Krankenhäuser: 73 Prozent schreiben rote Zahlen
Veröffentlicht am: 30.10.2026 um 05:00 Uhr | dpa, AD HOC NEWSFolgen für Personal und Investitionen
- Die Studie basiert auf Interviews mit rund 600 Geschäftsführern und ärztlichen Direktoren.
- 86 Prozent der befragten Kliniken planen Maßnahmen in Abteilungen außerhalb der Pflege.
- Mehr als die Hälfte der Häuser will Investitionen verschieben oder streichen.
Krankenhausstudie warnt vor wachsender Finanznot
Die große Mehrheit der deutschen Krankenhäuser befindet sich finanziell in prekärer Lage. Nach Einschätzung vieler Klinikchefs werden die Sparmaßnahmen der Bundesregierung die Not weiter verschärfen.
73 Prozent schreiben Verluste
Nach der jährlichen Krankenhausstudie der Münchner Unternehmensberatung Roland Berger schrieben 2025 fast drei Viertel der Kliniken rote Zahlen. Grundlage sind Interviews mit rund 600 Geschäftsführern und ärztlichen Direktoren.
Der Anteil lag zwar geringfügig unter dem Vorjahreswert, zugleich vertieften sich die Defizite. Bei 56 Prozent der Häuser belief sich der Verlust am Jahresende auf mehr als zehn Prozent des Umsatzes, bei einigen Kliniken sogar auf ein Viertel.
Berater erwarten mehr Insolvenzen
Viele Kliniken haben laut Studie ihre finanziellen Reserven weitgehend aufgebraucht. Die Unternehmensberater erwarten deshalb einen starken Anstieg der Krankenhausinsolvenzen.
Als wahrscheinliche Reaktionen nennt die Studie Personalabbau und verschobene Investitionen. Zwei Drittel der Klinikchefs rechnen für die kommenden Jahre mit einer weiteren Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage.
Pflege und andere Abteilungen betroffen
Beim Personal wollen 68 Prozent der befragten Häuser Maßnahmen in der Pflege ergreifen. In den übrigen Abteilungen planen dies 86 Prozent.
Gut die Hälfte der Kliniken will Investitionen verschieben oder streichen. Zugleich gaben 84 Prozent der Klinikchefs an, ihr Ergebnisziel im vergangenen Jahr erreicht zu haben. Die Verluste waren damit vielfach bereits eingeplant.
Sparpaket belastet Einnahmen
Das im Juli von Bundestag und Bundesrat verabschiedete Beitragsstabilisierungsgesetz soll weitere Beitragserhöhungen der gesetzlichen Krankenkassen verhindern. Nach Einschätzung der befragten Klinikchefs wird es die finanzielle Lage der Krankenhäuser jedoch zusätzlich verschärfen.
Im Durchschnitt rechnen sie mit einem Einnahmerückgang von sieben Prozent. Auch der Hausärztinnen- und Hausärzteverband sowie Landes- und Kommunalpolitiker hatten vor Folgen für die medizinische Versorgung gewarnt.
Die Krankenhausstudie beschreibt eine finanzielle Schieflage, die viele Häuser nicht mehr allein durch kurzfristige Einsparungen auffangen können. Wenn 73 Prozent der Kliniken bereits Verluste schreiben und bei mehr als der Hälfte das Defizit über zehn Prozent des Umsatzes liegt, betrifft die Entwicklung nicht nur einzelne Träger, sondern die Stabilität der stationären Versorgung.
Die angekündigten Reaktionen folgen einem bekannten Muster: Kliniken verschieben Investitionen, reduzieren Personal und konzentrieren Leistungen an weniger Standorten. Das kann wirtschaftlich entlasten, erhöht aber den Druck auf Beschäftigte und Patienten, wenn Versorgungsangebote regional schwerer erreichbar werden. Besonders sensibel ist der Abbau in der Pflege, weil dort die Versorgungskapazität unmittelbar von der verfügbaren Zahl qualifizierter Mitarbeiter abhängt.
Politischer Spardruck und regionale Folgen
Das im Sommer verabschiedete Beitragsstabilisierungsgesetz verschärft nach Einschätzung der befragten Klinikchefs die Einnahmesituation. Die Debatte verbindet damit zwei Ziele, die politisch schwer auszugleichen sind: stabile Kassenbeiträge und eine auskömmliche Finanzierung der Krankenhäuser. Ein aktuelles Beispiel liefert Bremen, wo der kommunale Klinikverbund Geno wegen seiner Krise einen Hilfskredit von 293 Millionen Euro erhalten soll und 560 Vollzeitstellen sowie Standorte zur Disposition stehen.
Für Patienten und Beschäftigte wird deshalb entscheidend sein, ob Länder, Kommunen und Krankenkassen die Finanzierung strukturell neu ordnen oder Kliniken vor allem über Personalabbau und Standortkonzentration reagieren. Die Studie erwartet für die kommenden Jahre keine schnelle Entspannung; damit dürfte der Streit über Krankenhausplanung, Investitionen und die Verteilung der Kosten weiter zunehmen.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
taz: „Bremer Klinikbetreiber schließt Standort: Schrumpfkur wird teuer“ (28.10.2026)
Der Artikel berichtet über die existenzbedrohte Lage des Bremer Klinikverbunds Geno, einen geplanten Hilfskredit von 293 Millionen Euro sowie den Abbau von 560 Vollzeitstellen. Anders als die bundesweite Studie richtet sich der Schwerpunkt auf die konkrete Umsetzung von Sanierung und Standortabbau; zugleich wird die politische Verantwortung für die Krise unterschiedlich bewertet.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
BR: „Gesundheitssektor: Klinik in Bruckmühl nach Auflagen insolvent“ (28.10.2026)
Der Beitrag meldet den Insolvenzantrag einer geriatrischen Rehaklinik in Bruckmühl nach Einschränkungen durch das Landratsamt Rosenheim. Er liefert damit ein regionales Beispiel für die im dpa-Bericht erwartete Zunahme von Insolvenzen, setzt den Akzent aber auf behördliche Auflagen und konkrete Probleme des einzelnen Hauses.
Beide Beiträge veranschaulichen die angespannte Lage durch konkrete Klinikfälle. Unterschiedlich bleiben die Ebenen: Während die taz finanzielle und politische Sanierungsentscheidungen beleuchtet, konzentriert sich der BR auf einen Insolvenzantrag in Bayern.
