Mecklenburg-Vorpommern Landtagswahl: AfD vor SPD – CDU zittert um Einzug in den Landtag
Veröffentlicht am: 20.09.2026 um 18:52 Uhr | dpa, AD HOC NEWSBei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern liegt die AfD nach ersten Hochrechnungen knapp vor der SPD, während die CDU nur hauchdünn den Wiedereinzug in den Landtag schafft.
AfD vor SPD – Schwesig beansprucht Regierungsführung
Nach den Hochrechnungen von ARD und ZDF kommt die SPD mit ihrer auf einen Zweikampf mit der AfD zugeschnittenen Kampagne auf 35,6 bis 36,3 Prozent der Stimmen und bleibt damit hinter der AfD zurück. Ministerpräsidentin Manuela Schwesig hatte bei der vergangenen Wahl 2021 noch 39,6 Prozent erreicht. Trotz der Verluste meldet sie ihren Anspruch auf das Amt der Regierungschefin an und kann voraussichtlich weiter regieren.
Die AfD um Ministerpräsidentenkandidaten Leif-Erik Holm baut ihr Ergebnis deutlich aus und liegt mit 37,1 bis 37,8 Prozent nun klar an der Spitze. Im Vergleich zu 16,7 Prozent vor fünf Jahren bedeutet dies mehr als eine Verdopplung. Einen Koalitionspartner findet die Partei jedoch nicht, da alle anderen Parteien ein Bündnis mit ihr ausschließen.
Schwere Verluste für CDU und Linke
Die CDU mit ihrem Landesvorsitzenden Daniel Peters verliert im stark polarisierten Wahlkampf zwischen AfD und SPD mehr als die Hälfte ihrer Stimmen und landet nur bei 5,1 bis 5,4 Prozent. Sie droht damit erstmals seit Gründung der Bundesrepublik fast aus einem Landtag zu verschwinden und ist lediglich knapp im Parlament vertreten. Dennoch gilt sie – ebenso wie die Grünen – als mögliche zusätzliche Stütze für eine Regierungsbildung unter Schwesig, falls beide Parteien im Landtag bleiben.
Die Linke kommt nur auf 6,2 bis 7,4 Prozent und verfehlt damit deutlich sowohl die eigenen Erwartungen als auch das Resultat von 2021 mit 9,9 Prozent. Dennoch bleibt sie für Schwesig als Koalitionspartnerin erhalten. Die Grünen rutschen auf etwa 5,5 Prozent und liegen damit leicht unter ihrem Vorjahreswert von 6,3 Prozent. Die FDP fällt mit 1 bis 1,1 Prozent klar unter die Fünf-Prozent-Hürde und verliert ihren Sitz im Landtag.
BSW zittert – neue Sitzverteilung im Schweriner Schloss
Das erstmals angetretene Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) muss mit 4,8 bis 5 Prozent um den Einzug ins Parlament bangen. Nach Nachwahlbefragungen von Infratest dimap und Forschungsgruppe Wahlen könnte sich die Sitzverteilung im Schweriner Schloss wie folgt darstellen: SPD 26 bis 28 Mandate, AfD 27 bis 30, Linke 5 bis 6, CDU 4, Grüne 4. Die absolute Mehrheit im 79 Sitze umfassenden Landtag liegt bei 36 Mandaten.
Rund 1,3 Millionen Menschen waren wahlberechtigt, darunter erstmals auch 16- und 17-Jährige. Die Wahlbeteiligung liegt nach ZDF-Prognose bei 75,5 Prozent und damit deutlich über den 70,8 Prozent von 2021.
Bundespolitische Folgen und Druck auf CDU-Chef Merz
Das Ergebnis wirkt über Mecklenburg-Vorpommern hinaus und erhöht den Druck auf Bundeskanzler Friedrich Merz. Bereits nach der Niederlage der CDU in Sachsen-Anhalt sprach er von einem Desaster, nun folgt das nächste Wahlschlag. Die acht CDU-Ministerpräsidenten hatten ihrem Parteichef Mitte der Woche noch den Rücken gestärkt. Die Diskussion um seine Führung dürfte mit der erneuten Niederlage wieder aufflammen und die Koalition belasten.
Schwesig bezeichnete diese Landtagswahl als ihre bislang schwerste und sprach von einer Aufholjagd. Auch die AfD reklamiert den Regierungsauftrag für sich: Holm kündigte an, alle Parteien zu Gesprächen einzuladen und erklärte, es gehe darum, das Land wieder auf Vordermann zu bringen.
Komplizierte Koalitionssuche und enge Fristen
Für Schwesig könnte die Regierungsbildung trotz des behaupteten Regierungsanspruchs schwierig werden. Mit der bisherigen Partnerin Linke reicht es nicht für eine Mehrheit. Die CDU dürfte sich wegen ihres Unvereinbarkeitsbeschlusses gegenüber der Linken kaum an einem Bündnis unter Einschluss der Partei beteiligen oder eine solche Konstellation tolerieren. Als denkbar gilt daher eine Erweiterung zu Rot-Rot-Grün mit den Grünen oder ein rot-schwarzes Minderheitsbündnis, das ähnlich wie in Sachsen und Thüringen punktuell mit der Linken zusammenarbeitet.
