Krankenhäuser erwarten mehr Pleiten nach sieben Prozent Minus
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 12:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFolgen für Personal und Investitionen
- Die Roland-Berger-Studie basiert auf Interviews mit rund 600 Geschäftsführern und ärztlichen Direktoren.
- 68 Prozent der Kliniken planen Maßnahmen beim Pflegepersonal, 86 Prozent in anderen Abteilungen.
- Gut die Hälfte der Häuser will Investitionen verschieben oder streichen.
Krankenhäuser erwarten mehr Insolvenzen
Die deutschen Krankenhäuser rechnen mit einer weiteren Verschärfung ihrer finanziellen Not, nachdem bereits viele Häuser hohe Verluste verzeichnen. Grundlage der Einschätzung ist die neue jährliche Krankenhausstudie der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger mit Interviews von rund 600 Geschäftsführern und ärztlichen Direktoren.
Defizite werden tiefer
2025 schrieben 73 Prozent der Kliniken rote Zahlen. Bei 56 Prozent lag das Defizit am Jahresende bei mehr als zehn Prozent des Umsatzes, in einzelnen Häusern sogar bei einem Viertel.
Nach Einschätzung der Unternehmensberater unterschreiten damit viele Kliniken die Grenze ihrer finanziellen Tragfähigkeit. Zahlreiche Häuser haben ihre Reserven weitgehend aufgebraucht. Mitautor Jonas Hollacher schreibt, die Zahl der Insolvenzen werde wahrscheinlich stark steigen.
Personal gerät unter Druck
Um gegenzusteuern, planen 68 Prozent der befragten Kliniken Maßnahmen beim Pflegepersonal. In anderen Abteilungen wollen 86 Prozent sparen; mehr als die Hälfte der Häuser beabsichtigt außerdem, Investitionen zu verschieben oder zu streichen.
Verluste werden eingeplant
84 Prozent der Klinikchefs geben an, ihr Ergebnisziel im vergangenen Jahr erreicht zu haben. Die Verluste waren demnach bereits einkalkuliert, weil viele Häuser nicht mehr mit schwarzen Zahlen rechneten.
Sparpaket belastet Einnahmen
Das im Juli von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Beitragsstabilisierungsgesetz soll weitere Beitragserhöhungen der gesetzlichen Krankenkassen verhindern. Die befragten Klinikchefs erwarten dadurch im Schnitt einen Einnahmerückgang von sieben Prozent.
Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie Landes- und Kommunalpolitiker warnten vor Folgen für die medizinische Versorgung. Zwei Drittel der Krankenhauschefs rechnen für die kommenden Jahre mit einer weiteren Verschlechterung der Lage.
Sozialverband verlangt mehr Geld
Der Sozialverband Deutschland forderte Bund und Länder auf, die Krankenhäuser auskömmlich zu finanzieren. Verbandspräsidentin Michaela Engelmeier verlangte, die Krankenhausreform müsse die Versorgungsqualität verbessern, unverzichtbare Standorte erhalten und den wirtschaftlichen Druck auf die Kliniken verringern.
Zudem müssten die Länder ihrer Verantwortung für die Investitionskosten nachkommen, statt die finanziellen Lasten einseitig auf die gesetzlich Versicherten abzuwälzen.
Die Studie beschreibt eine strukturelle Finanzierungskrise, die über einzelne wirtschaftlich angeschlagene Häuser hinausgeht. Wenn 73 Prozent der Kliniken im Jahr 2025 Verluste verzeichneten und bei 56 Prozent das Defizit mehr als zehn Prozent des Umsatzes betrug, wird der Spielraum für Rücklagen, Modernisierung und kurzfristige Krisenbewältigung kleiner.
Besonders folgenreich ist der Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Druck und Personalplanung. Einsparungen beim Pflegepersonal sowie in anderen Abteilungen können die Arbeitsbelastung erhöhen und die Fähigkeit der Kliniken beeinträchtigen, Leistungen dauerhaft anzubieten. Verschobene Investitionen betreffen zudem Gebäude, Medizintechnik und Digitalisierung.
Finanzdruck trifft Reform und Versorgung
Die Krankenhausreform soll Leistungen stärker bündeln und Strukturen verändern. Solche Anpassungen benötigen jedoch Zeit und zunächst häufig zusätzliche Investitionen. Wenn gleichzeitig Einnahmen sinken und Häuser ihre Reserven aufbrauchen, steigt der Druck auf Träger, Länder und Kommunen, Übergangsfinanzierungen oder regionale Lösungen zu organisieren.
Für Patientinnen und Patienten kann sich die Entwicklung vor allem regional bemerkbar machen: durch längere Wege, weniger Angebote oder veränderte Zuständigkeiten. Ob Kliniken schließen, fusionieren oder einzelne Abteilungen aufgeben, hängt von ihrer Lage, dem Versorgungsauftrag und der Unterstützung durch die jeweiligen Träger ab. Die Umfrage macht damit deutlich, dass die Debatte über Beitragssätze unmittelbar mit der Stabilität der Krankenhausversorgung verbunden ist.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Stern: „Wachsende Defizite: Krankenhäuser fürchten neue Milliardenlöcher und Pleiten“ (30.10.2026)
Der Beitrag hebt wie die dpa-Meldung die wachsenden Verluste, den erwarteten Personalabbau und die Folgen des Sparpakets hervor. Einen eigenen Akzent setzt er auf die bereits eingeplanten Verluste vieler Kliniken und die fortgesetzte Verschlechterung in den kommenden Jahren.
n-tv: „Reserven weitgehend aufgebraucht: Krankenhäuser fürchten neue Milliardenlöcher und Pleiten“ (30.10.2026)
Auch n-tv betont die weitgehend aufgebrauchten Reserven und die Gefahr von Einsparungen in der Pflege. Der Beitrag stellt zusätzlich den Zusammenhang mit dem Ziel stabiler Krankenkassenbeiträge heraus; offen bleibt, wie Bund und Länder die entstehenden Finanzierungslücken schließen wollen.
Beide Beiträge bestätigen die finanzielle Zuspitzung und die erwarteten Belastungen für Personal und Investitionen. Unterschiede bestehen vor allem bei der Gewichtung von Reserven, Beitragspolitik und den möglichen Folgen für die Versorgung.
