Medizin-Nobelpreis 2026: Zwei Deutsche und ein US-Forscher für Optogenetik geehrt
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:26 Uhr | dpa, AD HOC NEWSPeter Hegemann von der Humboldt-Universität Berlin, Georg Nagel von der Universität Würzburg und der US-Forscher Karl Deisseroth erhalten den Medizin-Nobelpreis 2026 für ihre Entdeckungen auf dem Gebiet der Optogenetik.
Auszeichnung für drei Forscher
Das Karolinska-Institut in Stockholm teilte mit, dass die drei Wissenschaftler jeweils ein Drittel des Preisgelds von umgerechnet rund einer Million Euro erhalten. Deisseroth arbeitet an der Stanford University. Die beiden deutschen Preisträger hielten sich nach der Bekanntgabe zunächst aus der Öffentlichkeit fern.
Deisseroth berichtete, er sei kurz nach Mitternacht Ortszeit telefonisch über die Auszeichnung informiert worden. Alle drei Preisträger seien überrascht gewesen und hätten den Preis als große Ehre bezeichnet.
Gratulation aus dem Schloss Bellevue
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gratulierte Hegemann und Nagel. Ihre Forschung vermehre wichtiges Wissen über die Menschheit und zeige zugleich, dass Wissenschaft und Forschung in Deutschland eine starke Basis hätten.
Licht als Schalter für Nervenzellen
Die Optogenetik verbindet optische und genetische Verfahren. Zellen, meist Neuronen, lassen sich dadurch mit Licht präzise an- und abschalten. So können Forschende untersuchen, wie Nervenzellen Erinnerungen, Gefühle und Verhaltensweisen beeinflussen.
Hegemann bemerkte Anfang der 1990er Jahre, wie schnell die einzellige Alge Chlamydomonas auf Licht reagiert. Gemeinsam mit Nagel entdeckte er Anfang der 2000er Jahre das Protein Kanalrhodopsin, das Zellen lichtempfindlich macht und unter blauem Licht elektrische Impulse auslösen kann.
Deisseroth übertrug das Prinzip ins Gehirn
Deisseroth setzte das Gen für das Protein zunächst in Nervenzellen von Ratten ein. 2007 gelang es ihm, Nervenzellen im Gehirn lebender Mäuse mit Licht zu aktivieren. Damit konnte er die Rolle bestimmter Zellgruppen für Verhalten und Emotionen untersuchen.
Die Methode wird inzwischen auch mit Blick auf medizinische Anwendungen erforscht. Bei der Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa laufen frühe klinische Studien. In einem Machbarkeitsnachweis konnte ein seit Jahrzehnten blinder Patient nach einer optogenetischen Behandlung mit einer Spezialbrille einfache Gegenstände erkennen.
Hoffnungen für Sehen und Hören
Forschende prüfen außerdem, ob sich Cochlea-Implantate durch optogenetische Verfahren präziser machen lassen. Bei Depressionen, Angststörungen und Parkinson wird die Methode vor allem genutzt, um Krankheitsmechanismen und neuronale Netzwerke im Labor zu untersuchen.
Preisverleihung im Dezember
Der Medizin-Nobelpreis wird traditionell am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel, überreicht. Mit der Bekanntgabe in der Medizin beginnt der Nobelpreis-Reigen; anschließend folgen die Preise für Physik, Chemie, Literatur, Frieden und Wirtschaftswissenschaften.
Von der Algenforschung zum Werkzeug der Neurowissenschaft
Die Auszeichnung würdigt eine Entwicklung, die Grundlagenforschung und medizinische Anwendung eng verbindet. Hegemann und Nagel machten lichtempfindliche Proteine aus einzelligen Algen für die Forschung nutzbar; Deisseroth übertrug das Prinzip auf Nervenzellen und erweiterte es zu einer Methode, mit der sich die Aktivität bestimmter Zelltypen gezielt untersuchen lässt.
Die Bedeutung der Optogenetik liegt vor allem darin, dass sie nicht nur Zusammenhänge sichtbar macht, sondern Eingriffe mit hoher zeitlicher und zellulärer Präzision erlaubt. Forschende können dadurch untersuchen, welche neuronalen Netzwerke an Erinnerungen, Emotionen und Verhalten beteiligt sind. Das schafft ein genaueres Verständnis komplexer Hirnfunktionen als rein beobachtende Verfahren.
Medizinische Chancen und Grenzen
Für Patientinnen und Patienten ist entscheidend, dass aus einem Forschungsvorteil im Labor erst schrittweise eine Therapie werden muss. Bei Retinitis pigmentosa gibt es bereits frühe klinische Ansätze, bei denen lichtempfindliche Proteine in Netzhautzellen eingebracht werden. Das bislang erzielte Sehen bleibt jedoch rudimentär, und Sicherheit, Wirksamkeit sowie langfristige Haltbarkeit müssen weiter geprüft werden.
Auch bei Hörstörungen und neurologischen Erkrankungen wird die Methode erforscht. Dafür müssen Gentherapie, Lichtquellen und implantierbare Geräte zuverlässig zusammenspielen. Der Nobelpreis markiert deshalb vor allem die wissenschaftliche Tragweite der Entdeckung – nicht den Abschluss einer breiten medizinischen Nutzung.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Merkur: „Medizin-Nobelpreis geht nach Deutschland: Die bahnbrechende Entdeckung von Hegemann und Nagel“ (05.10.2026)
Der Bericht bestätige die Auszeichnung für Hegemann, Nagel und Deisseroth und hebe die Entwicklung der Optogenetik von der Algenforschung zu einem vielseitigen Werkzeug der Neurowissenschaft hervor. Anders als die dpa-Meldung richte er den Schwerpunkt stärker auf mögliche Anwendungen bei Hirnerkrankungen und die Rolle Deisseroths beim Ausbau der Technologie.
Spiegel: „Nobelpreis für Medizin geht an zwei Deutsche und einen US-Amerikaner“ (05.10.2026)
Der Artikel bestätige den Preis für die drei Forschenden und erkläre die technische Grundlage der Optogenetik: Channelrhodopsin mache Zellen lichtempfindlich, wodurch Nervenzellen gezielt an- und abgeschaltet werden könnten. Er setze den Akzent auf das Verständnis von Erinnerungen und Gefühlen sowie auf die gemeinsame Preisgeldsumme.
Beide Beiträge stimmten beim Preisträgertrio und bei der Bedeutung lichtgesteuerter Ionenkanäle überein. Der Merkur-Bericht betone stärker die therapeutischen Perspektiven, während der Spiegel die Funktionsweise und den neurowissenschaftlichen Erkenntnisgewinn hervorhebe.