Die Zeit dafür ist knapp: Der neue Landtag muss laut Landesverfassung spätestens 30 Tage nach der Wahl erstmals zusammentreten und innerhalb weiterer vier Wochen mit der Mehrheit aller Abgeordneten einen Regierungschef wählen. Scheitert dies, kann der Landtag binnen zwei Wochen seine Auflösung beschließen und damit Neuwahlen auslösen oder noch am selben Tag mit einfacher Mehrheit einen Regierungschef wählen.
Polarisierter Wahlkampf und strukturelle Faktoren
Der Wahlkampf war stark polarisiert und konzentrierte sich auf die Frage, ob SPD oder AfD stärkste Kraft werden. Die AfD warb mit Holm als Ministerpräsident, die SPD mit Schwesig als „Die Frau gegen Blau“. Die Auseinandersetzung sorgte vor allem für eine Umverteilung innerhalb des Nicht-AfD-Lagers zugunsten der SPD, während andere Parteien kaum Gehör fanden.
Inhaltlich spielten unter anderem die Bildungspolitik und der Umgang mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine Rolle. Die AfD kündigte im Falle einer Regierungsbeteiligung an, den Rundfunkstaatsvertrag zu kündigen. Hinzu kamen Unzufriedenheit mit dem Reformkurs der Bundesregierung sowie hohe Spritpreise, gegen die Schwesig lautstark Entlastung vom Bund forderte. Sie distanzierte sich im Wahlkampf deutlich von der Berliner Koalition und gab sich bei Ortsterminen volksnah als Landesmutter mit hohen Sympathiewerten.
AfD-Erfolg und gesellschaftliche Spannungen
Die AfD konnte die Sorgen vieler Menschen angesichts globaler Krisen und den Wunsch nach schnellen Lösungen für sich nutzen. Dabei profitiert sie vom sozialen Gefälle zwischen den touristisch starken Küstenregionen und dem wirtschaftlich schwächeren Binnenland. Holm, ein ehemaliger Radiomoderator und Bundestagsabgeordneter, schlug im Wahlkampf moderatere Töne an als andere AfD-Vertreter, ist innerhalb der Partei aber umstritten, weil er nur für das Amt des Ministerpräsidenten und nicht für den Landtag kandidierte.
Historischer Rechtsruck im Nordosten
Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern markiert einen Einschnitt im politischen Gefüge des Landes. Erstmals liegt die AfD klar vor der SPD und wird stärkste Kraft im Schweriner Landtag. Zugleich fallen gleich mehrere etablierte Parteien auf historische Tiefststände, allen voran die CDU. Damit setzt sich ein Trend fort, der bereits zuvor in anderen ostdeutschen Ländern zu beobachten war: Ein wachsender Teil der Wählerschaft bevorzugt rechtsaußen angesiedelte Kräfte gegenüber den bisherigen Regierungsparteien.
Besonders brisant ist, dass die AfD zwar deutlich gewinnt, aber politisch isoliert bleibt. Da keine andere Partei eine Koalition mit ihr eingehen will, verschiebt sich der Fokus von der Frage, wer die meisten Stimmen hat, hin zur Frage, wer überhaupt eine stabile Mehrheit organisieren kann. Die SPD von Manuela Schwesig kann ihren Machtanspruch behaupten, verliert jedoch deutlich an Rückhalt und ist mehr denn je auf Partner angewiesen. Die Linke bleibt als bisheriger Koalitionspartner geschwächt, und ein zusätzliches Bündnis mit Grünen oder CDU wäre politisch wie programmatisch anspruchsvoll.
Druck auf Berlin und schwierige Mehrheitsbildung
Die deutliche Niederlage der CDU im Nordosten erhöht den Druck auf Parteichef Friedrich Merz erneut. Nach der jüngsten Schlappe in Sachsen-Anhalt steht nun der nächste Verlust eines vormals zweistelligen Ergebnisses im Raum. Das nährt innerparteiliche Debatten über Kurs, Personal und die strategische Ausrichtung gegenüber AfD und Ampelkoalition. Zugleich zeigt sich, dass bundespolitische Konflikte und Reformvorhaben – etwa in der Sozialpolitik oder beim Thema Energiepreise – stark in die Länder hineinwirken und dort Wahlkämpfe überlagern.
Für die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern geht es nun um die Frage, ob schnell eine handlungsfähige Regierung zustande kommt. Die Frist bis spätestens Anfang Dezember setzt alle Beteiligten unter Zeitdruck. Möglich sind komplexe Mehrparteienbündnisse oder Minderheitskonstellationen mit wechselnden Mehrheiten. Klar ist bereits: Die politische Polarisierung zwischen AfD und SPD wird den Stil und die Stabilität der kommenden Legislatur entscheidend prägen.
