Merz: Unionsfraktion sichert Kanzler trotz Wahldebakel Rückhalt zu
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 19:21 Uhr | dpa, AD HOC NEWS
Unionsfraktionschef Thorsten Frei hat Bundeskanzler Friedrich Merz trotz der Niederlagen der CDU bei drei Landtagswahlen die Unterstützung der Bundestagsfraktion zugesichert.
Frei wirbt für Konzentration auf Sachthemen
„Der Bundeskanzler hat unsere Unterstützung“, sagte Frei vor der Fraktionssitzung in Berlin. Nach Teilnehmerangaben rief er die Abgeordneten dazu auf, sich nun auf Sachthemen zu konzentrieren und einen Beitrag zur Stabilisierung der Koalition mit der SPD zu leisten.
Merz räumte in der Sitzung eine Mitverantwortung für die Wahlergebnisse ein und warb für seinen Reformkurs. Teilnehmer beschrieben seine Rede als „geschäftsmäßig“.
Brinkhaus übt offene Kritik
In der Aussprache gab es nach Teilnehmerangaben auch offene Kritik an Merz und seiner Kommunikation. Der frühere Fraktionschef Ralph Brinkhaus erhielt für seine Rede viel Applaus.
Für den Kanzler setzte sich vor allem Digitalminister Karsten Wildberger ein. Die neue Fraktionsmanagerin Catarina dos Santos-Wintz sagte am Morgen, Merz habe die volle Rückendeckung der Unionsfraktion. CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann erklärte dagegen lediglich, die CSU führe keine Personaldebatte über die politische Zukunft des Kanzlers.
Druck nach Wahlniederlagen
Merz steht seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor zwei Wochen unter Druck. Am vergangenen Sonntag flog die CDU in Mecklenburg-Vorpommern aus dem Landtag; in Berlin wurde sie von der Linken vom ersten Platz verdrängt.
Die acht CDU-Ministerpräsidenten hatten Merz bereits zuvor ihre Unterstützung zugesichert. Auch Hendrik Wüst lehnte eine Personaldebatte ab. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gilt als möglicher Nachfolger, bezeichnete eine solche Debatte aber als nicht zielführend.
Reformpaket mit der SPD
Frei zeigte sich zuversichtlich, dass das im Juli mit der SPD vereinbarte Reformpaket zügig umgesetzt wird. Bei der Rente seien nur noch Detailfragen zu klären; die Beschlüsse sollten „in einem Rutsch“ umgesetzt werden. In der SPD gibt es vor allem Widerstand gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Beitragsjahren.
Für neuen Unmut in der CDU hatte Merz mit der Aussage gesorgt, das Nebeneinander von privater und gesetzlicher Krankenversicherung berge ein Gerechtigkeitsproblem. Damit bewegte er sich eher auf der Linie des Koalitionspartners SPD.
Czaja fordert Rücktritt
Dass die Personaldebatte nicht beendet ist, zeigte eine Äußerung des früheren CDU-Generalsekretärs Mario Czaja. Er forderte im Fernsehsender Welt den sofortigen Rücktritt des Kanzlers: „Es ist an der Zeit, dass er den Platz frei macht. Es funktioniert nicht mehr mit ihm.“
Rückhalt trotz schwerer Wahlniederlagen
Die Sitzung der 208-köpfigen Unionsfraktion steht im Zeichen eines politischen Spannungsfelds: Merz soll Kanzler und CDU-Vorsitzender bleiben, zugleich verlangen mehrere Stimmen eine inhaltliche Neuorientierung. Nach den jüngsten Wahlen ist die CDU in Mecklenburg-Vorpommern erstmals nicht mehr im Landtag vertreten; in Berlin verlor sie den ersten Platz an die Linke. Die Ergebnisse erhöhen den Druck, bundespolitische Themen stärker an Alltagssorgen wie Preisen, Wohnen und sozialer Sicherheit auszurichten.
Reformkurs als Belastungsprobe
Für die Koalition mit der SPD ist entscheidend, ob die angekündigten Reformen bei Rente, Gesundheit und Wirtschaft rasch Ergebnisse bringen. Die SPD drängt auf sozial ausgewogene Änderungen, während Teile der Union vor einem Verlust des eigenen Profils warnen. Der Streit über die private und gesetzliche Krankenversicherung zeigt, dass selbst sachpolitische Kurskorrekturen unmittelbar zur innerparteilichen Machtfrage werden können.
Folgen für Regierung und Wähler
Frei versucht mit seiner Rückendeckung, die Fraktion arbeitsfähig und die Koalition stabil zu halten. Das verschafft Merz kurzfristig politischen Spielraum, beendet aber die Debatte über Kommunikation, soziale Härten und die strategische Abgrenzung zur AfD nicht. Für Bürgerinnen und Bürger wird nun maßgeblich sein, ob aus den Ankündigungen konkrete Entlastungen und verlässliche Entscheidungen entstehen. Bleiben sichtbare Erfolge aus, dürfte der Druck auf die Union vor den nächsten bundespolitischen Entscheidungen weiter wachsen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
tagesschau: „Ein weiterer ungemütlicher Arbeitstag für Merz“ (22.09.2026)
Der Bericht bestätige, dass Merz trotz der Wahlniederlagen an Kanzlerschaft, CDU-Vorsitz und Reformkurs festhalten wolle. Er setze den Schwerpunkt auf die Nervosität in der 208-köpfigen Fraktion, auf Forderungen nach einem Neustart und auf die offene Frage, ob die Beratungen auch eine Personaldebatte auslösen könnten.
Deutschlandfunk: „Nach Landtagswahlen Sachsens Ministerpräsident Kretschmer fordert Politikwechsel“ (22.09.2026)
Der Beitrag bestätige den Rückhalt führender CDU-Politiker für Merz, rücke aber die Forderung nach einem Politikwechsel durch Michael Kretschmer in den Mittelpunkt. Er beschreibe damit stärker den inhaltlichen Reformdruck, während die tagesschau die konkrete Fraktionssitzung und die mögliche Personalfrage hervorhebe.
Beide Berichte stellten den Rückhalt für Merz und den Reformbedarf als gleichzeitige Entwicklungen dar. Offen bleibe, ob die angekündigte Konzentration auf Sachthemen die innerparteiliche Kritik dauerhaft eindämmen könne.
