Welt-Ungleichheitsrat: Über 200 Professoren fordern UN-Gremium
Veröffentlicht am: 22.09.2026 um 17:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSMehr als 200 deutsche Professoren fordern die Einrichtung eines Welt-Ungleichheitsrats bei den Vereinten Nationen. In einem offenen Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verlangen sie mehr international koordinierte Forschung zu sozialer und wirtschaftlicher Ungleichheit.
Aus dem Schreiben zitierte die Süddeutsche Zeitung. Die Initiative knüpft an einen Vorstoß des früheren Weltbank-Chefökonomen Joseph Stiglitz an, der während der UN-Generalversammlung in New York für das Konzept wirbt.
Vorbild ist der Weltklimarat
Der geplante Rat soll sich am Weltklimarat orientieren. Er könnte Forschungsergebnisse aus verschiedenen Ländern bündeln und damit eine gemeinsame, faktenbasierte Grundlage für politische Entscheidungen schaffen.
Stiglitz beschreibt die weltweite Lage als „Ungleichheitsnotlage“. Nach seiner Einschätzung gefährdet sie unter anderem die demokratischen Systeme.
Unterstützung aus mehreren Staaten
Für das Anliegen gibt es den Angaben zufolge bereits offizielle Unterstützung aus Brasilien, Norwegen und Südafrika. Die deutschen Wissenschaftler setzen darauf, dass die Bundesregierung die Initiative auf internationaler Ebene aufgreift.
Im Mittelpunkt steht nicht ein einzelnes nationales Reformvorhaben, sondern der Aufbau eines dauerhaften Gremiums, das globale Entwicklungen bei Einkommen, Vermögen und Lebenschancen wissenschaftlich dokumentiert.
Die Forderung nach einem Welt-Ungleichheitsrat zielt auf eine dauerhafte wissenschaftliche Infrastruktur innerhalb der Vereinten Nationen. Vorbild ist der Weltklimarat IPCC, der den Stand der Forschung bündelt, Unsicherheiten ausweist und politische Entscheidungen mit einer gemeinsamen Wissensbasis unterstützt. Übertragen auf soziale und wirtschaftliche Ungleichheit würde ein solches Gremium regelmäßig Daten und Studien zu Einkommen, Vermögen, Bildung, Gesundheit, Arbeitsmarktchancen und politischer Teilhabe zusammenführen.
Der Ansatz gewinnt vor dem Hintergrund stark unterschiedlicher Lebensbedingungen innerhalb und zwischen Staaten an Bedeutung. Ungleichheit ist nicht allein eine Verteilungsfrage: Sie beeinflusst nach Einschätzung von Ökonomen auch sozialen Zusammenhalt, Vertrauen in Institutionen und die Stabilität demokratischer Systeme. Internationale Forschung steht dabei vor dem Problem, dass Daten nach Ländern unterschiedlich erhoben werden und Vermögen an Grenzen oder in schwer erfassbaren Eigentumsstrukturen verborgen bleiben kann.
Wissenschaftliche Grundlage für politische Entscheidungen
Ein UN-Rat könnte gemeinsame Definitionen, vergleichbare Indikatoren und regelmäßige Berichte entwickeln. Das würde bestehende Arbeiten internationaler Organisationen nicht ersetzen, sondern stärker koordinieren. Politisch bliebe die Umsetzung bei den Staaten: Ein wissenschaftliches Beratungsgremium könnte Empfehlungen und Befunde liefern, aber keine verbindlichen Umverteilungsentscheidungen treffen.
Für Deutschland liegt die unmittelbare Bedeutung darin, dass die Bundesregierung zu einer internationalen Initiative Stellung beziehen müsste. Die Unterstützung durch Brasilien, Norwegen und Südafrika zeigt zugleich, dass die Debatte über soziale Ungleichheit nicht auf einzelne Industriestaaten begrenzt ist. Offen bleibt vor allem, wie ein solcher Rat finanziert, institutionell verankert und gegen politischen Einfluss abgesichert werden könnte.
