Medienbildung an Schulen: 90 Prozent der Experten sehen sie als sehr schlecht
Veröffentlicht am: 17.09.2026 um 01:00 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSMedienpädagogen bewerten die Medienbildung an deutschen Schulen überwiegend als mangelhaft und sehen grundlegende Defizite in der pädagogischen Praxis. Trotz technischer Ausstattung fehlt es nach ihrer Einschätzung vor allem an festen Strukturen und qualifiziertem Personal.
Mitgliederbefragung von GMK und Kinderhilfswerk
In einer Mitgliederbefragung der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur in Kooperation mit dem Deutschen Kinderhilfswerk haben rund 90 Prozent der teilnehmenden Medienpädagogen die Medienbildung an Schulen in Deutschland als „sehr schlecht“ bewertet. Die Ergebnisse der Befragung wurden in der Donnerstagausgabe der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ veröffentlicht.
Nach Angaben der Befragten liegt das Problem nicht in einer fehlenden technischen Ausstattung der Schulen. Vielmehr kritisieren sie eine mangelnde medienpädagogische Qualifikation und Fortbildung von Lehrkräften, die fehlende verbindliche Verankerung von Medienbildung in den Lehrplänen sowie das Fehlen von ausreichend qualifiziertem Personal.
Abhängigkeit vom Engagement einzelner Lehrkräfte
Die Medienpädagogen stellen heraus, dass Medienbildung an vielen Schulen bislang keine feste Struktur hat. Ob entsprechende Angebote stattfinden und ob sie gelingen, hängt demnach häufig vom persönlichen Engagement einzelner Lehrkräfte und der jeweiligen Schulleitung ab. Einheitliche Standards oder verpflichtende Konzepte zur Medienbildung sehen die Befragten vielfach nicht gegeben.
Forderungen des Deutschen Kinderhilfswerkes
Das Deutsche Kinderhilfswerk knüpft mit der Befragung an Forderungen einer Expertenkommission für besseren Jugendschutz im Auftrag der Bundesregierung an. Die Kommission hatte betont, dass der Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum enger mit pädagogischer Begleitung verknüpft werden müsse.
Der Geschäftsführer des Deutschen Kinderhilfswerkes, Kai Hanke, fordert, Bund und Länder dürften sich nicht mit politischen Absichtserklärungen begnügen. Sie müssten die notwendigen Bedingungen schaffen, damit gute Medienbildung in der Schulpraxis verlässlich umgesetzt werden kann. Dazu gehört aus seiner Sicht, dass Medienbildung verbindlich im Schulalltag verankert und ausreichend medienpädagogisch qualifiziertes Personal zur Verfügung gestellt wird.
Medienpädagogische Ansprechpersonen an jeder Schule
Als konkretes Ziel nennt Hanke, dass an jeder Schule mindestens eine medienpädagogisch qualifizierte Ansprechperson vorhanden sein sollte. Schülerinnen und Schüler sollen sich mit belastenden medienbezogenen Fragen – etwa zu problematischen Inhalten, Cybermobbing oder dem Umgang mit persönlichen Daten – an diese Fachkraft wenden können.
Mit dieser Forderung verbinden die Beteiligten die Erwartung, dass Medienbildung über punktuelle Projekte hinaus zu einem festen Bestandteil von Schule wird. Langfristig soll dadurch erreicht werden, dass Kinder und Jugendliche ihre digitalen Lebenswelten reflektierter nutzen und besser vor Risiken geschützt werden.
Die Einschätzung der Medienpädagogen, dass die Medienbildung an deutschen Schulen „sehr schlecht“ sei, fällt in eine Zeit, in der Kinder und Jugendliche digitale Angebote intensiver nutzen als je zuvor. Viele Schulen haben in den vergangenen Jahren ihre technische Ausstattung ausgebaut, etwa durch Tablets, Lernplattformen und digitale Tafeln. Dennoch zeigt die Befragung, dass Technik allein nicht ausreicht, wenn pädagogische Konzepte, feste Zuständigkeiten und qualifiziertes Personal fehlen.
Strukturelle Defizite trotz Digitalausstattung
Die Kritik an fehlenden verbindlichen Strukturen und an unzureichender Qualifikation der Lehrkräfte verweist auf ein strukturelles Problem im Bildungssystem. Medienbildung ist in vielen Lehrplänen zwar erwähnt, aber nicht konsequent mit Stundenkontingenten, Fortbildungsprogrammen und klaren Verantwortlichkeiten hinterlegt. Dadurch bleibt sie oft ein Zusatzangebot, das vom individuellen Engagement einzelner Lehrkräfte abhängt. Für Schülerinnen und Schüler bedeutet das, dass sie zwar täglich digitale Geräte und soziale Medien nutzen, in der Schule aber nur begrenzt lernen, Risiken zu erkennen, Informationen zu prüfen und ihre eigenen Daten zu schützen.
Jugendschutz und Verantwortung der Politik
Die Forderungen des Deutschen Kinderhilfswerkes knüpfen an Empfehlungen einer Expertenkommission zum Jugendschutz an, die den Bund und die Länder in der Pflicht sieht. Wenn an jeder Schule mindestens eine medienpädagogisch qualifizierte Ansprechperson vorhanden sein soll, würde dies den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher direkt betreffen: Sie hätten eine klare Adresse für Fragen zu Cybermobbing, problematischen Inhalten oder Datenschutz. Für die Politik steht damit mehr auf dem Spiel als nur die Technikfrage – es geht um verlässliche pädagogische Rahmenbedingungen, Fortbildungsangebote und die Verankerung von Medienkompetenz als Kernbestandteil schulischer Bildung.
Ausblick für Schulen und Familien
Für Eltern und Schulen dürfte die Befragung ein weiterer Hinweis darauf sein, dass Medienbildung gezielt eingefordert und aufgebaut werden muss. Ob Bund und Länder die Forderungen nach verbindlichen Strukturen und zusätzlichen Fachkräften aufgreifen, wird darüber entscheiden, ob Medienbildung künftig von Einzelinitiativen zu einem festen Bestandteil des Schulalltags wird. Klar ist: Je stärker digitale Medien den Alltag prägen, desto dringender wird der Bedarf an qualifizierter Begleitung für Kinder und Jugendliche.
