigkeit.
Strategische Breite und Generationenwechsel
Sportlich verfolgt Klopp mit der Aufteilung in zwei Blöcke über vier Nations-League-Partien mehrere Ziele zugleich. Er möchte innerhalb kurzer Zeit eine möglichst große Menge an Spielern im Wettkampf sehen, ohne ein festes A- und B-Team zu etablieren. Die Mischung aus erfahrenen Kräften wie Joshua Kimmich und Marc-André ter Stegen, entwicklungsfähigen Leistungsträgern wie Jamal Musiala und Florian Wirtz sowie einer auffallend großen Zahl unerfahrener Talente zeigt einen beschleunigten Generationenwechsel. Klare Signale gehen auch an bislang etablierte Kräfte aus, die trotz des XXL-Aufgebots zunächst außen vor bleiben.
Gesellschaftliche Botschaft und Erwartungsdruck
Über die rein sportliche Ebene hinaus verbindet Klopp seinen Start mit einer gesellschaftlichen Botschaft. Die Devise „Einer von 83 Millionen“ und sein Wunsch, die Fahne und den Begriff Nationalstolz mit demokratischen Werten, Vielfalt und Mitgefühl zu verknüpfen, zielen darauf, die Nationalmannschaft wieder als verbindendes Projekt zu etablieren. Zugleich dämpft er überzogene Erwartungen und warnt davor, mit wenigen Trainingseinheiten „die Fußballwelt auf den Kopf zu stellen“. Für die kommenden Nations-League-Spiele wachsen dennoch die Ansprüche: Mehr Tempo, Aggressivität und defensive Stabilität sollen schnell erkennbar sein – auch wenn der Neustart phasenweise „wild“ wirken kann.
