KI-Abhängigkeit: Wildberger warnt vor US-Dominanz in Europa
Veröffentlicht am: 27.09.2026 um 10:26 Uhr | dts-nachrichtenagentur, AD HOC NEWSBundesdigitalminister Karsten Wildberger (CDU) warnt vor einer wachsenden Abhängigkeit Deutschlands von außereuropäischer Künstlicher Intelligenz. Angesichts der Dominanz US-amerikanischer Konzerne fordert er eine strategische Infrastrukturpolitik und mehr Bereitschaft zu technologischer Innovation.
Wildberger kritisiert europäische Zurückhaltung
Im Silicon Valley habe er eine Aufbruchsstimmung erlebt, während in Europa häufig Zurückhaltung herrsche, sagte Wildberger dem Fernsehsender ntv. Er befürwortet nach eigenen Angaben „kreative Zerstörung“ und warnt davor, die Geschwindigkeit der Technologieentwicklung durch politische Vorgaben bremsen zu wollen.
Das Potenzial von KI liege „in einer ganz anderen Dimension“. Daraus könne ein sehr starkes Wachstum entstehen, das auch benötigt werde, um den Umbau von Arbeitswelt und Gesellschaft zu finanzieren.
Warnung vor technologischem Autonomieverlust
Seine größte Sorge sei, dass Deutschland und Europa die Technologie künftig nicht mehr selbst entwickeln oder beherrschen könnten. Eine langsamere Entwicklung in Europa würde Innovation nach seiner Einschätzung lediglich in andere Regionen verlagern und die Abhängigkeit dadurch vergrößern.
Gleichzeitig hält Wildberger staatliche Kontrolle für notwendig. Produkte müssten geprüft werden, und der Staat müsse eingreifen, wenn sich gesellschaftliche Nachteile zeigten.
Europäische Fähigkeiten sollen strategisch geschützt werden
Die europäisch-demokratischen Werte müssten strategisch verteidigt werden, sagte der Minister. Dazu müsse Europa bestimmen, über welche Fähigkeiten es selbst verfügen müsse und bei welchen Technologien andere Staaten auf europäische Leistungen angewiesen sein könnten.
Die Warnung von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger berührt eine zentrale Frage der europäischen Digitalpolitik: Wer Rechenleistung, Chips, Cloud-Plattformen und leistungsfähige KI-Modelle kontrolliert, verfügt nicht nur über wirtschaftliche Vorteile, sondern auch über strategischen Einfluss. Die USA und China prägen die Entwicklung großer Modelle, während europäische Staaten versuchen, eigene Kapazitäten aufzubauen und zugleich gemeinsame Regeln durchzusetzen.
Abhängigkeit kann auf mehreren Ebenen entstehen. Unternehmen und Behörden sind auf ausländische Cloud-Dienste angewiesen, sensible Daten können außerhalb Europas verarbeitet werden, und die Entwicklung leistungsfähiger Modelle setzt große Mengen an Rechenleistung und spezialisierten Chips voraus. Investitionen in europäische Rechenzentren können diese Lücke verringern, ersetzen aber nicht automatisch eigene Software, Forschung und industrielle Anwendungen.
Zwischen Innovation und Kontrolle
Wildbergers Forderung verbindet deshalb zwei Ziele, die politisch häufig gegeneinander abgewogen werden: Europa soll Innovation nicht durch übermäßige Vorgaben ausbremsen, muss Risiken und gesellschaftliche Folgen aber weiterhin kontrollieren. Für Deutschland bedeutet das, Forschung, Start-ups, Netze, Energieversorgung und öffentliche Beschaffung stärker zusammenzudenken. Für Bürger und Unternehmen entscheidet sich daran, ob digitale Dienste langfristig verfügbar, bezahlbar und datenschutzrechtlich kontrollierbar bleiben.
International gewinnt zugleich die Regulierung an Bedeutung. Im September forderte Außenminister Johann Wadephul bei den Vereinten Nationen gemeinsame Verantwortung für eine sichere KI-Entwicklung, während Berichte über geplante Gesprächskanäle zwischen den USA und China zeigen, dass die führenden KI-Mächte ihre Risiken zunehmend auch außenpolitisch behandeln.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Focus: „Lidl investiert Milliarden in KI-Rechenzentrum“ (26.09.2026)
Der Beitrag bestätigt den strukturellen Kern der Warnung: Deutschland investiert in eigene KI-Rechenzentren, bleibt bei Rechenkapazität und Cloud-Diensten aber deutlich hinter den USA zurück. Anders als Wildberger konzentriert sich der Artikel auf Infrastruktur, Datenschutz und die Frage, ob private Milliardeninvestitionen allein digitale Souveränität schaffen können.
Deutschlandfunk: „UNO-Vollversammlung - Bundesaußenminister Wadephul fordert mehr gemeinsame Verantwortung für KI“ (26.09.2026)
Der Deutschlandfunk setzt den Schwerpunkt auf internationale Regeln und die Verantwortung der Staaten für eine sichere Entwicklung. Damit ergänzt der Beitrag Wildbergers industrie- und infrastrukturelle Perspektive um die außenpolitische Dimension; offen bleibt, wie gemeinsame Standards gegenüber den führenden KI-Mächten praktisch durchgesetzt werden können.
Gemeinsam ist den Beiträgen die Einschätzung, dass Europa eigene Fähigkeiten ausbauen und zugleich verbindliche Sicherheitsregeln schaffen muss. Unterschiede bestehen vor allem beim Schwerpunkt: Infrastruktur und wirtschaftliche Abhängigkeit stehen der internationalen Regulierung gegenüber.
